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GESELLSCHAFT / TRIEBVERBRECHEN Blutige Ernte

aus DER SPIEGEL 46/1965

Neunmal hatte Richard Ludwig Strack vor dem Richter gestanden. Zweimal schon war er wegen Exhibitionismus in das Gefängnis geschickt worden. Im Jahre 1958 verhandelte die Zweite Strafkammer des Landgerichts Köln gegen ihn wegen vollendeter Unzucht mit Kindern in einem Fall und wegen versuchter Unzucht mit Kindern in vier Fällen.

Der Staatsanwalt hatte fünf Jahre Zuchthaus und anschließende Sicherungsverwahrung gefordert: Stracks sexuelle Aggressivität werde sich mutmaßlich weiter steigern. Der Richter lehnte ab: Die psychiatrischen Gutachter hätten einen Rückfall für nicht wahrscheinlich gehalten.

Das Gericht verurteilte den damals 26jährigen Richard Ludwig Strack zu sechs Jahren Zuchthaus. Der sittenlose Landstreicher sollte noch einmal eine Chance haben.

Strack, kaum aus dem Zuchthaus entlassen, nahm seine Chancen wahr. Zwischen April 1964 und September 1965 beging er fünf Sexualdelikte, sechs Diebstähle, drei Brandstiftungen und zwei Raubüberfälle. Am 14. Oktober zerfleischte er in einer Gartenlaube bei Köln zwei elfjährige Mädchen und schändete die Leichen.

Bruno Pupecka war zweimal wegen Diebstahls vorbestraft, als er 1954 zum erstenmal wegen eines Notzuchtsverbrechens vor Gerichtsschranken auftauchte. Er bekam viereinhalb Jahre Gefängnis. Zwei Drittel saß er ab. Dann verlor ihn die Polizei aus den Augen.

Von 1958 an beging er in rascher Folge 22 Sittlichkeitsverbrechen, die in Hamburg Angst und Schrecken verbreiteten. Siebenmal überfiel er Frauen und Mädchen, besessen und brutal.

Der Hilfsarbeiter Peter Pesch wartete im Sommer 1962 im Untersuchungsgefängnis Duisburg auf seine Aburteilung. Anklage: Unzucht mit Jungen in mehreren Fällen.

Peschs Vorstrafenliste wies Brandstiftung, schweren Diebstahl und Widerstand gegen die Staatsgewalt aus. Jeweils hatten ihm die Psychiater verminderte Zurechnungsfähigkeit attestiert. Entsprechend milde waren die Strafen ausgefallen. Auch der Haftrichter nahm auf den Deppen Rücksicht. Er setzte ihn bis zur Hauptverhandlung auf freien Fuß.

Pesch ging wieder auf den Bau und lockte in der Arbeitspause die vierjährige Marlies Schmiesko in einen Keller. Als er Schritte hörte, geriet er in Panik, strangulierte das Kind und schlug es schließlich mit einem Rundholz tot.

Strack, Pupecka, Pesch - drei Chiffren für ein Delikt, das alle Jahre wieder Kritik an Gesetzgeber und Polizei auslöst: Sexual-Verbrechen am Kinde. Wäre gegen Strack 1958 Sicherungsverwahrung angeordnet worden, so lebten die Kinder Waltraut Schiffer und Ursula Paleit noch.

Hätten die hanseatischen Richter den Bruno Pupecka nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis unter Polizeiaufsicht stellen können, so wäre es dem Schlachtergesellen aller Voraussicht nach unmöglich gewesen, über Monate hin die Stadtteile St. Pauli und Altona in Schrecken zu halten.

Hätte der Untersuchungsrichter in Duisburg daran gedacht, daß Schwachsinnige ihre einmal eingeschliffenen Neigungen beibehalten und mithin besonders rückfallgefährdet sind, so hätte er - freilich dann contra lagern - möglicherweise einen Grund gefunden, die U-Haft aufrechtzuerhalten. Das Kind Schmiesko wäre am Leben geblieben.

