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ERITREA Blut unserer Brüder

Äthiopiens Militärregime, will nach dem Sieg über die Rebellen im Ogaden nun offenbar die eritreischen Sezessionisten niederwerfen -- und bringt seine kubanischen Freunde damit in eine heikle Lage.
aus DER SPIEGEL 21/1978

Sind sie dabei, all ihre Grundsätze über den Haufen zu werfen«, fragte Nafi H. Kurdi, ein Vertreter der marxistischen »Volksbefreiungsfront für Eritrea«, in der Pariser Tageszeitung »Le Monde«, »oder begehen sie nur einen Irrtum?«

Sie -- das sind Kubas Revolutionäre, die fast ein Jahrzehnt lang die Aufständischen in der äthiopischen Nordprovinz Eritrea tatkräftig unterstützt hatten: Von Kuba bezogen die eritreischen Partisanen in ihrem Kampf gegen die Feudalherrschaft des -- 1974 gestürzten -- Kaisers Haue Selassie Waffen, Geld, Guerilla-Ausbildung und ideologisches Rüstzeug. Castros sozialistisches Modell bewundern viele von ihnen noch heute, Castros Porträt hängt noch immer in eritreischen Kommandoposten.

Doch inzwischen stehen sich die Genossen von einst an feindlichen Fronten gegenüber. Denn kubanische Bataillone stützen jetzt die äthiopische Zentralregierung in Addis Abeba unter Führung des Oberstleutnant Mengistu Haile Mariam, die vergangene Woche zur Offensive gegen die eritreische Sezessionsbewegung antrat:

Die Äthiopier bombardierten die Umgebung der in eritreischem Gebiet gelegenen und seit langem von den Partisanen eingeschlossenen Rotmeerhäfen Assab und Massaua, äthiopische Soldaten sollen einen Ausbruchsversuch aus Asmara unternommen, Kriegsschiffe die Küstenstädte am Roten Meer beschossen haben. Bei Artillerie-Angriffen auf die Orte Himberit, Mekerka und Deda, westlich von Asmara, gab es nach eritreischen Angaben schwere Verluste unter der Zivilbevölkerung.

»Stunde für Stunde wird das Blut vieler unserer Brüder vergossen«, räumte Mengistu vergangenen Dienstag vor 100 000 Menschen in der Stadt Harrar ein, »und viele von ihnen sterben.« Gegen die »äthiopische militärische Offensive« rief das gemeinsame Oberkommando der beiden größten eritreischen Befreiungsbewegungen »alle friedliebenden Kräfte, Brüder und Freunde in aller Welt« zu Hilfe, und US-Präsident Carter beklagte die »unheilverkündende Entwicklung« im einstigen Kaiserreich.

Die kam allerdings nicht unerwartet: Seit Äthiopiens Militärs Anfang des Jahres mit sowjetischer und vor allem kubanischer Schützenhilfe erfolgreich den Sezessionsversuch der Somalis in der Ostregion Ogaden vereitelten, stand fest, daß sie als nächstes das seit 16 Jahren schwelende Eritrea-Problem angehen würden -- und zwar möglichst nach dem gleichen Erfolgsrezept.

Unklar war nur, ob die karibischen Helfer bei einem Feldzug gegen Eritrea ebenso bereitwillig mitschießen würden, wie sie dies im Ogaden-Krieg getan hatten. Denn der Einsatz gegen die Ogaden-Rebellen galt vom revolutionären Standpunkt her durchaus als gerechte Sache -- schließlich waren Truppen des inzwischen ins westliche Lager abgewanderten Nachbarstaates Somalia in die Region eingedrungen, um sie aus dem äthiopischen Staatsgebiet herauszubrechen.

Eritreas »Recht auf Selbstbestimmung« hingegen hatten Kuba und andere sozialistische Staaten in der Vergangenheit lautstark selbst gefordert: Das vorwiegend mohammedanische, einst von Italien beherrschte Eritrea, 1952 als autonomer Teilstaat dem Reich des Koptenkaisers Haile Selassie zugeschlagen und von diesem zehn Jahre später annektiert, galt den Linken der Dritten Welt als sozusagen klassisches Opfer imperialistischer Kolonialpolitik.

Daß nach des Kaisers Sturz das marxistisch orientierte Militärregime Mengistu weiter auf der Unterwerfung Eritreas bestand, brachte die einstigen Mentoren der Rebellen in ein Dilemma. Sie versuchten denn auch offenbar, zunächst auf friedlichem Wege eine Aussöhnung zwischen den verfeindeten Genossen zu erreichen:

Unter der Schirmherrschaft der sowjetischen Botschaft im südjemenitischen Aden trafen sich vergangenen September Vertreter der marxistischen eritreischen Befreiungsfront EPLF und Abgesandte des in Äthiopien regierenden Militärrates. Kubaner und Russen beschworen sie, ihre Feindseligkeiten einzustellen, da doch beide Seiten revolutionäre Bewegungen seien und revolutionäre Ziele über nationalistische Anliegen gestellt werden müßten.

