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GRIECHENLAND Bloße Erinnerung

Premier Papandreou betreibt über 30 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs die »nationale Versöhnung": Er lud die restlichen in Ostblockstaaten versprengten Partisanen zur Heimkehr ein.
aus DER SPIEGEL 2/1983

Nach 34 Jahren sagte sich aus der russischen Stadt Pensa, 600 Kilometer südöstlich von Moskau, Markos Vafiadis alias Mark Iwanowitsch, 77, zum Besuch in der griechischen Heimat an: »Ich komme im Januar.«

Bei dem Mann, der so lange in der Ferne als Uhrmacher gearbeitet hat und dort eine Russin zur Frau nahm, handelt es sich um keinen Geringeren als den legendären kommunistischen »General Markos«, den Führer der Partisanen im griechischen Bürgerkrieg (1946 bis 1949). Als die Sache der Linken unter Führung der Kommunisten verlorenging, flohen Scharen seiner Anhänger nach Osten.

Im Ostblock harren bis heute noch gut 35 000 alte Kämpfer mit ihren Familien aus: etwa 10 000 in der Tschechoslowakei, 9000 in Polen, 7000 in der Sowjet-Union, 4000 in Bulgarien, 3500 in Rumänien, um die 2000 in der DDR.

Sie alle will Griechenlands sozialistischer Premier Andreas Papandreou jetzt heim ins hellenische Reich holen. Feierlich verkündete er zu Weihnachten, die »politischen Flüchtlinge« von einst könnten je nach Wunsch zu Besuch oder für immer kommen, ausgebürgerte Ex-Partisanen würden ihre Staatsbürgerschaft zurückerhalten.

Damit wolle er, so Papandreou, der »nationalen Spaltung« ein Ende setzen »und das Bürgerkriegsklima, das unser Land jahrzehntelang beherrscht hat, in bloße Erinnerung verwandeln«.

So stark und nachhaltig wie in Griechenland hat das Trauma eines Brudermords in Europa nur noch in Spanien gewirkt. Der Zwist begann noch unter italienischer und deutscher Besatzung zwischen linken und rechten Kämpfern des Widerstands.

Im Winter 1944 waren die Besatzer abgezogen, aber »die Befreiung«, notierte der Schriftsteller Johannes Gaitanides, »überkam Griechenland - so spürte es jeder - als Freiheit zum Bruderkrieg«.

1945 scheiterte ein kommunistischer Umsturzversuch in Athen dank britischer Hilfe. Die Partisanen zogen sich in die Berge zurück, riefen die Republik Griechenland aus und führten drei Jahre lang mit Ostblock-Unterstützung einen erbitterten Krieg gegen die konservative Zentralregierung.

Beide Lager rieben sich mit Morden und Massakern auf. »Wölfe fressen einander nicht«, schrieb Griechenlands großer Dichter Nikos Kazantzakis, der im Bürgerkrieg als Sozialist auf der Seite der Roten stand, »doch die Griechen tun es.«

Erst als Stalin sein Versprechen an Churchill, die westlichen Einflußzonen zu achten, gänzlich wahr machte, als Griechen-Gehilfe Tito von Moskau abfiel und sein Interesse an einem stalinistischen Griechenland erlosch, als schließlich die USA der griechischen Rechten mit massiver Militärhilfe beisprangen, gaben sich die Kommunisten geschlagen und flohen.

Die knapp 100 000 Männer und Frauen verbrachten, teilweise noch vor ihrem Treck, 25 000 Kinder in die Ostblockländer - Geiseln gelegentlich, meist jedoch Kinder und Waisen von Partisanen.

Dieser »Kinderraub« wurde von der griechischen Rechten weltweit propagandistisch angeprangert, allen voran von der deutschstämmigen späteren Königin Friederike, die zu einer eigenwilligen Revanche ansetzte: In verlassenen Dörfern ließ sie Partisanenkinder einsammeln und in eigens errichtete gettoähnliche »Kinderstädte« stecken, wo sie streng im antikommunistischen, nationalen Geist erzogen wurden.

