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FONTANE-PREIS Boccaccio in der Bar

aus DER SPIEGEL 12/1956

Man möchte Meier heißen, wenn dieser Autor tatsächlich Hans Scholz hieße. Oder fallen neuerdings die Genies doch vom Himmel?« überlegte Ende des vergangenen Jahres in der Baseler »National-Zeitung« der Kritiker Arnold Künzli, als er das Buch »Am grünen Strand der Spree"* gelesen hatte. Er wird seinen Wunsch, den Namen Meier anzunehmen, gewiß revidieren. Der Mann, der am Sonntag für sein erstes und bisher einziges Buch den repräsentativsten Berliner Literaturpreis entgegennahm, den Fontane-Preis, heißt wirklich Hans Scholz.

Bescheiden bekennt der 45jährige Maler, Werbefilm-Fachmann und Amateur-Kunsthistoriker Scholz, wie er es angestellt hat, ein so gelobtes und dekoriertes Buch zu schreiben: »Ich habe nur aus meinen ewigen Saufereien ein bißchen Kapital geschlagen.«

Dieses Kapital, sein Buch - Untertitel: »So gut wie ein Roman« -, war bereits im Herbst des vergangenen Jahres erschienen und alsbald von einem begeisterten Kritiker entdeckt worden. Der Autor dagegen, der gar nicht daran dachte, sich zu verbergen, wurde erst später ausfindig gemacht.

Denn kaum ein Kritiker hielt diesen Hans Scholz überhaupt für existent. Sein in Literaturgegenden unbekannter Dutzendname stand im Verdacht, das Pseudonym irgendeines berühmten Prosakünstlers zu sein. Im Märzheft der Zeitschrift »Der Monat« allerdings nannte Hellmut Jaesrich boshaft den - zu dieser Zeit bereits erwiesenen - Irrtum »eine ganz unsinnige Vermutung, denn welchem Mitglied unseres Vierteldutzend von Dichterakademien, außer Gottfried Benn vielleicht, wären solche Fähigkeiten überhaupt zu unterstellen?«

Die Fähigkeiten, die den Neuling Scholz vom Gros der deutschen Dichter vorteilhaft abheben, sind sein erzählerischer Unternehmungsgeist, die Sorgfalt der Komposition und eine Sprache, die in diesem Buch zum erstenmal und mit viel Glück als Kunstmittel auftaucht: ein gehobenes Berlinisch, der handfeste, aber auch verspielte und verquatschte Jargon, der zum Kurfürstendamm und zu Dahlem gehört.

»Berlin ist seit langem nicht mehr so spritzig, so klug und überlegen präsent gewesen wie in diesem Buch« schrieb die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«. Im Berliner »Tagesspiegel« wurde das »kaum zu beschreibende, beglückende Erlebnis« gelobt: »Ein ausgezeichnetes, ein wichtiges Buch, das mit Geist und Kunst über die materielle Zähigkeit unserer... Welt obsiegt.«

Die Frankfurter Neue Presse« sprach von der Leistung »eines wirklichen, echten, bei uns so seltenen Humoristen... Viele Seiten muß man doppelt lesen, um den geistreichen Witz nochmals zu genießen, der einem beim ersten Male vor Lachen halb entgangen ist.« Die »Zeit« begann: »Endlich wieder einmal ein Erzähler...« Der »Sender Freies Berlin« sprach begeistert von »einer erzählerischen Meisterleistung«, der damals noch existente »Nordwestdeutsche Rundfunk« vom »Naturtalent eines Erzählers, der unwahrscheinlich weitreichende Milieu- und Menschenkenntnis besitzt...« und »uns die hohe Schule des Stils in allen Gangarten demonstriert...«

Hans Scholz - »oder wer es auch sein mag« (Tagesspiegel); »...ist offenbar ein Pseudonym« (Westfalenpost) - hatte ursprünglich einige Novellen, die nichts miteinander zu tun hatten, zu Papier gebracht: Aber Kenner des Literatur-Marktes rieten ihm ab: Novellen, meinten sie, seien schlecht zu verkaufen. Scholz, der als ehemaliger Wandmaler und Verfasser von gefilmten Strumpfreklamen die Zeichen der Zeit zu deuten weiß, gruppierte um.

