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GRIECHENLAND Blutige Schlachten

Sprachverwirrung droht - neben Neugriechisch soll in den Schulen auch wieder Altgriechisch gelehrt werden. *
aus DER SPIEGEL 44/1987

Den griechischen Philologen wird angst und bange, wenn sie an das Jahr 2000 denken: »Das werden wir wohl im antiken Gewand und im Helm begrüßen müssen.«

So spotten sie, seit Erziehungsminister Antonis Tritsis beschlossen hat, ab kommendem Schuljahr an allen weiterführenden Schulen des Landes den Altgriechisch-Unterricht wiedereinzuführen.

Der Ukas versetzte die Nation in helle Aufregung, denn er riß eine tiefe Kluft zwischen Traditionalisten und Erneuerern im Lande auf.

Zwar sind Alt- und Neugriechisch voneinander nicht so verschieden wie etwa Italienisch und Latein. Nicht nur die Schriftzeichen, sondern auch zahlreiche Wörter oder zumindest deren Wurzeln sind im Neugriechischen aus der Sprache des klassischen Altertums vor 2500 Jahren erhalten geblieben. Grammatik, Satzbau und Orthographie weichen jedoch stark voneinander ab. Für die meisten Griechen klingt die Sprache ihrer Vorfahren wie ein fremdes Idiom.

Der Streit um die Sprache der Hellenen ist fast so alt wie der neugriechische Staat. 1830, als sich zunächst die Griechen zwischen dem Olymp und dem Peloponnes aus der fast 400jährigen Türkenherrschaft befreiten und einen Nationalstaat errichteten, beeilten sich Staatsgründer und Philhellenen, mittels der Sprache die geschichtliche Kontinuität der Nation wiederherzustellen sowie den Anschluß an Byzanz und die Antike zu finden .

Die gemeinsame Sprache, deren Ursprünge auf das Altgriechische zurückführen, war zugleich eines der wichtigsten Argumente, die Theorie des deutschen Historikers Jakob Philipp Fallmerayer zu bekämpfen, der Rassenreinheit und die historische Kontinuität der Hellenen in Frage stellte. Seine Behauptung, »das Geschlecht der Hellenen ist in Europa ausgerottet«, hatte er mit der These verschärft, die Neugriechen seien eigentlich Slawen.

Konservative Intellektuelle und Beamte, die sich als Sachwalter des antiken und byzantinischen Kulturbestandes verstanden, huldigten damals einer archaisierenden »Reinsprache«, der »Katharevoussa«.

Das einfache Volk dagegen, wie später auch Dichter und Schriftsteller, bediente sich der »Dimotiki«, der gesprochenen vom Altgriechischen weit entfernten Volkssprache .

Der Sprachenstreit bekam einen ideologischen Beigeschmack. Wer die Gelehrtensprache benutzte, galt als Reaktionär, wer sich dagegen der Volkssprache bediente, erschien fortschrittlich.

Die Auseinandersetzung nahm Anfang dieses Jahrhunderts solche Ausmaße an, daß sich Anhänger der Reinsprache und »Dimotikisten« in Athen blutige Straßenschlachten lieferten.

Jahrzehntelang beherrschte der Sprachenstreit die griechische Innen- und Bildungspolitik. Bis vor etwa einem Jahrzehnt blieben Rechte, Kirchenfürsten und konservative Gelehrte der Reinsprache treu, sie lebte auch als

Amtsgriechisch und in der Zeitungssprache weiter. In der mit alten Wortanleihen angereicherten Volkssprache schrieben die beiden griechischen Nobelpreisträger für Literatur, die Dichter Jorgos Seferis (1963) und Odysseas Elytis (1979).

Die Doppelsprachigkeit machte vor allem den Schülern zu schaffen und erwies sich als Hemmnis, das Bildungssystem zu modernisieren. In den Schulen wurden die Reinsprache und das Altgriechisch im Original gepflegt. Doch zu Hause wie auch auf der Straße machten sich Schüler und Erwachsene auf Neugriechisch verständlich.

Erst 1976 schaffte der konservative Erziehungsminister und spätere Ministerpräsident Georgios Rallis die antikisierende Reinsprache als offizielle Staats- und Schulsprache ab und schränkte den Altgriechisch-Unterricht stark ein.

Altgriechisch blieb im wesentlichen künftigen Philologen vorbehalten. Die Volkssprache zog in die Schulen ein und wurde nach und nach in der Presse, aber auch im Amts- und Rechtsverkehr benutzt, die noch in der Gelehrtensprache verabschiedete Verfassung von 1975 ins Neugriechische übertragen.

Um so verwunderlicher, daß ein Jahrzehnt nach der Sprachreform die konservative Gegenrevolution aus Kreisen der seit 1981 regierenden Sozialisten kommt. Erziehungsminister Antonis Tritsis sieht durch die Abschaffung des Altgriechischen die »kulturelle Kontinuität« der Nation gefährdet: »Es ist unmöglich, ohne die elementaren Kenntnisse unserer alten Sprache richtig Neugriechisch zu lernen.«

Doch die Auffassung des Ministers, Altgriechisch könne den Neugriechisch-Unterricht befruchten und das Sprachniveau der Schüler heben, wird von namhaften Philologen bestritten. Prominente Philologen forderten Ministerpräsident Andreas Papandreou auf, sich von seinem Minister zu distanzieren, denn der Altgriechisch-Unterricht werde zur Sprachverwirrung unter den Schülern führen.

Griechenlands Linke sehen die Gegenreform als »reaktionären Rückschritt« (so das KP-Blatt »Rizospastis") an und lehnen den Plan des Ministers, von ihm selbst als »Wiedergewinnung unserer Kultur« gepriesen, als »übertriebenen Ahnenkult«, »geistige Heuchelei« und »sterilen Nationalismus« ab.

Diese Kritik kontern die Befürworter der Altsprache mit Hinweisen auf die humanistische Bildung der kommunistischen Altväter. Karl Marx etwa lernte Altgriechisch in Trier, schrieb seine Doktorarbeit über die Philosophie von Demokrit und Epikur. Friedrich Engels wurden vom Schuldirektor in Elberfeld »außerordentlich gute Leistungen in Altgriechisch« bescheinigt.

Und Lenin las nach dem Besuch des klassischen Gymnasiums in Simbirsk altgriechische Werke im Original. Zitate daraus streute er später in seine Reden.

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