Hypothetische Prognosen solcher Art lösen in stetem Rhythmus eine Grundsatzdiskussion über Triebverbrecher und darüber aus, wie die Gesellschaft vor Ihnen geschützt werden könnte: Die öffentliche Phantasie entzündet sich an keiner anderen Straftat mehr als am schweren Sittlichkeitsverbrechen.

Der Aufgabe, die Wallungen zu artikulieren, unterzieht sich seit 1963 von Fall zu Fall der im badischen Freiburg eingetragene »Verband zur Verhütung und Wiedergutmachung von Straftaten e. V.«. In seinem Rundschreiben vom Juni 1965 fordert er

- vom Gesetzgeber - noch weiteren

Ausbau der Haftgründe, bis bei jeder Gefahr eines Rückfalls Entlassung ausgeschlossen sei;

- von der Justiz - sparsamste Anwendung des im Rechtsstaat unabdingbaren Paragraphen 51 StGB (Strafgesetzbuch), der sicherstellt, daß nur Vollzurechnungsfähige auch voll zur Verantwortung gezogen werden; ferner häufigere Anordnung von Sicherungsverwahrung durch den Richter;

- von den Sachverständigen - ständige Rücksicht auf die Sicherheit der Gesellschaft, insbesondere bei der Erstellung von Gutachten über Triebtäter;

- von der Polizei - »eine Verstärkung, entsprechende Organisation und zweckmäßigen Einsatz ... Denn nichts fürchtet der Verbrecher - vor, bei und nach der Tat - mehr, als entdeckt und gefaßt zu werden«.

Unter anderem argumentierte die gemeinnützige Freiburger Vereinigung: »Unser Rechtsstaat muß sich von dem in der Öffentlichkeit verbreiteten Eindruck befreien, daß die heutige Rechtspraxis human ist gegenüber dem Straftäter, aber grausam gegenüber dem Opfer.«

Anlaß zur Gründung des Verbandes war (laut Rundbrief) »ein brutaler Sexual-Mord an einem 19jährigen Mädchen am 17. Juni 1963 in Waldkirch/Breisgau. Dieses Verbrechen war nur eines der 62 000 Sexualdelikte, die jährlich im Bundesgebiet an 18 000 Kindern und 44 000 Mädchen und Frauen begangen werden. Es ist der Öffentlichkeit nicht bewußt, daß in der Bundesrepublik pro Tag 170 Sittlichkeits-Verbrechen und -Vergehen verübt werden, bei denen vielfach Unschuldige ihr Leben opfern müssen«.

So schockierend solche Zahlen sein mögen, so irreführend sind sie auch. Die Statistik des Bundeskriminalamts kommt für das Jahr 1964 auf insgesamt 1 747 580 gemeldete Verbrechen und Vergehen. Davon entfielen, wie übrigens auch 1963, 3,7 Prozent auf die sogenannten Sittlichkeitsdelikte, also genau 64 661.

Aber längst nicht alle diese Anzeigen führten zu einem richterlichen Verfahren, längst nicht alle Verfahren zu einer Verurteilung. Und die Masse der Verurteilungen schließlich sind Fälle von Kleinkriminalität, die keineswegs gemeingefährlich sind - etwa Erregung öffentlichen Ärgernisses oder Homosexualität. Ein anderer Teil betrifft jene Kriminalität, die lediglich des Sachzusammenhangs wegen zu den Sittlichkeitsdelikten gezählt wird: Kuppelei und Zuhälterei.

Notzuchtsdelikte, also direkte sexuelle Aggression, wurden im Jahre 1964 auf 100 000 Einwohner je elf gezählt.

Das Delikt »Unzüchtige Handlungen mit Kindern« stellt die Hauptgruppe. Täter ist in diesen Fällen meistens der Greis - ohne echte Aggressivität. Täter kann aber auch ein 14 Jahre und eine Woche alter Junge sein, der auf der Straße einem 14 Jahre minus eine Woche alten Mädchen »unsittlich« an den Busen faßte und dabei erwischt wurde.

