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MALAWI / VERBRECHEN Blut gezapft

aus DER SPIEGEL 29/1970

An jedem Siebten im Monat werden die Bewohner von Malawis größter Stadt, Blantyre, unruhig: Sie verbarrikadieren ihre Fenster und sichern ihre Türen von innen mit schweren Balken.

Denn die Mörder kommen fast immer zur gleichen Zeit: nachts, nach der ersten Woche des Monats. Ihre Mordwerkzeuge sind Äxte und Messer -ihre Opfer Männer, Frauen und Kinder.

Die Einwohner des afrikanischen Vier-Millionen-Staates am Njassa-See haben Angst. Die Mordserie hatte im November 1968 begonnen. Allein im Mai und Juni des vergangenen Jahres schlachtete die Axt-Bande elf Menschen, In den letzten zwölf Monaten fand die Polizei 30 Opfer -- die meisten ausgeblutet, mit abgeschnittenen Genitalien.

Glaubten die Malawi-Bürger zunächst an geheimnisvolle Ritualmorde, so tuscheln sie jetzt: Hinter den Morden stehe die Regierung. Mit dem abgezapften Blut und den abgeschnittenen Genitalien würde sie Staatsschulden an Südafrika zurückzahlen.

Das Gerücht verbreitete sich unter der abergläubischen Bevölkerung um so leichter, als die Mordwelle nach einem Regierungsaufruf zu Blutspenden eingesetzt hatte.

Malawis Präsident, Dr. med. Haslings Kamuzu (das Wurzelchen) Banda, 64, sieht in der Mordserie und Flüsterpropaganda Machenschaften politischer Gegner, die »Unruhe erzeugen und das Volk gegen mich aufhetzen wollen«.

Feinde hat Dr. Banda vor allem wegen seiner Politik der Zusammenarbeit mit Südafrika. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 180 Mark jährlich und ohne nennenswerte Bodenschätze gehört sein Staat, das frühere Njassaland, zu den ärmsten Afrikas. Der Staatshaushalt wird von der Ex-Kolonialmacht England subventioniert. 90 000 Malawier ernähren sich und ihre daheim gebliebenen Familien als Gastarbeiter in Südafrika, 200 000 arbeiten in Rhodesien.

Banda nahm, als erster schwarzafrikanischer Staatschef, diplomatische Beziehungen zum Apartheidstaat Südafrika auf. In Pretoria lieh er sich Geld für den Bau seiner neuen Hauptstadt Lilongwe und eines modernen Flugplatzes, Von Portugal läßt er sich eine Eisenbahn finanzieren. Banda handelt mit dem boykottierten Rhodesien. Im Mai empfing er sogar Südafrikas Premier Johannes Vorster in Malawi.

Aber auch Bandas autoritärer Herrschaftsstil erregte Widerspruch. Schon 1964, zwei Monate nach der Unabhängigkeit, verjagte er alle Politiker aus ihren Ämtern, die nicht vorbehaltlos die Politik seiner »Malawi Congress Party«, der einzigen zugelassenen Partei, unterstützen.

Seitdem bekämpfen zahlreiche Malawier Bandas Staat vom Exil in Tansania aus -- mit Propaganda, aber auch mit Stoßtrupp-Unternehmen.

1965 führte Bandas ehemaliger Erziehungsminister Henry Chipembere eine Rebellen-Truppe in das teilweise nur 70 Kilometer breite, aber 850 Kilometer lange Malawi. Nur mit Mühe konnten Bandas von Weißen geführte Sicherheitskräfte die Eindringlinge zurückschlagen. Zwei Jahre später wurde ein Kommando von zwei Dutzend Männern erst vor Bandas Regierungssitz in Zomba aufgerieben. Nach diesen Rückschlägen kommen die Banda-Gegner nicht mehr in Uniformen und mit Maschinenpistolen, wohl aber als Händler und Lastwagenfahrer verkleidet ins Land. Dort tauchen sie bei Unzufriedenen unter.

Die Regierung behauptet, die Morde seien von diesen Regimegegnern begangen worden. »Diese Verbrecher glauben, es würde ihnen Glück bringen, wenn sie Leute umbringen und deren Blut und Genitalien zu Medizin verarbeiten«, wetterte Pr, Banda auf einer Kundgebung bei Blantyre.

Banda: »Wo immer sie sich verkriechen mögen, die Regierung wird sie fassen.« Niemand, der mit den Mördern Verbindung habe, könne Gnade erwarten, ganz gleich ob er »Minister, Staatssekretär oder Parteifunktionär ist«.

Unter einer im April verhafteten Gruppe von Verdächtigen befinden sich drei ehemalige Minister.

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