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RUSSLAND Blutiger September

Putin stützt die US-Vergeltung gegen Terroristen - damit der Westen ihm endlich beisteht im Krieg gegen die Tschetschenen.
Von Fritjof Meyer
aus DER SPIEGEL 39/2001

Eine Woche vor dem Massenmord von New York: Im zweiten Stock eines der halbwegs intakten Bürogebäude von Grosny konferiert die von den Russen eingesetzte Regierung unter dem Vorsitz ihres Chefs Achmed Kadyrow. Es gab einiges zu verhandeln: In vier Tagen jährte sich das Datum, an dem die Republik Tschetschenien 1991 ihre Unabhängigkeit von Russland ausgerufen und damit die Reichsexekution herausgefordert hatte.

Plötzlich explodiert eine Bombe. Die Stühle im Sitzungsraum fallen um, der Putz stürzt von der Decke, fünf Leute sind verwundet - mehr nicht: Die Attentäterin hatte die Druckwelle falsch berechnet, als sie im ersten Stock sich selbst in die Luft sprengte. Das geschah an einem Ort, bis zu dem Russlands Präsident Wladimir Putin nach eigenem Bekunden die Bombenwerfer verfolgen will: der Toilette.

Die Selbstmordattentäter von New York aber boten Putin die Gelegenheit, endlich die USA auf seine Seite zu ziehen: Er lud die Weltmacht ein, jener Anti-Terror-Allianz beizutreten, die Russland voriges Jahr schon mit China, Kasachstan, Kirgisien, Usbekistan und Tadschikistan geschlossen hat - gegen »religiösen Extremismus«, mit Bomben auf Afghanistan im Programm.

Als Schurken hat Putin allerdings Partner der USA im Visier: Saudi-Arabien und die Golf-Emirate sowie das Nato-Protektorat Kosovo. Nur gegen das Taliban-Regime gibt es ideologischen Schulterschluss.

Schon versprach der Chef des russischen Geheimdienstes FSB, Nikolai Patruschew, das Versteck des gemeinsamen Erzfeinds Osama Bin Laden zu ermitteln. Denn den hält Moskau auch für den Finanzier des tschetschenischen Widerstands. Seine Ausschaltung, so Patruschew, habe auf die Grosny-Kampagne »positiven Einfluss«.

Zwei Stunden nach der Schreckensbotschaft aus New York stoppte Putin eilends ein Manöver seiner Langstreckenbomber, die gerade eben den Angriff auf US-Städte und Militärbasen übten. Nun hofft er auf westliches Verständnis für seinen Kolonialkrieg und bei seinem Berlin-Besuch in dieser Woche wenigstens auf gastliches Stillschweigen.

Das Moskauer NTW-Fernsehen ließ im Schattenriss einen anonymen CIA-Mann auftreten, der versicherte, die Attacke auf die USA, Explosionen in Moskau und die Kämpfer im Kaukasus seien »Glieder einer Kette«. Bis heute nicht identifizierte Täter hatten am 9. und 13. September 1999 zwei Häuserblocks in Moskau gesprengt (210 Tote). Der Gewaltakt führte den gelernten Geheimpolizisten Putin ins Präsidentenamt und ließ ihn auch den Feldzug zum Staatsterrorismus eskalieren. Er kostete bisher Zehntausende Zivilisten und mehrere tausend Soldaten das Leben.

Blutiger September: Vorigen Montag, sechs Tage nach der Gräueltat wider das Symbol des Weltkapitals, schlugen die tschetschenischen Freischärler erneut zu. Bei Grosny schossen sie einen Hubschrauber ab; unter den 13 Toten waren zwei Generäle. Hunderte Rebellen gelangten mit Autobussen in die Stadt Gudermes, griffen Bahnhof und Polizeizentrale an (zehn Tote); ein Suizidattentäter donnerte mit einem Wagen voll Dynamit in das Haus des besatzertreuen Verwaltungschefs in Argun.

Alle diese Partisanen sind für Moskau Terroristen. Einer ihrer Ideologen hatte auch einmal gedroht, ein Flugzeug zu entführen und auf den Kreml stürzen zu lassen. Jetzt versicherte Luftwaffen-Oberbefehlshaber Anatolij Kornukow, zehn bis zwölf Minuten nach der ungenehmigten Kursänderung eines Flugzeugs könnte das Feuer eröffnet werden. Auf Befehl Kornikows, damals Divisionskommandeur, wurde in der Nacht zum 1. September 1983 ein koreanischer Passagier-Jet abgeschossen (269 Tote). Hobbyflieger Mathias Rust aber landete 1987 ungestört vorm Kreml.

Die Aussichten für Tschetscheniens Bewohner bleiben düster. Vorletztes Wochenende versammelten sich im benachbarten Inguschien 400 Delegierte, ausgewählt von tschetschenischen Dorfältesten und Imamen, um über einen Waffenstillstand zu beraten. Sie wurden nach ihrer Ankunft von der Polizei festgenommen und nach Tschetschenien zurückexpediert.

Für Friedensgespräche plädierte auch Boris Nemzow, Ex-Vizepremier und Chef der russischen Rechtsliberalen. Er solle als Duma-Abgeordneter zurücktreten, befand Putin dreist, wenn er nicht binnen vier Wochen die Auflösung aller »Banden« und Auslieferung ihrer Anführer erreiche.

Nemzow kapitulierte: »Entweder wir töten die Terroristen jetzt, oder sie dringen eines Tages bis zum Kreml vor.« Da folgerte Alexander Dugin von der Bewegung »Eurasia": »Putin hat jetzt praktisch freie Hand, er kann Tschetschenien ungestraft vom Erdboden verschwinden lassen, niemand wird ein Wort sagen.« FRITJOF MEYER

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