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IRA Böse, brutale Männer

Mit verstärktem Terror in London will die IRA verlorengegangenes politisches Terrain zurückgewinnen.
aus DER SPIEGEL 30/1982

Für Ihrer Majestät Kavallerie war es der schwärzeste Tag seit jenem 18. März 1942, als eine Abteilung Reiterei von den »Central Indian Horses« am Sitang-Fluß in Burma in einen japanischen Hinterhalt geriet und fast vollständig aufgerieben wurde.

Am Dienstagvormittag um 10.44 Uhr, neun Minuten nachdem 16 Leibgardisten von der »Household Cavalry« ihre Kaserne an der Straße Knightsbridge verlassen hatten, um sich wie jeden Tag um dieselbe Zeit zur Wachablösung im Regierungsviertel Whitehall zu begeben, explodierte 200 Meter von Hyde Park Corner ein blauer Austin Morris mit dem Kennzeichen LMD 657 P. Die Wucht der Explosion schleuderte Pferde, Reiter und Passanten bis zu zwanzig Meter durch die Luft. Zwei Soldaten und sieben Pferde wurden auf der Stelle getötet.

Die nicht lebensgefährlich verletzten Pferde jagten, ihrem Instinkt folgend, zurück in die Kasernen. Unter ihnen auch der Hengst Sefton, der Stolz des Regiments. Die Schrapnells hatten ihm sein Halfter buchstäblich an den Schädel genagelt. Aber er hat gute Überlebenschancen. Regimentsveterinär Major Noel Carling: »Seine Tage in der Armee S.86 sind noch nicht um. Sefton ist ein guter, treuer Diener.«

Zur Täterschaft bekannte sich kurz nach dem Attentat die »Irisch-Republikanische Armee« (IRA). In dem in Dublin und Belfast herausgegebenen Bulletin teilte die IRA - unter deutlicher Anspielung auf Großbritanniens völkerrechtlichen Standpunkt in der Falkland-Frage - mit: »Es ist nun an uns, Artikel 51 der Uno-Charta über das Selbstbestimmungsrecht ... zu beschwören.«

Die IRA hat seit Beginn ihrer Terroraktivitäten über 2200 Menschen umgebracht. Doch das Bild der zerfetzten Pferdeleiber ging den Briten mehr ans Gemüt als die gewohnten Bilder menschlicher IRA-Opfer, denen Arme und Beine abgerissen wurden, der Opfer mit verbrannten Gesichtern und zerschossenen Kniescheiben. Bill Hucklesby, Chef des Anti-Terror-Dezernats bei Scotland Yard, sprach aus, was viele dachten: »Ich habe immer geglaubt, die Iren seien Pferdeliebhaber.«

Zwei Stunden und elf Minuten nach der Explosion am Hyde Park detonierte ein paar Straßenzüge weiter eine zweite IRA-Bombe. Vor Hunderten von Zuschauern ging eine geballte Ladung unter dem Musikpavillon im Regent's Park hoch. Sechs Mitglieder der »Royal Green Jackets«-Band starben noch in den Trümmern. Die übrigen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Bauarbeiter David McCulloch, der 40 Meter vom Explosionsherd gestanden hatte, erinnert sich: »Einer der Soldaten streckte uns hilfesuchend die Hände entgegen. Er lebte, obwohl ihn die Bombe in zwei Stücke gerissen hatte.« Trotzdem: »Die toten Pferde der Königin« (so der »Daily Express") beherrschten am nächsten Morgen in Wort und Bild die Frontseiten der Massenblätter.

Die zwei Bombenanschläge in London waren der Höhepunkt in einer neuen Serie von Gewaltakten, mit denen die IRA das über entferntere Krisen eingeschlafene Nordirland-Bewußtsein wiedererwecken will:

In gut 14 Tagen richtete der IRA-Terror mehr Schaden an als im ganzen Jahr davor.

Der politische Nutzeffekt ist auch unter den Subversiven umstritten. Militärisch sind Angriffe auf Unbeteiligte sinnlos, wenn sie nicht gar das Gegenteil bewirken: Das Leid unbeteiligter Opfer weckt Mitleid und Abscheu und ist daher dem politischen Ziet des Bombenlegers nicht eben zuträglich.

Doch weit mehr noch als von der öffentlichen Meinung ist die IRA von dem Echo abhängig, das ihre Taten in den Vereinigten Staaten wirft: Die amerikanischen Iren, die die republikanische Sache in Ulster mit Geld unterstützen, wollen Taten sehen. Und nach dem opferreichen, aber politisch fehlgeschlagenen Hungerstreik im Belfaster Maze-Gefängnis hatte die IRA Bodenverluste wettzumachen. Im übrigen gilt's, den schlechten Eindruck zu verwischen, den etliche Desertionen von IRA-Kämpfern hinterlassen haben. Das Blutbad von London, glaubt die Londoner »Times«, »ist die Botschaft an die amerikanischen IRA-Mäzene, daß der gewalttätige Republikanismus nicht tot ist«.

Den Zeitpunkt für den doppelten Donnerschlag hatte die IRA an zwei politisch bedeutsame Ereignisse gekoppelt: Wenige Tage zuvor war Top-Terrorist Gerard Tuite in Dublin zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden - der erste politische Gewalttäter aus Großbritannien, der sich in der Republik Irland eine hohe Haftstrafe einhandelte.

In der Vorwoche hatte Nordirland-Minister James ("lonely Jim") Prior den Termin für die Wahlen zum neuen nordirischen Parlament bekanntgegeben - das zwar den Nordiren wieder mehr Selbstbestimmung einräumen wird, die von der militanten katholischen Minderheit geforderte »Wiedervereinigung« Ulsters mit der Republik Irland jedoch in weite Ferne rückt.

Der politische Spielraum für die »bösen, brutalen Männer, die nichts von Demokratie wissen« (so Premierministerin Margaret Thatcher), wird enger. Deswegen transportieren sie den Terror auf die nächstgrößere Bühne, die mehr Resonanz verspricht. Die Belfaster »Republican News«, die IRA-Morde ungestraft bejubeln darf, hat es am Donnerstag vergangener Woche noch einmal ganz deutlich gemacht: »Eine Bombe in London ist soviel wert wie hundert Bomben in Belfast.«

Womit freilich auch IRA und »Republican News« nicht gerechnet hatten: Am Mittwochvormittag um 10.44 Uhr bogen am Hyde Park Corner 16 berittene Leibwächter der Königin um die Ecke, um sich zur Wachablösung in Whitehall zu begeben - so wie jeden Tag seit 300 Jahren.

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