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ABGEORDNETE Bluesrocker und Badenixe

Kochrezepte, Haustiere, Bikinifotos: Im Internet zeigen sich Berliner Parlamentarier neuerdings gern von ihrer ganz privaten Seite.
Von Alexander Neubacher und Daniel Rettig
aus DER SPIEGEL 19/2007

Unter den Sozialdemokraten im Bundestag gilt Rainer Arnold, 56, als verlässlicher, aber leider etwas strenger Kollege. Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion betrachtet es als seine Aufgabe, die schwarz-rote Regierungspolitik mannhaft auch gegen Kritiker aus den eigenen Reihen durchzusetzen. Bei der Bundeswehr kennt man ihn als schneidigen Kerl.

Umso mehr ist dem Genossen daran gelegen, sich auf seiner Homepage einmal von einer ganz anderen Seite zu zeigen. Hinter der Fassade des knorrigen Wehrexperten verbirgt sich, hoppla, ein echter Rock'n'Roller. Ein Mausklick reicht - www.rainer-arnold.de -, schon scheppert Arnolds selbstverfasster »Reichstagsblues« in d-Moll aus den Boxen. »Du schaffst 16 Stunden - du fragst dich wozu«, röhrt der Politiker: »Du bist 'nen Tag älter, und der Frust nimmt zu.«

So wie Arnold sind derzeit viele Abgeordnete des Deutschen Bundestages dabei, ihre Internet-Seiten liebevoll aufzupeppen. Ging es bislang vor allem um die lückenlose Archivierung aller Pressemitteilungen und Redemanuskripte der vergangenen Jahre, piept und blinkt und flimmert es plötzlich bei jedem Tastendruck. Die jüngste Erhöhung seiner Mitarbeiterpauschale um monatlich 3000 Euro hat mancher Parlamentarier umgehend in den Ausbau seiner Online-Aktivitäten investiert.

Das Politische rückt dabei eher in den Hintergrund. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, normalerweise penibel auf den Schutz ihrer Privatsphäre bedacht, blättert unbekümmert ihr Familienalbum ("Ulla mit Schwestern") auf. Die CSU-Frau und gelernte Radiotechnikerin Ilse Aigner demonstriert unter dem Rubrum »Geschichten, Bilder und kleine Anekdoten aus Ilse Aigners Privatleben«, wie sie im rosafarbenen Röckchen auf einen Antennenmast klettert. Michaela Noll, die CDU-Inquisitorin im Visa-Untersuchungsausschuss der vergangenen Legislaturperiode, präsentiert sich im Bikini beim Wasserski. Das Foto ist eine schöne Erinnerung an unbeschwerte Ferientage, wenngleich, weil in voller Fahrt geschossen, etwas unscharf.

Bundestagsabgeordnete wollen eben auch nur Menschen sein wie du und ich. FDP-Mann Jens Ackermann liebt Pferde ("Haflinger Seppl"), die SPD-Drogenbeauftragte Sabine Bätzing Hunde ("Mischling Lale"), ihre Parteifreundin Dagmar Freitag wiederum Katzen ("Felix und Mogli"). Andere planschen gern mit den Füßen im seichten Wasser (FDP-Altstar Wolfgang Gerhardt) oder geben auch mal kleinere Schwächen preis. »Hobby: Essen« gesteht der Unionsfraktionsvize Wolfgang Zöller auf seiner Homepage, und zwar »alles, was meine Frau kocht«.

Überraschenderweise sind es, rechts wie links, die traditionellen Werte, die den Politikern ganz nah am Herzen liegen: die Herkunft, die Heimat, die Familie. Einerseits listen die Parlamentarier penibel ihre vielen anstrengenden Termine in Sitzungswochen auf. Arbeitstage von 16 Stunden und mehr sind demnach nicht ungewöhnlich. Andererseits beteuern sie einhellig, welche Kraft ihnen das harmonische Miteinander im Kreise ihrer Liebsten spende.

Kaum eine Politiker-Homepage kommt ohne Schnappschüsse aus dem Kinderalbum daher; es gilt die Regel: Je größer die Schar der Nachkommen, desto umfänglicher ist auch die Bildberichterstattung. Kein Paparazzo würde sich trauen, einen Politikerspross so schutzlos abzufotografieren wie der SPD-Politiker Reinhard Schultz seinen 14-jährigen Sohn ("Davids Konfirmation war ein schönes Familienfest").

Bei Jörn Thießen, SPD-Bundestagneuling aus dem schleswig-holsteinischen Münsterdorf, dürfen die Kinder sogar selbst im Netz aktiv werden. Auf Thießens Online-Diskussionsforum berichtete Töchterchen Ada vor einigen Tagen in altersgemäßer Rechtschreibung, sie habe gerade ihr »fahrad abgehollt aber noch etwas an den schlüssel geklept«.

Kritik wird online gern entgegengenommen, noch viel lieber aber Lob. Es gilt, das eigene verdienstvolle Schaffen angemessen zu würdigen. Der SPD-Politiker Swen Schulz lässt auf seiner Homepage den Altbundeskanzler Gerhard Schröder ("Ich bin sicher, von Swen Schulz wird man auch noch viel hören") zu Wort kommen. Parteifreundin Gabriele Hiller-Ohm hat das Lied eines Verehrers ("Oh, die Bundes-Gabi, yeah") ins Netz gestellt; es handele sich um ein »wundervolles Remake« des Rolling-Stones-Klassikers »Angie«.

Auch Ex-Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin ist nicht frei von Eitelkeit. Sie schmückt ihre Internet-Seite mit Hinweisen auf besonders gelungene TV-Auftritte, etwa ihre Gastrolle im »Tatort« oder beim »Kochen mit Alfred Biolek«.

Bei der Verfilmung des Frauenliteraturklassikers »Ein Mann für jede Tonart« habe sie ebenfalls mitgespielt, vermerkt Däubler-Gmelin stolz. Den filmischen Beleg will sie im Internet demnächst nachliefern: »Ich hoffe, einen Ausschnitt von diesem Auftritt bald an dieser Stelle bereitstellen zu können.«

ALEXANDER NEUBACHER, DANIEL RETTIG

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