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MODE / MAO-LOOK Bluse und Bibel

aus DER SPIEGEL 31/1967

Die westliche Welt erschrak, als China-Chef Mao Tse-tung 600 Millionen Chinesen in 600 Millionen blaue Overalls steckte. Das war nach Maos Machtantritt 1949. Die Textilproduktion reichte nicht für ein breiteres Sortiment. Uniformiert erschienen die Chinesen seitdem als »blaue Ameisen«.

Dann stattete Mao 20 Millionen Jung-Ameisen mit olivgrünen Uniformen und Ballonmützen aus, um sie als »Rote Garden« gegen dekadent geschlitzte Seidenkleider ins Feld zu führen. Diese Idee besiegte den Westen: Die Welt des Kapitalismus übernahm die Tracht als modischen Gag.

In Paris flanieren modebewußte Twens in schockfarbenen Rotgardisten-Kostümen über den Boulevard Samt-Michel.

Als erste Westler trugen die Beatles das Garde-Gewand: schmucklose Jacke mit einer Knopfreihe, dazu ein Stehbündchen -- während Mao selbst einen Umlegekragen bevorzugt.

Seit Beginn der Kulturrevolution schneiderte der Pariser Kleider-Revolutionär Feruch Mao-Kittel für den Mimen Marcel Marceau, den Autor Ionesco und für General a. D. Jacques Chaban-Delmas, den De-Gaulle-Freund und Präsidenten der französischen Nationalversammlung.

Gilbert Feruch, 42, fand im reverslosen Mao-Rock, der Oberhemd und Krawatte spart, die ideale Oberbekleidung des modernen Mannes: »Gekleidet wie ein pompöser Bourgeois einer früheren Epoche, erstickt der Mann des Westens seit einem halben Jahrhundert in seinem Anzug wie in einer Zwangsjacke.« Die Mao-Mode dagegen soll ihm »die Bequemlichkeit wiedergeben -- und die Persönlichkeit«.

Feruch prozessiert gegen Diebe seiner Mao-Idee: 60 Konfektionäre brachten eigene maoistische Modelle heraus. Sein Atelier in der Rue du Faubourg Saint-Honoré liefert buntbedruckte Mao-Smokings aus Jute -- weinrot gefüttert -- in Maßarbeit zu 1600 Mark. Umsatz 1965: 800 Stück, 1966 -- laut Feruch -- »Tausende«.

Im Mai gab der Nachtklub »New Jimmy"s« eine Party für Brigitte Bardot und Sammy Davis. Vorgeschriebener Gesellschaftsanzug: Garden-Kluft.

Franzosen im Teen-Alter begnügen sich oft mit Ballonmützen chinesischer Fasson. Ein Warenhaus-Konzern -- von Feruch verklagt -- demokratisierte die Mao-Masche weiter: Die Pariser »Prisunic«-Läden führen schlichte Peking-Jacken in Beige und Hellblau im Sommerschlußverkauf für 60,65 Mark.

Maos Mode-Idee marschierte bis in Londons modische Carnaby Street und zu Selbach auf dem Berliner Kurfürstendamm. Preis eines Anzugs in den klassischen Garden-Farben Beige, Olivgrün oder Dunkelblau: 218 Mark.

In der französischen Provinz werden die Mao-Moden in den Schaufenstern mit kleinen roten Mao-Bibeln voll revolutionärer Spruchweisheit stilgerecht dekoriert. Den Text des Büchleins bringt -- vertont -- die Firma »Philips« auf einer Schallplatte heraus. Dazu liefert Jean-Luc Godard einen Film: »Die Chinesin«. Hauptdarstellerin ist Anne Wiazemsky, 16, Enkelin des katholischen Nobelpreisträgers und De-Gaulle-Freunds Francois Mauriac. Sie spielt in Mao-Kluft.

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