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OSTERMARSCH Böse Ahnungen

aus DER SPIEGEL 17/1963

Es war Ostersonntag. Der junge Pfarrer legte sich im Polizeigefängnis auf den Boden seiner Zelle und weigerte sich, den Beamten zu folgen, die ihn zur »erkennungsdienstlichen Behandlung« holen wollten: »Ich will nicht ins Verbrecheralbum.«

Die Polizisten griffen zu. Sie schleiften den Pfarrer in seinem schwarzen Sonntagsstaat durch die steinernen Gänge zu den Kollegen vom Erkennungsdienst, setzten ihn auf einem Stuhl zurecht, drückten seinen gesenkten Kopf in die Höhe, photographierten ihn mit und ohne Brille, befahlen ihm vergeblich, endlich die Augen zu öffnen und schleppten ihn schließlich in eine stinkende Beruhigungszelle, in der gemeinhin tobende Betrunkene ausgenüchtert werden.

Als der Geistliche auf dem schmalen Liegebrett hockte, schimpften die Polizisten beim Zusperren der Tür: »Das will nun ein Pfarrer sein, ein Vorbild für die Jugend.« Letzter Rat: »Wenn's kalt wird, können Sie rufen.«

Die Beamten gingen zu ihrem Chef, dem Düsseldorfer Polizeipräsidenten Herbert Klein, und beschwerten sich über ihren Gefangenen, den 33jährigen Berufsschulpfarrer des evangelischen Kirchenkreises Essen-Mitte Herbert Günneberg, der als Rädelsführer einer unerlaubten Demonstration von Atomwaffengegnern auf der Düsseldorfer Königsallee verhaftet worden war.

Klein über Günnebergs Widerstand gegen Steckbriefphotos und Fingerabdrücke: »Er hat eine Schau gemacht.«

Der Pfarrer Günneberg, nach der Überzeugung seines Essener Superintendenten Krupp »eine Anima candida, eine wirkliche weiße Seele, die sich voller Reinheit und Hingabe aus christlicher Sicht einsetzt«, hatte als nordrhein-westfälischer Landesvorsitzender der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) die Leitung des Ostermarsches der Atomwaffengegner im Ruhrgebiet übernommen.

Am Karsamstag - auf dem polizeilich genehmigten Marsch Duisburg -Dortmund war gerade das Etappenziel Essen erreicht - fuhr Günneberg mit einigen Gesinnungsgenossen zum Flughafen Düsseldorf-Lohausen, um dort 54 englische Atomwaffengegner zu begrüßen, die am Tag zuvor mit einem Charterflugzeug aus London gekommen waren.

Bundesgrenzschutz und Polizei ließen die Tommys jedoch unter Berufung auf die Verfügung des Bundesinnenministeriums, keine ausländischen Demonstranten zum deutschen Ostermarsch zuzulassen, nicht aus der Maschine. Zurückfliegen aber konnte der Pilot auch nicht, weil die Engländer beim Start ihre Sitzgurte nicht anlegen wollten und im Flugzeug spazierengingen.

Daraufhin beschlossen 55 deutsche Atomwaffengegner, die mit demselben Flugzeug nach London zum englischen Ostermarsch fliegen wollten, gemeinsam mit Günnebergs Freunden auf der Düsseldorfer Königsallee gegen die Polizeiaktion zu demonstrieren. Günneberg, der auf dem Flughafen noch mit Polizeipräsident Klein verhandelte, hörte davon und eilte ihnen »voll böser Ahnungen« nach.

Die Marschierer hatten sich inzwischen auf der Königsallee niedergelassen und etwa 1500 Neugierige und Polizei mit einem Wasserwerfer herbeigelockt. Vergebens versuchte der Pfarrer, seine Freunde zum Aufstehen zu bewegen und die Polizei vom Einsatz des Wasserwerfers abzuhalten. Leere Flaschen flogen in die Scheiben der Spritzmaschine. Günneberg: »Wir haben nicht geworfen, es müssen Passanten gewesen sein.« Gleichwohl: Der Pfarrer wurde mit 48 Demonstranten ins Polizeipräsidium gefahren.