Äthiopien, so argumentierten die Vermittler, solle Eritrea weitestgehende Autonomie gewähren, Eritrea dafür auf die Schaffung eines eigenen Staates verzichten. Doch der Kompromißvorschlag wurde von beiden Seiten abgelehnt.

Dennoch wiederholte der kubanische Vize-Präsident Carlos Rafael Rodriguez noch im Februar 1978 in einem Interview mit dem britischen Wochenblatt »Observer«, das Eritrea-Problem müsse politisch, nicht militärisch gelöst werden. Mengistus Militärrat, so der Kubaner, sei nicht ermächtigt, die von Habana gelieferte Militärhilfe zur Niederwerfung Eritreas einzusetzen.

Wenige Wochen später allerdings kündigte Mengistu an, ein Teil der etwa 17 000 seit dem Ogaden-Krieg in Äthiopien stationierten kubanischen Truppen sei nach Asmara in Eritrea verlegt worden. Zumindest zu einer militärischen Drohgebärde gegenüber den Rebellen schienen die Kubaner nun also bereit, wenn auch offenbar noch immer nicht zum tatsächlichen Eingreifen:

Als Oberst Mengistu vergangenen Monat nach Habana reiste, bereitete Fidel Castro ihm zwar einen triumphalen Empfang, verlieh ihm Kubas höchste militärische Auszeichnung, den »Schweinebucht-Orden"* und ließ ihn auf dem Platz der Revolution vor rund einer Million Menschen reden.

Doch auf Mengistus Appell »Ich vertraue darauf, daß das revolutionäre kubanische Volk und progressive Kräfte in der ganzen Welt in diesen Kampf (gegen Eritrea) auf unserer Seite sein werden«, antwortete Kubas »Máximo Lider« zweideutig: Kubanische Truppen würden helfend eingreifen, wenn »abermals eine Invasion Äthiopiens erfolgt« -- die jedoch steht im Falle Eritreas einstweilen nicht zur Debatte.

Dem gleichzeitig in Habana weilenden Palästinenser-Führer Georges Habasch -- der wie Libyer, Syrer, Iraker und andere linke, aber auch konservative Araberstaaten die Eritreer unterstützt -- soll Castro, palästinensischen Angaben zufolge, zugesichert haben, man wolle lieber verhandeln als schießen.

Geschossen jedoch wird inzwischen -ob freilich tatsächlich auch von Kubanern und den anderen sozialistischen Verbündeten Äthiopiens, ist noch ungewiß.

Denn wohl erklärte Mengistu vergangene Woche, Kubaner, Russen, Südjemeniten und DDR-Genossen »leben mit uns, sterben mit uns und kämpfen mit uns«. Diese zunächst in Amharisch verbreitete Version der Rede Mengistus wurde jedoch in der englischen Fassung der äthiopischen Nachrichtenagentur und des äthiopischen Rundfunks dementiert.

Kuba und die Sowjet-Union hätten Mengistu im Ogaden »nur wegen der imperialistischen Intervention am Horn von Afrika« geholfen, ließ denn auch Syriens regierende sozialistische Baath-Partei in ihrer Presse verkünden. »Es ist sehr zweifelhaft, daß sie das gleiche noch mal in Eritrea tun werden.«

Tun sie es aber dennoch, und zwar im gleichen Ausmaß wie im Ogaden, leidet darunter zweifellos Kubas Image mehr als das der Sowjet-Union:

Denn anders als die UdSSR zählt sich Kuba zur Gruppe der blockfreien Staaten, von denen einige Castros afrikanische Aktionen, die so offenkundig Moskau zugute kommen, ohnehin schon mit Unbehagen betrachten. Die jugoslawische Zeitung »Politika« etwa fragte, ob Kubas Engagement »auf dem schwarzen Kontinent die materiellen Möglichkeiten des Neun-Millionen-Volkes in der Karibik nicht überschreitet«.

Just in den vergangenen Tagen, als Mengistu gegen Eritrea aufmarschierte, tagte zudem der Koordinationsausschuß der Blockfreien in Habana -- und in ihm sitzen auch Anhänger Eritreas.

So ist wohl nur verständlich, daß der bärtige Ziehvater einer ganzen Gueril-

* So benannt nach der erfolgreich zurückgeschlagenen Invasion von Exilkubanern aus den USA in der Schweinebucht 1961.

la-Generation noch zögert, eine einst unterstützte Guerillabewegung zu zerschlagen -- selbst wenn sie inzwischen, so die offizielle kubanische Lesart, »von reaktionären und imperialistischen Kräften« benutzt wird, um die äthiopische Revolutionsregierung zu schwächen.

»Niemand kann die Revolution exportieren und mit Krieg erzwingen«, hatte Castro vor zwei Jahren auf dem Parteitag der sowjetischen KP erkannt. »Aber ebenso kann niemand Völker hindern, Revolutionen zu vollbringen« -- wie möglicherweise in Eritrea.

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