Tatsächlich geht die Quote der Verurteilungen (auf je 100 000 Einwohner) bei dieser größten und für die Gesamtentwicklung der Sexualkriminalität durchaus signifikanten Gruppe seit 1954 prozentual ständig zurück. Damals wurden 11,1 Personen wegen Unzucht mit Kindern verurteilt, 1963 waren es nur noch 7,8.

Während sicher ist, daß die Unzucht mit Kindern langsam, aber stetig abnimmt, macht die bundesdeutsche Statistik keine Aussage über Sittlichkeitsverbrechen, die mit dem Tode der Opfer endeten.

Doch die Lücke läßt sich unschwer schließen. Nach einer privaten Zählung, die auf Auskünften der Landeskriminalämter beruht, fielen im Jahre 1961 zehn Kinder Sittlichkeitsverbrechern zum Opfer, 1962 waren es 15. 1963 dann 17, 1964 schließlich 16.

Im Jahre 1965 sind bisher, einschließlich der Strack-Opfer Schiffer und Paleit, 13 Kinder von Sexualverbrechern getötet worden. An diesen seit 1961 insgesamt 71 toten Kindern nehmen das Publikum, der Gesetzgeber, die kriminologische Wissenschaft und selbst die nach außen hin so kühle Justiz ungewöhnlichen Anteil.

Die weniger Aufsehen erregende Kehrseite: In einem einzigen Jahr werden viel mehr Kinder von ihren Eltern zu Tode gequält, als Kinder von den bundesdeutschen Sexualverbrechern seit 1961 ermordet worden sind. Allein 1964 fielen über 90 Kinder den eigenen Eltern zum Opfer.

Vergleicht man gar die körperlichen und seelischen Schäden, die unmenschliche Eltern - oft unter den Augen der Nachbarn - an ihren Kindern anrichten, mit denen, die etwa im Zusammenhang mit unzüchtigen Handlungen verursacht werden, so schneiden die Eltern noch schlechter ab. Dabei ist sicher, daß nur ein winziger Bruchteil aller Kindesmißhandlungen vor den Strafrichter kommt.

Daß über 16 000 Menschen jährlich auf Deutschlands Autopisten sterben, wird im Grunde als unumgänglicher Tribut an Technik und Wohlstand hingenommen. Der seltene Prankenhieb eines Sexualverbrechers setzt hingegen regelmäßig Reaktionen frei, deren tiefenpsychologische Ursachen nicht ausschließlich in der Liebe zu Kindern zu suchen sind.

Offenkundig entzündet sich die Entrüstung viel stärker an den grauenvollen Umständen als am eigentlichen Leiden der Opfer.

Zerstörerische Scheußlichkeit - absolut unerklärbar, anscheinend zweckfrei, nicht einmal notwendigerweise auf Quälerei des Opfers abzielend - ist

typisch für das schwere Triebverbrechen:

- Am 14. Juli 1954 wurde der 13jährige Volksschüler Wilhelm S. von einem amerikanischen Soldaten im Wald bei München erstochen. Der Tote wies Stichverletzungen am ganzen Körper auf. Die Kopfhaut war zerschnitten und von Hieben zerfetzt, der Bauch des Ermordeten aufgeschlitzt und der Junge entmannt worden.

- Am 20. Mai 1953 erschlug ein 15jähriger Homosexueller den achtjährigen Schüler Sebastian H. während des Verkehrs. Der Täter zerschnitt seinem Opfer später die Gesäßbacken, dann drehte er den Körper um und zerhackte mit einem Beil den Bauch des Toten. Schließlich schnitt er Streifen in die Haut und entmannte den Leichnam.

- Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges

wurde in München der Sexualmörder Johann Eichhorn abgeurteilt. Eichhorn hatte etwa 100 Notzuchtsverbrechen und mindestens fünf Lustmorde begangen. Er schoß seine Opfer nieder. Den toten Frauen schnitt er als stimulierenden Fetisch ein Fleischstück aus dem Körper, an dem er sich erregte.

Indes, der Tätertyp, der letzten Endes ursächlich ist für die leidenschaftliche Anteilnahme des Publikums am Sexualverbrechen, ist auch exemplarisch für die Schwierigkeiten, denen die so heftig geforderte erweiterte Vorbeugung gegen das Sittlichkeitsverbrechen gegenübersteht: Der einmal erkannte Lustmörder verschwindet hinter Mauern - für immer. Die Lustmörder der jüngeren deutschen Kriminalgeschichte brachten es aber fertig, ihre blutige Ernte einzubringen

- ohne daß sie erkannt worden wären.

Das menschliche Tier sieht aus wie Herr Müller von nebenan. Es ist möglicherweise sogar noch unauffälliger. Die Bestie ist kein Radaubruder. Der Sexualverbrecher hält sich im Trinken zurück, er raucht nicht oder nur mäßig: kein Blutgeruch, kein flackernder Blick.

Das galt für den Hannoveraner Haarmann, dem bis 1935 wenigstens 24 Knaben und junge Männer zum Opfer fielen; für den Schlesier Denke, dem die Tötung von 30 Landstreichern und Bettlerinnen nachgewiesen wurde; für den Düsseldorfer Kürten, der im Laufe eines Jahres wenigstens zehn Menschen - vier Kinder, fünf Frauen und einen Mann - umbrachte; schließlich für den Vagabunden Seefeld, der zwischen 1933 und 1935 zwölf Knaben tötete.

Der Nachkriegsmörder Pleil - neun Opfer - zählte bis zu seiner Verhaftung ebenso zu den normalen Menschen wie der britische Korporal Frederick Arthus Stanley Pratt, der als untadeliger Sportsmann und Soldat galt, bis er am 19. September 1965 in der westfälischen Kleinstadt Langenberg die zwölfjährige Heidi Schiemann entführte, schändete und umbrachte. Pratt: »Für meine Tat habe ich keine vernünftige Erklärung.«

Andererseits ist offenbar, daß sich in unbestimmt hoher Zahl potentielle Triebverbrecher in der Gesellschaft finden: nicht nur in den Großstädten, sondern, so weist die Statistik aus, in nahezu gleich hoher Quote auf dem Lande.

Sie mögen ihre Gefährlichkeit selbst noch nicht erkannt haben. Dennoch hat die forensische Psychologie die Konturen ihres Charakters umschrieben: Es sind Menschen, die auf der einen Seite besonders triebintensiv, auf der anderen Seite aber gefühlsarm, kontaktschwach und phantasielos sind.

Die Prophylaxe muß nun, soll sie wirksam sein, sich auf diesen Kreis möglicher Täter erstrecken. Sie kann das in der Praxis nur, wenn der latente Verbrecher in irgendeiner Weise vor den Röntgenschirm der Justiz gerät. Anders ausgedrückt: Die Anomalie muß sich, wenn auch noch verschleiert und schwach, wenigstens einmal in einem aufgedeckten Sittlichkeitsdelikt manifestiert haben.

Und auch dann noch ist der Erfolg, wie die Kriminalgeschichte ausweist, allenfalls bescheiden - das Risiko freiheitsentziehender Fehlentscheidungen aber desto höher, je intensiver um Ergebnisse geeifert wird.

Tatsächlich gab es während der letzten Jahre nur einen beweiskräftigen Fall, in dem möglicherweise durch andere Gerichtsentscheidung hätte konkret ein typischer Lustmord verhindert werden können: Das ist der vorläufig jüngste Fall, der Fall Strack.

Wie viele Sitten-Sünder ohne Mordinstinkt dieses eine positive Ergebnis mit dem - unnötigen - Verlust ihrer Freiheit hätten bezahlen müssen, steht dahin.