Zwischen Skopje und Taschkent ließen sich in den Folgejahren die griechischen Kolonien von den einheimischen Bevölkerungen nicht assimilieren. Mit der Pflege von Sprache und Brauchtum, mit griechischen Schulen für die Kinder, hielten sie die Hoffnung auf Heimkehr hoch, und viele starben unterdessen mit der Hoffnung.

Jahrzehntelang waren die Aussichten düster. Bis zu den sechziger Jahren rechnete die Heimat mit den Kommunisten und deren Sympathisanten ab. Militärgerichte verhängten Erschießungen und langjährige Zuchthausstrafen, Abertausende wurden auf KZ-Inseln wie das berüchtigte Makronisos oder Jaros verbannt, darunter der Dichter Jannis Ritsos und der Komponist und Kommunist Mikis Theodorakis, der Ritsos' Lyrik später vertonte.

Durch Berufsverbote hielten rechte Regierungen die Linke aus dem öffentlichen Dienst, durch Wahlfälschung von der Macht fern. Unter dem Vorwand einer »akuten kommunistischen Gefahr« schließlich putschten griechische Obristen im Jahre 1967 und blieben sieben Jahre lang.

Der gemeinsame Kampf gegen die Diktatoren brachte - zumeist im Ausland - griechische Rechte, Liberale, Sozialisten und Kommunisten einander näher. Gleichwohl überraschte ein - nach dem Zusammenbruch der Junta aus dem Pariser Exil heimgekehrter - Konservativer, Premier Konstantin Karamanlis, die Griechen mit einem mutigen Schritt: 1974 ließ er die seit 27 Jahren verbotene KP wieder zu.

Eine Generation lang waren sie als »Verräter« und »Schlächter« gebrandmarkt worden, jetzt saßen griechische Ex-Partisanen neben ihren einstigen Gegnern im Parlament. Wie KP-Chef Charilaos Florakis waren sie einer ersten Einladung zur Heimkehr, ausgesprochen von Karamanlis, gefolgt.

Die von den griechischen Rechten befürchtete massenhafte Heimkehr blieb jedoch aus, und das lag an einem Berg von Widrigkeiten und Widerständen sowohl in Griechenland als auch in den jeweiligen Gastländern des Ostblocks, besonders in der Sowjet-Union, die Angehörige der griechischen Volksgruppe S.97 ebenso zögernd ziehen läßt wie Mitglieder anderer ethnischer und religiöser Gruppen.

Die Regierungen der Konservativen gaben zwischen 1974 und 1981 insgesamt 23 500 Rückkehranträgen statt, etwa 22 000 Personen, Ex-Partisanen mit Familien, kamen nach Hause.

Strenge polizeiliche Prüfungen bedingten oft jahrelange Wartezeiten. Die Methode erinnerte den Vorsitzenden eines Repatriierungsausschusses, den Abgeordneten Dimitrios Chondrokoukis, an den Versuch, »eine Großstadt mit einer Zahnbürste reinigen zu wollen«.

Daheim erwartete die Rückkehrer so manche Enttäuschung, sie wurden wie unerwünschte Ausländer behandelt. Im Gegensatz zu Griechen, die aus anderen Ländern wie beispielsweise Zaire vertrieben wurden, stattete die Heimat sie statt mit 934 mit 24 Mark Handgeld aus. Und statt eines Ausweises erhielten sie eine vorläufige Personalbeschreibung mit dem Stempelaufdruck: »Ohne Arbeitserlaubnis«.

Wer dieses Hindernis überwand, stand vor dem nächsten. Griechenland bietet mit seinem chronischen Akademikerüberschuß, zehn Prozent Arbeitslosigkeit und jährlich 150 000 neu auf den Arbeitsmarkt Drängenden wenig Chancen - auch so qualifizierten Personen wie den bisherigen Rückwanderern nicht, die zu zehn Prozent Akademiker sind, zu fast 50 Prozent eine Berufsschule und zu 35 Prozent eine Facharbeiterausbildung absolviert haben.