Er stellte einen Rahmen her: Er versammelte eine Freundesrunde im Berlin der fünfziger Jahre in der - echten, aber mittlerweile eingegangenen - Jockey -Bar in der Nähe des Kurfürstendamms. Dort werden - wie in Boccaccios »Decamerone« - Geschichten erzählt, erfundene und erlebte, aufgeschriebene Geschichten verlesen oder improvisierte Geschichten mitgeteilt. Zweck des Abends ist, einen ehemaligen Generalstabs-Major aufzuheitern, der eben erst aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrt ist.

Bei wechselnden, niemals billigen Getränken hört man Tagebucheintragungen aus Rußland und Polen, eine Spionage -Affäre aus der norwegischen Etappe, ein Stück Ostzonen-Alltag, Schlafzimmer-Geplänkel in Italien und sogar märkische Kriegsabenteuer aus dem Jahre 1759. Zwischen den so verschiedenartigen Handlungsgruppen hat Scholz viele Querverbindungen eingerichtet. In der »Welt« entzückte sich Friedrich Luft: »Er wirft den Faden der Erzählung so kunstvoll zwischen Gestern und Heute und zwischen den einzelnen Rittern dieser Jockey -Runde hin und her, daß man staunt, wie sich anscheinend ganz mühelos das dichte Muster des Buches ergibt.«

Zu diesem Muster trägt eine sehr schöne, sehr reiche und sehr gutartige Frau nicht wenig bei, die in mehreren Berichten auftaucht und am Ende frisch vom Morgenritt zur übernächtigten Bargesellschaft stößt. Dieses Götterwesen, »eine lächelnde Mahnung für jedermann, wie eigentlich ein Mensch auszusehen habe«, ist ein höchst schmeichelhaftes Prosa-Porträt der Miss Germany von 1950, Susanne Erichsen, nach Scholzens überraschender Ansicht »der einzigen legitimen Schönheitskönigin, die es je gegeben hat«.

Ohne besonderes Murren hat Scholz seinen Beinahe-Roman mehrmals umgeschrieben, ehe der Verlag zufrieden war. Nur als ein Lektor zur Schonung bundesbürgerlicher Nerven - wie Scholz sagt »die Juden rausschmeißen« wollte, blieb der Autor unnachgiebig.

Exekutionen von Juden hat Scholz - »Ich kann nicht über etwas schreiben, was ich nicht gesehen habe« - als Gefreiter mitangesehen. Als Leutnant - in Norwegen

- beobachtete er das Original zu einer Skizze, die Karl Korn in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« »ein gültiges Gruppenbild der deutschen Stäbe in diesem letzten Krieg« nannte:

»Die zwanzig und mehr Planstellen waren mit Offizieren besetzt, die von sich selbst und von einander als von den 'Herren' sprachen; mit Genugtuung einige, weil sie die Zugehörigkeit zu einem Stabe der höheren Führung als Steigerung ihres Eigenwertes empfanden; einige, weil's einmal so üblich war und ihnen die ganze Sache nicht wichtig; und wieder andere unüberhörbar mit parodistischem und höhnendem Beiklang, auf daß man begriffe, wie sie für ihre Person jedenfalls die Stabzugehörigkeit gerade der Erstgenannten, gelinde gesagt, für eine Zumutung hielten.

»Die traditionellen und schneidigen Kasinoabende-Teilnahme war Dienst; lange Hose - mit ihrem aufschnellenden, hackenklappenden und sich möglichst knapp verbeugenden Drum und Dran, glichen manchmal einer gestelzten Begegnung von allerlei Buchstaben und Zahlen eher als einer von Männern und Menschen; ein drahtiges Nebeneinander von Unwirklichkeiten, von Ziffern und Chiffren; ein Ib neben einem W. u. G., ein OI an einem Vk vorbei, ein VI Dora* am anderen vorüber und so fort.«

Das Buch enthält aber auch Dialoge aus der sowjetzonalen Wirklichkeit der Gegenwart. Einer der Herren, die in der Jockey -Bar zu Worte kommen, reproduziert das folgende Gespräch, das er in einem Ostzonen-Omnibus mitanhörte:

Na und nu? Watis nu?