Der Hamburger Psychiater Bürger -Prinz bemerkte denn auch schon vor Jahren skeptisch: »Man muß sich doch wohl vor Augen halten, daß statistische Aussagen nur eine Scheinsicherheit mit sich bringen und eine individuell gezielte Voraussage kaum aus ihnen hergeleitet werden kann. Diese Prognostizierbarkeit ... ist das entscheidende Problem für die Sicherung der Gesellschaft vor Verbrechern.«

Wagt man Prognosen, so bietet das deutsche Strafrecht seit 1933 eine durchaus handfeste Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen Sexualtäter für unbestimmte Zeit zu isolieren, Der nationalsozialistische Gesetzgeber, der schrittweise das hergebrachte Schuldstrafrecht zu einem sogenannten Täterstrafrecht umbauen wollte, führte mit dem Paragraphen 20 a den »gefährlichen Gewohnheitsverbrecher« in das Strafgesetzbuch ein.

Diesem Tätertyp drohen seither nicht nur erhöhte Strafen. Er soll auch nach Strafverbüßung hinter Gittern bleiben: in Sicherungsverwahrung.

Als »gefährlichen Gewohnheitsverbrecher« kann der Richter den bereits zweinialwegen wegen einer vorsätzlichen Straftat rechtskräftig Verurteilten und nun erneut Straffälligen nach Paragraph 20 a qualifizieren, wenn »die Gesamtwürdigung der Taten (ergibt), daß er (der Täter) ein gefährlicher Gewohnheitsverbrecher ist«.

Die gleichen Konsequenzen kann der Richter ziehen, wenn der Täter zwar zum erstenmal zur Aburteilung ansteht, wenn ihm aber drei vorsätzliche Taten nachgewiesen sind.

Letztlich hatte damit der Gesetzgeber, war die formale Voraussetzung der Vorstrafen beziehungsweise Vortaten ererfüllt, die Entscheidung über die Zukunft des Delinquenten ganz in das Ermessen des Richters gestellt. Die entscheidende »Gesamtwürdigung« des Täters lief letztlich auf die - durch und durch subjektive - Prognose hinaus, die zutage getretene verbrecherische Aktivität des Angeklagten werde die Strafzeit überdauern und sodann erneut zutage treten.

Die Dauer der Verwahrung bleibt grundsätzlich offen; sie kann lebenslänglich dauern. Einzige Einschränkung: Alle drei Jahre überprüft das Gericht, ob die Voraussetzungen noch zutreffen. Mit anderen Worten: Die Gefährlichkeitsprognose muß wiederholt werden.

Da die Sicherungsverwahrung zwar

durch Delikte ausgelöst, aber nicht wie jede normale Strafe im Umfang von der individuellen Straftat abhängig war, wurde sie ausdrücklich nicht als Strafe, sondern als »Maßregel« ausgegeben.

In der Praxis freilich wird die Sicherungsverwahrung im Zuchthaus vollstreckt - nach der gleichen Hausordnung, unter dem gleichen Anstaltspersonal, mit dem gleichen Verpflegungssatz. Für den Gefangenen ergeben sich letztlich nur zwei Unterschiede, ein unwesentlicher positiver und ein wesentlicher negativer: Nach dem Wechsel vom Straf-Rayon darf er nicht mehr nur ein Drittel seines nach Pfennigen bemessenen Tagesverdienstes, sondern zwei Drittel für sich behalten, er darf dreimal statt einmal im Jahr ein Paket empfangen, er darf so oft schreiben, wie er will. Andererseits sieht er nicht mehr, wie der Strafgefangene, das Ende seiner Haftzeit ab.

Die Einführung der Sicherungsverwahrung bedeutete den ersten Einbruch in das bis dahin geschlossene System von Schuld und schuldadäquater Sanktion. Die Sicherungsverwahrung bezog sich nicht auf die konkrete Tat, sondern auf die Interessen der Gesellschaft.