Dort verhörte der Chef des 14. (politischen) Kommissariats, Kriminalhauptkommissar Werner Schulte, den Geistlichen: »Haben Sie Ihre Leute zur Demonstration auf der Königsallee aufgefordert?« Günneberg: »Nein.« Schulte: »Haben Sie von der Demonstration gewußt?« Günneberg: »Ja.« Für Schulte war der Fall klar: »Sie sind wegen Rädelsführerschaft festgenommen.«

Der Pfarrer verlangte seinen Rechtsanwalt zu sprechen. Schulte lehnte ab. Am Ostersonntag - die 48 Demonstranten waren inzwischen schon wieder entlassen - setzte der Kriminalist das Verhör fort. Günneberg gab nur seine Personalien an, verweigerte zur Sache jede Auskunft. Schulte: »Damit führen Sie einen kommunistischen Befehl aus. Verweigern tun hier nur Kommunisten.«

Polizeipräsident Klein, der dem Verhör beiwohnte: »Es war entsetzlich. Er antwortete auf jede Frage mit seinem Geburtsdatum ... Er war ein schlechter Verlierer. Ich habe mich für diesen Pfarrer meiner Konfession geschämt.«

Der Präsident, evangelischer Christ konservativer Prägung, nahm den Geistlichen ins Gebet: »Christus hat zwar auch geschwiegen, aber glauben Sie nur nicht, daß ich in Ihnen den Leidenden sehe.« Klein hielt dem schweigenden Günneberg die Paulus-Weisung aus dem Römerbrief vor: »Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.«

Immerhin wollte der Polizeipräsident dem Verlangen Günnebergs nach einem Rechtsanwalt entsprechen. Sein Untergebener, der Hauptkommissar Schulte, lehnte aber ab: »Das gibt es erst in der neuen Strafprozeßordnung.«

Herbert Klein war auch dafür, den Pfarrer nach der richterlichen Vernehmung gegen Ablieferung des Passes auf freien Fuß zu setzen. Aber der amtierende Staatsanwalt von Dewitz beantragte einen Haftbefehl, der vom diensttuenden Amtsgerichtsrat Jäger dann auch ausgefertigt wurde.

Als Günneberg auf Jägers Protokollformulierung, der Pfarrer habe seine Freunde mit Autos von Essen nach Düsseldorf zur Demonstration geschickt, nicht eingehen wollte, hatte der Richter »Verdunklungsgefahr« gewittert. Er beschuldigte Günneberg der Rädelsführerschaft beim Aufruhr, die mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, mindestens aber mit sechs Monaten Gefängnis, bestraft wird.

Günneberg, schon seit Karsamstag im Hungerstreik, lehnte auch nach der »erkennungsdienstlichen Behandlung«, die der richterlichen Vernehmung gefolgt war, die von der Polizei angebotene Nahrung ab.

Am Ostermontag wurde der Pfarrer ins Untersuchungsgefängnis verlegt, am Dienstag auf Antrag des Staatsanwaltes Spieß freigelassen. Spieß, der inzwischen die Akte übernommen hatte, hielt die Verdunklungsgefahr »nach dem Stand der Ermittlungen« nicht mehr für gegeben.

Noch vor der Entlassung Günnebergs, am Dienstagmorgen um neun Uhr, hatte sich der Oberkirchenrat Helmut Rößler von der Leitung der evangelischen Kirche im Rheinland bei Polizeipräsident Klein telephonisch über den Fall Günneberg informiert.

Bei dieser Gelegenheit schlug der Protestant Klein dem hohen Geistlichen vor, die Kirchenleitung möge mit der Polizei »ein Gentlemen's Agreement darüber anstreben, wo für Pfarrer wie Günneberg die Grenze des Erlaubten zu ziehen ist«.

Klein dachte dabei an den ganzen Kreis der mit Günneberg und den Ostermarschierern sympathisierenden rheinischen Geistlichen, zu denen auch der Dortmunder Oberkirchenrat DD. Heinz Kloppenburg und der Oberkirchenrat Rößler - Mitunterzeichner des Ostermarschaufrufs - gehören.

Mit diesen Herren, so forderte Klein, solle die Kirchenleitung »einmal in Klausur die Atomwaffen-Frage diskutieren«. Und: »Diesen Herrschaften muß einmal gesagt werden, daß sie das gleiche Bild bieten wie die Kommunisten, obwohl sie keine Kommunisten sind.«

Oberkirchenrat Rößler vereinbarte mit dem Polizeipräsidenten, »daß aus Anlaß des Falles Günneberg einmal ein Gespräch stattfinden soll«.

Nach Kleins Meinung muß für die Pfarrer die Parole gelten: »Benehmt euch doch nicht so, wie die überwiegende Mehrheit des Volkes es nicht will.«

Verhafteter Pfarrer Günneberg: »Wenn es kalt wird ...

Düsseldorfer Polizeichef Klein

... können Sie rufen«

Polizeieinsatz gegen Ostermarschierer in Düsseldorf »Benehmt euch doch nicht so ...

Schlesier-Chef Schellhaus

... wie die Mehrheit es nicht will«

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