Ja, wat is nu... ? Heute is et 'n volkseigener Betrieb

Und er?

Zehn Jahre, Waldheim. Zuchthaus vonwejen Sabotage.

Denn muß er ja Otto'n tretfen. Der hat fünfundzwanzig.

Unweigerlich kommt in einem Berlin-Buch, und sei es von einem so maßvollen Lokalpatrioten wie Scholz geschrieben, auch der politisierende Bundesbürger zu Wort, in der Jockey-Bar repräsentiert durch einen Wirtschaftswunder-Geschäftsmann, wie er

- möglicherweise nur - im Buche steht:

»Mißverstehen Sie mich nicht, es ist natürlich Ihr gutes Recht, hier zu trinken, was Sie wollen. Und ich wäre der letzte, der Ihnen da reinreden will. Aber der westdeutsche Steuerzahler, der kleine Mann, der kleine Angestellte, der dürfte meines Erachtens wenig, herzlich wenig Verständnis dafür aufbringen... am Ende, wo kommen wir denn da auch hin? Der Westen zahlt und zahlt und will ja schließlich auch selber leben und vorwärtskommen und nicht bloß zusehen, wie seine sauer erworbenen Groschen in Berlin verbraten werden? Nehmen Sie's mir nicht übel!

Aber der Autor Scholz behauptet, es habe auch diesen Flaschen zählenden Berlin-Besucher gegeben. Scholz: »Ich könnte einen Kommentar zu der Geschichte schreiben, was alles stimmt.«

Daß an diesem Buch so vieles stimmt, ist ohnehin die Qualität, die es den Kritikern und auch dem Publikum angetan hat. Im Zentrum dieses Beinahe-Romans stehen aber fast immer die herangereiften Mitglieder der berlinerischen Jeunesse dorée der dreißiger Jahre, die ihre Redensarten nicht allein über den Krieg gerettet, sondern in den Katastrophen noch geschärft und angereichert haben.

»In solcher Hinsicht«, schrieb im »Monat« Hellmut Jaesrich, »ist Scholzens Buch eine Art Ehrenrettung dieser Generation von fröhlich daherzauselnden Jünglingen aus gutem Hause, die im Verlauf der über sie hereinbrechenden Weltgeschichte hin und wieder Gelegenheit hatten, mehr Verstand, Charakter und Humor aufzubringen, als ihnen gemeinhin zugetraut worden war.«

Scholz, der hörbar zu dieser Generation rechnet, will die steuerfreien 4000 Mark des Fontane-Preises in Amerika verbrauchen. Dort wünscht er - für den nächsten Roman - eine Bürgerin griechischer Abkunft in ihrem Farm-Milieu zu beobachten. Nebenher hat er noch »einen dicken Otto am Werden«, ein kunsthistorisches Buch über Bilderstürmer. »Aber eigentlich«, sagt der Fontane-Preisträger, »möchte ich aus der Literatur so schnell wieder verschwinden wie ich hineingekommen bin.« Er strebt zum Film, mit einiger Aussicht auf Erfolg. Der Regisseur Max Ophüls ("Der Reigen") interessiert sich für seinen Erstling und will zunächst dessen Hörfassung für den Südwestfunk inszenieren.

* Hans Scholz: »Am grünen Strand der Spree"'

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 372 Seiten; 15,80 Mark.

* Bei den Stäben (von der Division aufwärts) war der »Ib« der für die Versorgung zuständige Generalstabsoffizier, der »W.u.G.« der ihm unterstellte, für »Waffen und Gerät« verantwortliche Offizier, »0I« der erste Ordonnanzoffizier. »Vk« war in diesem Fall der Heeresoffizier, dem die Abteilung Kraftfahrwesen unterstand, »IV d« (Dora) der Divisionsgeistliche.

Preisgekrönter Autor Scholz

»Eine Mahnung für jedermann..

Miss Germany Susanne Erichsen

... wie ein Mensch auszusehen habe«

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