NS-Deutschlands Richter fanden darin nichts Bedenkliches. Bereits 1934 ordneten sie in 3750 Fällen Sicherungsverwahrung an. Bis 1940 wurden 11 632 Verwahrungsfälle registriert.

Was immer über die mit solcher Praxis notwendigerweise verknüpften Verluste an Rechtsstaatlichkeit zu sagen ist: Mit dem neuen Striegel wurde das Berufsverbrechertum in Deutschland in kurzer Frist mehr oder minder ausgekämmt.

Aber die eigentlichen Sittlichkeitsverbrecher bildeten unter den Verwahrten stets nur eine kleine Minderheit. Die im übrigen so erfolgreiche Treibjagd auf Gewohnheitsverbrecher verhinderte weder die Mordserie des Vagabunden Seefeld, noch selektierte sie den viehischen Bayern Johann Eichhorn.

Das Institut der Sicherungsverwahrung überlebte das Dritte Reich. Es hatte sich, wenn man von den Exzessen während des Krieges absieht, jedenfalls kriminalpolitisch bewährt.

England führte 1948 eine ähnliche Form prohibitiver Verwahrung ein - und seine Richter wendeten sie fast ebenso rigoros an wie zuvor die deutschen Rechtswahrer. Im Jahre 1954, sechs Jahre nach der Einführung, saßen bereits 4000 Sicherungsverwahrte in britischen Anstalten.

Die bundesrepublikanischen Gerichte aber hatten nach dem nationalsozialistischen Übersoll den Geschmack an der systemfremden Sanktion verloren. Bis Mitte 1953 waren die Zuchthäuser der Bundesrepublik einschließlich West -Berlins erst wieder mit 318 Verwahrten beschickt. Dazu kamen allerdings 473 Strafgefangene« die in Verwahrung übergeführt werden sollten, sobald ihre Strafzeit abgelaufen sein würde. Praktisch wirkte sich das damals noch vielfach so aus, daß das alte Etikett »Z« von der Tür entfernt und statt dessen ein neues angeheftet wurde: »SV«.

Im Durchschnitt werden gegenwärtig jährlich rund 100 Sicherungsverwahrungen angeordnet. Die Länder Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen zählen zusammen derzeit zwischen 130 und 140 Verwahrte, die in den Anstalten Fuhlsbüttel und Neuengamme warten, bis ihnen der Richter eines Tages Ungefährlichkeit bescheinigt.

In Hessen genießen 64 Verwahrte gegenüber Strafgefangenen den Vorteil eigener Bett- und Unterwäsche. In Baden-Württemberg dürfen sich die rund 100 sicherungsverwahrten Männer und die sieben sicherungsverwahrten Frauen, wenn sie wollen, in der Zelle einen Vogel halten.

Die bei der Verhängung von Sicherungsverwahrung ohnedies vorsichtigen Richter sträuben sich insbesondere, noch junge Täter, deren Besserungsfähigkeit nicht mit absoluter Sicherheit auszuschließen ist, in die Kolonne der von der Gesellschaft Verdammten einzureihen.

Eine Ursache für solche Abstinenz findet sich im Gesetz, die zweite setzte der Bundesgerichtshof:

- Die richterliche Feststellung, ob ein

bestimmter Täter Gewohnheitsverbrecher ist, muß sich auf die Gesellschaftsgefährlichkeit des Angeklagten zu einem Zeitpunkt beziehen, der in der Zukunft liegt.

- Es genügt nicht, daß der Richter die ihm damit abverlangte Prognose lediglich auf die Möglichkeit stützt, der Täter könne rückfällig werden; der Bundesgerichtshof verlangt ausdrücklich, der Rückfall müsse »mit Wahrscheinlichkeit erwartet werden können«.

Während die bloße Möglichkeit eines Rückfalls gerade im Bereich der Sexualdelikte kaum jemals ausgeschlossen werden kann, ist umgekehrt die urteilsmäßige Feststellung nicht weniger schwierig, ein bestimmter Täter werde nach vielen Jahren mit Wahrscheinlichkeit rückfällig.

