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KRIMINALITÄT Blutiges Finale

Ein Boxfanatiker wollte seinen Sohn zum Champion drillen. Aus Verzweiflung erschlug das Berliner Talent den Vater im Schlaf.
aus DER SPIEGEL 5/1999

Nach Mitternacht schleicht sich Mario in der Zweieinhalbzimmer- Plattenbau-Wohnung aus dem Ehebett, das er mit seinem Vater teilen muß. Der schmächtige Junge, eines der größten deutschen Boxtalente, verschwindet in seinem Zimmer, das er für Schularbeiten und Krafttraining nutzt. Hier greift er die Kurzhantel, geht zurück ins Schlafzimmer - und zertrümmert seinem schlafenden Vater mit mehreren Schlägen den Schädel.

Gegen zwei Uhr morgens stirbt am vorvergangenen Freitag in Berlin-Hohenschönhausen der arbeitslose Glas- und Gebäudereiniger Dieter L., 51, »infolge stumpfer Gewalt gegen den Kopf«, wie es später im Obduktionsbericht heißt.

Mario, 16, zeigt am Morgen noch Freunden die blutverschmierte Hantel, dann verschwindet er. Am Abend nimmt die Polizei den Jungen unweit des Hauses in der trostlosen Betonsiedlung fest.

40 Seiten umfaßt das Protokoll der ersten Vernehmung des Fliegengewichtlers, der zum Totschläger wurde. Es ist die Geschichte eines kleinen Boxers, der nicht nur im Ring siegen, sondern auch seinen Vater vom Makel des sozialen Verlierers befreien sollte - und an der Last zerbrach.

Mario, sagt seine Anwältin Evelyn Ascher, sei nach seiner Verhaftung offenbar »so froh gewesen, daß endlich überhaupt jemand mit ihm spricht, daß er sich dabei um Kopf und Kragen geredet hat«. Wirklich realisiert habe er »das Ganze aber noch nicht«.

Das blutige Finale des Vater-Sohn-Konflikts hatte niemand kommen sehen - weder die Lehrer noch die Trainer, noch Nachbarn oder Freunde.

Dabei galt Dieter L. überall als zynischer Eigenbrötler, den Alkohol äußerst streitsüchtig und brutal machte. Schon früher hatte der Saubermann Staubreste auf Schränken und Scheuerleisten mit Prügel für die Ehefrau bestraft und wegen Schlägereien eingesessen. Die Gewalttätigkeit steigerte sich noch im selben Maß, wie L. nicht mit seinem sozialen Abstieg nach der Wende zurechtkam.

Aus dem in der DDR mit 1800 bis 2000 Mark hochbezahlten Fensterputzer mit kurzen Arbeitszeiten war ein Geringverdiener mit Schichtdienst und immer neuen Arbeitgebern geworden. L. sei ein »guter und akkurater Arbeiter« gewesen, sagt Ronald Fritsche, einziger Freund des Toten, »aber er konnte sich von keinem Chef etwas sagen lassen«.

All seine Ziele - er hatte als Jugendlicher selbst vergeblich versucht, Boxer zu werden - projizierte L. fortan auf seinen Sohn. Mario war neun Jahre alt, als der Vater ihm die Fausthandschuhe überzog, »um seine Reaktionen zu testen«. 1994 wurde er schließlich auf die Sportschule »Werner Seelenbinder« und zum SC Berlin ins Sportforum Hohenschönhausen geschickt.

Die ehemalige Ost-Berliner Medaillenschmiede, zu SED-Zeiten der Stasi-Club Dynamo, hat unter anderem Spitzensportler wie Franziska van Almsick und Jan Ullrich geformt. Sie machten aus ihrem Talent nach der Wende Millionen. Also ließ auch L. seinen Sohn hier drillen, aus ihm sollte »mal was werden« - ein Profiboxer mit lukrativen Sponsoren-Verträgen.

Sechs bis acht eineinhalbstündige Trainingseinheiten absolvierte Mario hier jede Woche. Der schlaksige Junge (letztes Wettkampfgewicht bei 1,70 Meter Körpergröße: 48 Kilogramm) wurde dreimal Berliner Meister, war auf dem Sprung in die A-Jugend-Nationalmannschaft. Als Experten seine enormen technischen Fertigkeiten lobten, reagierte das Talent ungläubig: »Wirklich? Der Papa sagt so etwas nie.«

Dem ins Boxen vernarrten Vater, Fan von weniger eleganten Profi-Punchern wie Mike Tyson, waren die Erfolge des hochbegabten Sohnes nie genug. Als der Fliegengewichtler im November vorigen Jahres bei den Internationalen Deutschen A-Jugend-Meisterschaften Bronze gewann, wurde Mario zu Hause als »Pflaume« gehänselt.

Dieter L. schottete auch seinen Sohn ab, verbot den Besuch von Freunden in der Wohnung und bestrafte Zuspätkommen. Vor vier Wochen kam Mario mit blauem Auge und einer Platzwunde an der Stirn in die Schule. Er habe sich »mit einer Glatze gekellt«, behauptete er. Kein Skinhead, sondern »der Vater war's«, glauben seine Freunde heute.

Im Ring ein Sieger, zu Hause ein Opfer - mit keinem Wort hat Mario, dessen Mutter vor elf Jahren an Krebs starb, sein Dilemma angedeutet. »Psycho« nannten ihn die Mitschüler ob seiner Verschlossenheit, den Nachbarn kam es vor, als habe der Junge »Angst, zu viel zu erzählen«. Und immer wieder nahm er seinen pöbelnden Vater in Schutz: »Papa meint es nicht so.«

Selbst als seine Zensuren im letzten halben Jahr schlechter wurden, Mario die Schule schwänzte und trotz Leistungssport zur Zigarette griff, wurde das Ausmaß seiner Verzweiflung nicht erkannt. Zudem lehnte der junge Boxer alle Hilfsangebote ab. Er wollte, erklärte Mario seiner Anwältin, »mit meinen Problemen niemanden vollsülzen«.

In einer Stellungnahme von Schulleitern und Trainern für das Landesschulamt heißt es: »Ein Zusammenhang zwischen der Tat und den schulischen und sportlichen Leistungen ist nicht erkennbar. Der Schüler war nicht auffällig.«

SEBASTIAN LEHMANN, PETER TIEDE

Sebastian Lehmann, Peter Tiede
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