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KRANKENHÄUSER / WATTENSCHEID Blut am Schuh

aus DER SPIEGEL 39/1968

Chirurgie-Chef Dr. Eckart Fricke, 42, operierte im Wattenscheider Martin-Luther-Krankenhaus einen Krebskranken und verlangte: »Tamponade.« Doch die OP-Schwestern konnten dem Begehren nicht nachkommen. Tamponaden, doppeltgenähte Mullröllchen zum Auffangen von Blutsickerungen, waren nicht da.

Die Operation mußte für 20 Minuten unterbrochen werden. So lange brauchte ein Krankenwagen, um mit Blaulicht und Martinshorn aus Essen das fehlende Material herbeizuschaffen. Der Patient überstand den Eingriff.

Chefarzt Fricke notierte den Fall in seinem Tagebuch. Während fast vierjähriger Tätigkeit als Leiter der Chirurgischen Abteilung fühlte er sich öfters gedrängt, Erlebnisse aus dem evangelischen Hospital schriftlich festzuhalten.

So beschwerte sich Fricke »sehr oft« bei der Krankenhausleitung über unhygienische Zustände, nachlässiges Personal und »rückständige Arbeitsbedingungen«. Das Kuratorium des christlichen 270-Betten-Hauses schuf endlich Abhilfe, freilich auf eine für Fricke überraschende Weise: Es feuerte den Chirurgie-Chef.

Fricke ging vors Arbeitsgericht und unterbreitete, gestützt auf die Tagebuchnotizen, seine Erlebnisse der Öffentlichkeit. Die Krankenhausleitung wiederum warf ihrem ehemaligen Angestellten Schlamperei und Verstöße gegen die simpelsten Regeln der Hygiene vor.

Und so gaben die streitenden Parteien makabren Bericht über den Alltag in einem Hospital, das neben einer katholisch geleiteten Klinik das einzige Krankenhaus einer 80 000-Seelen-Stadt ist.

Schon Frickes Vorgänger, Dr. Harald Jacob, 50, hatte nach einem halben Jahr Tätigkeit im Martin-Luther-Krankenhaus »die Brocken hingeworfen«, weil infolge technischer und personeller Mängel »verantwortlich Chirurgie zu treiben nicht möglich« gewesen war.

Laut Fricke-Bericht gab es im Martin-Luther-Krankenhaus für die Chirurgie nur einen Operationsraum, der überdies als Kreiß-Saal dienen mußte. Fricke: »Eine medizinische Unmöglichkeit.«

Die Planstellen -- ein Oberarzt« drei Assistenzärzte und drei Medizinalassistenten -- wurden während Frickes Tätigkeit nie voll besetzt; in den ersten Monaten hatte der neue Mann nur einen persischen Assistenten als Helfer.

Vom Klinikpersonal, das sich für anstaltsinterne Feste einen Beatkeller eingerichtet hatte, fühlte Fricke sich ebenfalls im Stich gelassen: In seinem Tagebuch führte er Klagen über unsterile Operationsbestecke und mit »tagealtem Blut« verschmierte OP-Schürzen und Gummischuhe.

Einmal verordnete Fricke einem gerade Operierten wegen hohen Blutverlustes Sauerstoff. Zwar wurde das Sauerstoffgerät an das Bett des Patienten gebracht, aber laut Fricke vergaßen die Schwestern, es anzustellen. Nur Frickes Eingreifen konnte »dauernde Schäden« beim Patienten verhüten.

Der Leberschaden eines gelbsuchtkranken Patienten verschlimmerte sich, weil ein Medikament nicht, wie vom Chefarzt angeordnet, gespritzt, sondern eingeflößt worden war.

Ein anderes Mal war Fricke von den Angehörigen eines Unfallopfers alarmiert worden, weil die Schwestern den Verletzten nach der ersten Versorgung vergessen hatten: Mehr als einen halben Tag lang hatte der Patient, vom Personal unbeachtet, in einem Notbett gelegen.

Schriftliche und mündliche Beschwerden des Chefarztes fruchteten nichts, bestenfalls wurde ihm vom Kuratorium der Empfang seiner Klageschriften bestätigt. Als Fricke einmal zur Selbsthilfe griff und auf eigene Faust eine neue Lampe für den Operationstisch bestellte, wurde die Bestellung zwar nicht rückgängig gemacht, das Gerät aber auch nicht installiert. Es verstaubte auf dem Dachboden.

Den Anwürfen des geschaßten Chefarztes fügte die Anstaltsleitung vor dem Arbeitsgericht weitere Einzelheiten aus dem Wattenscheider Krankenhaus hinzu, die wiederum Dr. Fricke belasteten.

Kuratoriumsvorsitzender Pfarrer Emil Stratmann wartete mit Berichten auf, wonach Chefarzt Fricke bei Operationen mit blutigem Gummihandschuh Schweiß aus dem Gesicht gewischt oder die OP-Lampe zurechtgerückt hat.

Laut Stratmann soll Fricke zu Boden gefallenes Operationsbesteck wieder aufgenommen und es weiter verwendet haben, ohne es zuvor sterilisieren zu lassen; ferner habe der Chirurg einmal eine abgebrochene Operationsnadel in der Bauchhöhle eines Patienten vergessen. Schließlich beklagte der evangelische Geistliche die »zuchtlose Art und Weise« Frickes, der nur »anbrüllen« und »heruntermachen« konnte.

Die Arbeitsgerichtsentscheidung darüber, ob Frickes Entlassung Rechtens war, steht noch aus. Das Martin-Luther-Krankenhaus hat bereits einen neuen Chefarzt engagiert.

Der zur Zeit arbeitslose Vorgänger wüßte derweil noch viel Klinik-Internes zu berichten. Fricke: »Ich könnte ein ganzes Buch mit Geschichten füllen.«

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