So kommt es, daß der psychiatrische Gutachter als Teilhaber der Verantwortung in Anspruch genommen wird. Das Problem freilich ist auch damit nicht aus der Welt geschafft, sondern lediglich verlagert: Künftiges menschliches Verhalten ist nun einmal nicht mit Sicherheit diagnostizierbar, weder vom Richter noch vom forensischen Psychologen noch vom Psychiater.

Tatsächlich ist denn auch ohne Änderung des Gewohnheitsverbrecher -Paragraphen durch den Gesetzgeber eine spürbar erweiterte Anwendung der Sicherungsverwahrung gegen potentielle Sexualverbrecher von den Gerichten nicht zu erwarten.

Ob eine solche Änderung überhaupt wünschenswert wäre, ist durchaus umstritten. Denn so fragwürdig eine erweiterte Anordnung von Sicherungsverwahrung in ihrer Wirkung auf die Häufigkeitsquote schwerer Sexualverbrechen wäre, so sicher ist, daß die Zahl der Fehlurteile - das heißt die Zahl ungerechtfertigter Freiheitsberaubungen - sprunghaft ansteigen müßte.

Der Bundesgerichtshof ging von solchen Überlegungen aus, als er beispielsweise ein Landgerichtsurteil aufhob, das einen 23jährigen Verbrecher wegen dreier vollendeter und zweier versuchter Notzuchtsverbrechen mit fünf Jahren Zuchthaus und anschließender Sicherungsverwahrung belegte: Mit Rücksicht auf den bis zum 25. oder gar 30. Lebensjahr fortdauernden seelischen Reifeprozeß des Mannes könne eine Gefährlichkeitsprognose für den Zeitpunkt der beendeten Strafverbüßung bei einem eben herangewachsenen Menschen nur ganz ausnahmsweise gerechtfertigt sein.

Eben dieser höchstrichterlichen Skepsis wollen die Väter des künftigen bundesdeutschen Strafgesetzbuchs den rechtlichen Boden entziehen. In Zukunft soll der Richter bei der Feststellung, ob Sicherungsverwahrung angezeigt erscheint, sich auf die Prüfung der gegenwärtigen Gefährlichkeit des Angeklagten beschränken dürfen. Ob die Maßregel der Sicherungsverwahrung nach Verbüßung der Strafe tatsächlich in Kraft tritt, hängt von einer neuen Gefährlichkeits-Prüfung ab, die vom dann geltenden Gesamtbild des Strafgefangenen ausgeht.

Die Anordnung der Sicherungsverwahrung soll im übrigen, wenn die formalen Voraussetzungen gegeben sind, obligatorisch werden. Lediglich dann, wenn der Richter ausdrücklich eine positive Resozialisierungsprognose formulieren kann, darf er sich mit der sogenannten Sicherungsaufsicht begnügen.

Diese neu projektierte Maßregel würde nun in der Tat einem Bedürfnis der polizeilichen Praxis nachkommen. Bisher gibt es keine Rechtsgrundlage dafür, einen strafentlassenen Sittlichkeitsverbrecher zu überwachen. Polizeiaufsicht darf nämlich nur gegenüber bestimmten Tätern, etwa gegen Zuhälter und Hehler, angeordnet werden:

So trifft weder die Hamburger Kripo ein Vorwurf dafür, daß sie den Bruno Pupecka, noch die Kölner Kripo, daß sie den Richard Ludwig Strack sich selbst überlassen und vergessen haben.

Während der Gesetzgeber sich Gedanken darüber macht, wie er möglichst viele Triebverbrecher durch Isolierung unschädlich machen könnte, hat er für eine andere Vorbeugungsmethode wenig oder kein Verständnis: für die auf Wunsch des Betroffenen vorgenommene Entmannung.

