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Briefe

Bösartige Beispiele
aus DER SPIEGEL 40/1981

Bösartige Beispiele

(Nr. 38/1981, Krankenschwestern: Ist das Pflegepersonal am Personalmangel schuld?)

Die Einseitigkeit, die Hartwig Holzgartner (CSU) und einige zitierte Chefärzte bei der Suche nach den Gründen des Krankenpflegepersonal-Mangels an den Tag legen, lassen den Verdacht der eigenen Schuld aufkommen. Sie erkennen nicht, daß die heute weiterhin vorhandene soziale Einstellung von jungen Berufsanfängern in der Krankenpflege durch den üblichen Klinik-Alltag zerstört wird. Und für diesen sind sie die Hauptverantwortlichen. Die Krankenschwester läßt sich fast zum ausschließlichen Manager der Diagnose- und Therapieabteilungen degradieren, läßt sich mißbrauchen als Organisator mit Telephonhörer, Stift und Befundanforderungsschein, damit die Leistungsbilanzen von Labor, Röntgenabteilung, Funktionsdiagnostik stimmen und dem Allwissenheitsanspruch des Mediziners durch Einsatz aller technischen Möglichkeiten entsprochen wird.

Eine körperliche und seelische Vernachlässigung von Patienten in der pflegerischen Grundversorgung wird mit »Personalmangel« entschuldigt und mit überhöhtem Anspruchsdenken der Bürger bagatellisiert. Wie sollen junge Menschen diesen Widerspruch aushalten, ohne daß dabei viele »aus dem Felde« gehen?

Frankfurt FRANZ SITZMANN Schulleiter der Agnes-Karll-Schule der Stiftung Hospital zum Heiligen Geist

Es gibt Statistiken, die besagen, daß die durchschnittliche Dauer der Berufsausübung nach dem Examen bei vier (!) Jahren liegt. Ein Teil wandert in andere Berufe ab, ein anderer Teil heiratet und bekommt Kinder. Und obwohl von offizieller Seite der »Verlust« durch die Gruppe der Verheirateten mit Kind mit 65 Prozent angegeben wird, beginnt man erst jetzt, sich darüber Gedanken zu machen, wie die Arbeitsbedingungen verändert werden müßten, um diese Gruppe im Beruf zu halten (Arbeitszeit -- Jobsharing --Kindergärten und so weiter). Denn obwohl der Krankenpflegerberuf überwiegend von Frauen ausgeübt wird, ist er derzeit als frauen- und kinderfeindlich zu bezeichnen!

Hamburg MONIKA DENGLER Unterrichtsschwester

In Ihrem Artikel »Zurück zur Pflege« sind die vom Ärztefunktionär H. Holzgartner und vom Kinderchirurg Professor W. Hecker zitierten Beispiele derartig polemisch und bösartig, daß man den Eindruck erhalten muß, daß hier der Versuch unternommen wird, den Berufsstand der Krankenpflegepersonen in der Öffentlichkeit in Verruf zu bringen. Daß eine hohe Fluktuation im Krankenpflegeberuf vorliegt, hat sicherlich ihre Ursachen in der Überbelastung und in der nicht leistungs- und verantwortungsgerechten Bezahlung.

Aachen MADELEINE BRAAS Krankenschwester

Ohne Ärzte kann Krankenpflege sinnvoll betrieben werden, ohne Krankenschwestern und -pfleger jedoch nicht.

Lüneburg MARGRIT STEIN-KORSTEN Unterrichtsschwester

Herr Holzgartner hat scheinbar keine Ahnung, wovon er da redet. Er wird sich wohl nach seiner einstündigen Visite täglich von der Krankenstation entfernen und gar nicht sehen, wieviel schwere und harte Arbeit von wenig Personal, vor allem wenig examiniertem Pflegepersonal, geleistet wird. Wenn es nicht gelingt, den Pflegeberuf durch zum Beispiel Teilzeitverträge attraktiver zu gestalten, werden immer mehr Frauen ihre Tätigkeit ganz aufgeben. Im Moment möchte ich auch auf Ibiza in einem Zelt leben.

Selters (Hessen) INGE DIEWALD Krankenschwester

Die Klagen von Herrn Kollegen Holzgartner und der »Ärzteschaft« sind verständlich. Man will nicht mehr dienen. S.12 Welche innere Freude und tiefe Genugtuung es zum Beispiel wirklich bringt, dem Privatpatienten, der zum zwölffachen Satz operiert wurde, in der Nachtschicht für normales KR-Gehalt den privaten Hintern zu putzen, begreifen diese jungen Dinger einfach nicht mehr und werden alternativ. Mancher versteht sogar nicht einmal mehr, daß es ein ehern-weißhalbgöttliches Gesetz ist, daß der Pflegebereich dem ärztlichen Bereich untertan sei und um Gottes willen nicht gleichbrechtigt werden darf. Da ist wohl ein Wurm drin.

Bovenden (Nieders.) DR. GREGOR LEIFERT Facharzt für Anästhesie

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