So arbeitet ein Doktor der Philosophie von der Taschkenter Universität heute als Hafenarbeiter, ein Schiffbauer aus Polen in einer Salamifabrik, ein Maschinenbauingenieur aus der UdSSR als Bauarbeiter, eine Professorin für russische Literatur in einer Schneiderei.

Als die Partisanen 1949 flohen, ließen sie Häuser und Grundbesitz zurück, der nach unterschiedlichen Quellen zwischen 200 000 und 400 000 Hektar betrug. Eigentum zurückzubekommen gelang selten einem Heimkehrer, denn es war vom Staat beschlagnahmt und an besitzlose Bauern oder rechte Parteianhänger verteilt worden.

Wer 20 Jahre auf der Scholle arbeitete, »ersaß« sich praktisch den Eigentumsanspruch darauf, wie etwa der Dorfpope im nordgriechischen Flecken Platanakia, der sich seit 1976 hartnäckig weigert, dem aus der Tschechoslowakei heimgekehrten 70 Jahre alten Evripidis Grigoriadis zu weichen.

Die wirtschaftliche Situation der Heimkehrer verschärft sich dadurch, daß die Gastländer den Rückkehrwilligen nicht gestatten, das in der Emigration Erworbene zu veräußern und den Erlös wie auch ihre Ersparnisse mitzunehmen, es sei denn, die Spargroschen werden in eng begrenzten sozialistischen Waren angelegt. Wohnungen müssen entweder entschädigungslos aufgegeben oder zum Fünftel des Wertes dem Staat verkauft werden.

Wie auch den auswanderungswilligen Deutschen präsentiert Rumänien den Griechen eine stattliche Rechnung: Es fordert die Ausbildungs- und Studienkosten zurück, außerdem müssen die Emigranten sich für alle Zukunft verpflichten, keinerlei Ansprüche mehr ans Gastland zu stellen. Nikos Alevras, Vizepräsident des Zentralausschusses für politische Flüchtlinge: »Ein unzumutbarer Zustand, eine unverfrorene Erpressung.«

Die sozialistischen Länder sträuben sich, von einigen Ausnahmefällen abgesehen, gegen eine seit acht Jahren diskutierte Regelung, den Heimkehrern die Anrechnung ihrer Rentenversicherung und deren Zahlung in der Heimat zu gewährleisten: Sie berufen sich dabei auf das Territorialprinzip, nach dem der Versicherungsschutz beim Grenzwechsel aufhört. Ungarn zeigte sich verhandlungswillig, indem es durchblicken ließ, es könne Versicherungsrechte für den Fall übertragen, daß Griechenland sich verpflichtet, Waren aus Ungarn zu beziehen.

Papandreou steht bei der Frage der Rückkehr mithin vor fast denselben Schwierigkeiten wie seine Vorgänger. In einem Punkt freilich hat er mehr guten Willen bewiesen: Gegen den Widerstand der konservativen Partei Nea Dimokratia setzte er im vergangenen Jahr die »Anerkennung des nationalen Widerstandes« durch. Seither sind auch Kommunisten als Resistance-Kämpfer gegen die Weltkriegsbesatzer anerkannt, und ihnen winkt, wie den rechten Mitkämpfern, eine Rente.

Aber auch wenn Papandreou, wie versprochen, die Formalitäten der Rückwanderung erleichtert, glaubt niemand in Griechenland, daß die Ex-Partisanen jetzt in Strömen herbeieilen werden. Ein Funktionär der Flüchtlingsverbände ging sogar so weit, Papandreous weihnachtliches S.98 Anerbieten ein »Geschenk ohne Wert« zu nennen.

Anders ein griechischer Großkapitalist: Leon Lemos, Reeder, bot spontan einigen hundert Heimkehrer-Familien Hilfe an, wenn sie nur auf die einige Meilen von der türkischen Küste entfernte, 12 Quadratkilometer große Reeder-Insel Inusa zögen, von der aus 200 Schiffe operieren. Die Insel (derzeitiger Einwohnerstand: 175) bietet laut Lemos »alles. Was sie braucht, sind Menschen, Arbeitskräfte«.

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