In den ehemals britisch oder französisch besetzten Bundesländern ist der Paragraph 14 des Erbgesundheitsgesetzes, der die freiwillige Kastration zuläßt, durchweg noch gültig. In der Praxis aber hängt es auch in diesen Ländern von der Einstellung einzelner Beamter ab, ob das Gesuch eines Antragstellers genehmigt wird. Mehr und mehr neigen die Justizministerien dazu, freiwillige Kastrationen überhaupt zu sabotieren.

So wurde in Niedersachsen der Kastrationsantrag eines fünfmal einschlägig vorbestraften und danach zu drei Jahren Gefängnis und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilten Laboranten zurückgewiesen. Der niedersächsische Justizminister zweifelte, ob der Entmannungs-Paragraph des Erbgesundheitsgesetzes »mit den heutigen sittlichen Anschauungen über die Unantastbarkeit der Persönlichkeit in Einklang zu bringen sei«. In der Anstalt Wunstorf verging sich der homosexuelle Laborant alsbald wieder an einem Jugendlichen. Abermals angeklagt, entwich er aus der Anstalt und warf sich vor einen Zug.

In Wahrheit wollen die Minister sich nicht, das Mißfallen der Kirche zuziehen. Und die zuständigen Beamten fürchten die Möglichkeit, später durch ein Gericht desavouiert zu werden, das einen mit ihrer Zustimmung erfolgten Eingriff als sittenwidrig verwerfen könnte.

Dabei kennen durchaus demokratische Länder, wie Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, die Niederlande, die Schweiz und die meisten nordamerikanischen Staaten, seit langem die freiwillige Entmannung von Sexualdelinquenten, die sich ihres Triebs entledigen wollen. Durchweg sind die kriminologischen Erfahrungen vorzüglich, die feststellbaren physischen und psychischen Schäden bei den Operierten gering.

Die mit der Entmannung verbundene Triebreduktion schließt den Rückfall des sexuellen Gewaltverbrechers praktisch aus. Sie dämpft die Aktivität des Homosexuellen erheblich.

»Die Entmannung ist ethisch zu rechtfertigen, wenn der Betreffende unter seiner Veranlagung leidet, wenn er sich mit Sittlichkeitsdelikten strafbar gemacht hat oder Gefahr läuft, solche Verbrechen zu begehen, wenn der Eingriff mit großer Wahrscheinlichkeit Erfolg verspricht, wenn unter Berücksichtigung der Persönlichkeit gröbere Schäden davon nicht zu erwarten sind und wenn andere Behandlungsmethoden keinen oder nur einen sehr zweifelhaften Erfolg versprechen.« So faßte der Hamburger Professor Langelüdeke seine zehnjährigen Untersuchungen zum Thema »Die Entmannung von Sittlichkeitsverbrechern« zusammen.

Das Bundesjustizministerium aber, das sich noch unter dem Hausherrn Ewald Bucher mit dem Vorhaben trug, dem Kabinett einen positiven Gesetzentwurf zur freiwilligen Kastration vorzulegen, hat seine Pläne stillschweigend zurückgestellt. Triebverbrecher sollen Männer bleiben - aber in der Sicherungsverwahrung.

Kindermörder Strack, Bewacher: Eine Chance zuviel

Trakt für Sicherungsverwahrte im Zuchthaus Fuhlsbüttel: »Human gegenüber dem Täter«

Beerdigung eines ermordeten Kindes in Duisburg: »Grausam gegenüber dem Opfer«

Haarmann

Kürten

Seefeld

Pleil

Kriminalgeschichtliche Sexualmörder Trinken mäßig, rauchen selten

Warnung vor Sexualmördern (Plakat)

»Für die Tat ...

Warnung vor Sexualmördern (Film*)

... keine vernünftige Erklärung«

Schaufenster-Fahndung nach einem Kindesmörder in Kiel: Auch der Nachbar ...

... kann der Täter sein: Fundstelle der Kindesleiche in Kiel

* Szene aus einem Aufklärungsfilm.

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