Österreich Blutige Rätselspur
Den Zeitpunkt hatten die Täter mit perfider Präzision gewählt. Eben noch hatte Wiens Ex-Bürgermeister Helmut Zilk im Großen Schwurgerichtssaal des Wiener Landesgerichts dramatisch demonstriert, was von seiner linken Hand blieb, die im Dezember 1993 durch eine Briefbombe zerfetzt wurde, da krachte es erneut.
In Stronsdorf, Bezirk Mistelbach, im niederösterreichischen Weinviertel, explodierte vorigen Montag in der Praxis des Gemeindearztes Dr. Mahmoud Abou-Roumie, 47, abermals eine Briefbombe. Der gebürtige Syrer, seit Jahren österreichischer Staatsbürger, erlitt schwere Verletzungen an der linken Hand.
Eine halbe Stunde später verstümmelte eine postalische Höllenmaschine der prominenten Flüchtlingshelferin Maria Loley, 71, im nahen Weinort Poysdorf die linke Hand. Ein dritter Terrorbrief, an einen Arzt koreanischer Abstammung gerichtet, konnte rechtzeitig entschärft werden. Die politische Druckwelle der inzwischen schon vierten Briefbombenserie seit Dezember 1993 trifft Österreich in einer Zeit tiefer politischer Zerrüttung. Vor eineinhalb Wochen zerbrach die Große Koalition am Streit um ein dringend benötigtes Sparbudget. Jetzt wird die politische Unsicherheit noch verstärkt durch neuerliche Terrorangst.
Seit der ersten Bombenserie vor bald zwei Jahren haben die kriminellen Briefbombenbauer in regelmäßigen Abständen in ganz Österreich, aber auch in Deutschland zugeschlagen. Im Juni dieses Jahres explodierte in München eine an die dunkelhäutige TV-Moderatorin Arabella Kiesbauer adressierte Briefbombe. Ein zweiter Sprengkörper verletzte den Lübecker SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Rother schwer an der rechten Hand. Beide Sendungen waren in Österreich aufgegeben worden.
Über die Urheber der blutigen Anschläge ist bislang nur bekannt, daß sie von unbändigem Fremdenhaß getrieben werden. Die Sprengfallen galten stets Ausländern oder Bürgern, die sich für solche engagieren. Die Verantwortung übernahm meist eine obskure Terrortruppe, die sich »Bajuwarische Befreiungsarmee« nennt: brandgefährliche Spinner mit einem kruden historischen Weltbild, die eine blutige Rätselspur quer durch Österreich legen.
Die Zahl der Bomben, die Aufgabeorte, die Zeit zwischen den Explosionen, nichts scheint dem Zufall überlassen, alles könnte für die Fahnder von Bedeutung sein. Im Wiener Landesgericht wird gerade gegen drei Neonazis verhandelt, zwei von ihnen, Franz Radl und Peter Binder, sind als Mittäter der ersten Briefbombenserie vom Dezember 1993 angeklagt. Die drei Bomben im Weinviertel - »Unterstützung« für die drei Angeklagten?
Die neuen Unglücksbriefe wurden in St. Pölten aufgegeben. Gezeichnet wurde das gefundene Bekennerschreiben mit »Markgraf Gerold«, wohl ein Bezug auf Gerold I., Schwager von Kaiser Karl dem Großen, der im achten Jahrhundert das Karolingerreich gegen die anstürmenden Awaren verteidigte. Seine Residenz hatte der germanische Recke, so vermuten Historiker, in eben der Stadt, in der jetzt die drei jüngsten Briefbomben aufgegeben worden waren.
Auch in den übrigen Bekennerschreiben finden sich nicht die klassischen Neonazi-Phrasen, sondern jene nicht weniger gruselige Mischung von fanatischem Fremdenhaß und pseudohistorischen Bezügen auf die bajuwarische Frühgeschichte Österreichs und seinen Kampf gegen die »Überfremdung aus dem Osten«. Alle Fahnder standen bislang vor unlösbaren Rätseln.
Wie dürftig die Ergebnisse der österreichischen Terroristenjäger nach bald zweijähriger Fahndung sind, zeigt sich beim Prozeß gegen Binder und Radl, der just an dem Tag, als die jüngsten Bomben explodierten, vertagt werden mußte, weil die Anklage neue Zeugen aufbieten will.
Die sind auch bitter nötig, soll der Prozeß nicht peinlich für Staatspolizei und Justiz enden. »Der Bombenprozeß - eine Blamage«, urteilt stellvertretend für alle Beobachter der Reporter Alfred Worm in der Zeitschrift News. Er nennt das Verfahren »das Waterloo der österreichischen Strafjustiz«.
Was bisher im Großen Schwurgerichtssaal geboten wurde, glich tatsächlich einem Trauerspiel. Zeugen aus dem rechtsradikalen Milieu blieben reihenweise der Verhandlung fern oder verhöhnten Richter und Staatsanwalt. »Ich leide wohl an Alzheimer«, beschied ein junger Neonazi den Richter, als ihn dieser, erbost über sein Schweigen, auf frühere Aussagen hinwies. Der Anklagevertreter wieder mußte konsterniert zur Kenntnis nehmen, daß die Staatspolizisten wichtiges Beweismaterial verschludert, Alibis nicht ordentlich überprüft und Zeugen schlampig befragt hatten. Ins Kreuzfeuer der Kritik ist nun auch Innenminister Caspar Einem (SPÖ) geraten, vom linken Flügel seiner Partei bisher hoffnungsvoll als »Anti-Haider« und möglicher Nachfolger für Kanzler Franz Vranitzky angesehen. Das bedeutet, daß die Briefbomben und die zahllosen Fahndungspannen auch im eben angelaufenen Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen werden.
Nicht nur Rechtsaußen Jörg Haider schießt sich auf Caspar Einem ein, sondern auch der bisherige Koalitionspartner ÖVP. Dem Innenminister seien im Kampf gegen den rechten Terror »grobe Versäumnisse« vorzuwerfen, kritisiert ÖVP-Klubobmann Andreas Khol. Einem sei bei der Suche nach den Briefbombenbauern »keinen Schritt weitergekommen, weil er seiner Sicherheitsexekutive nicht die Mittel gibt, um derartig organisierte Kriminalität zu bekämpfen. Wir werden den Finger auf diese Wunde legen«.
Haider will das Thema für seinen Wahlkampf offensichtlich nach Kräften nutzen. Der Rechtspopulist, dessen Partei nach jüngsten Umfragen praktisch gleichauf mit SPÖ und ÖVP liegt, sieht sich nach der jüngsten Bombenserie plötzlich selber als Terroropfer.
Es sei doch auffällig, so sinnierte Haider in einer ersten Reaktion düster, daß immer dann Bomben in Österreich explodierten, wenn die Linke in Turbulenzen gerate. Er wolle daher nicht ausschließen, daß die Attentate erfolgten, »um mich zu verhindern«. Im übrigen sollte sich der Innenminister einmal die Stasi-Akten der Gauck-Behörde kommen lassen. Vielleicht sei ja dort des Rätsels Lösung zu finden? Y