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INDOCHINA Böse Thmil

Amerikas Rückzug aus Indochina mildert den Druck auf die Guerillas. Folge: In der Front der Befreiungsbewegungen zeigen sich Risse, Laoten und Kambodschaner wenden sich gegen die Nordvietnamesen.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Zu Königlich-laotischen Regierungssoldaten in den Mekong-Garnisonen von Pakse und Savannakhet kommt der Feind in den letzten Monaten immer häufiger friedfertig und freiwillig: Partisanen der kommunistischen Pathet-Lao-Bewegung laufen über -- in diesem Jahr bisher allein in Südlaos rund tausend, etwa ein Zehntel der dort stationierten laotischen Guerillas.

Manche wollen wieder kämpfen -- aber mit den Regierungstruppen gegen ihre einstigen Verbündeten: Nordvietnams Expeditionskorps in Laos.

In Kambodscha erhielten Soldaten der Khmer-Armee in den letzten Wochen öfters unverhoffte Botschaft vom Feind: Kommunistische Kambodschaner, Guerillas der »Khmer rouge«-Bewegung, signalisierten den Regierungstruppen Truppen-Massierungen der Nordvietnamesen oder Vietcong.

Seit US-Präsident Nixon den Abzug der Amerikaner beschleunigt und vor zwei Wochen das Ende des amerikanischen Erdkampf-Einsatzes verkündete. wird der Indochinakrieg wieder zum Krieg der Indochinesen. Alte Fehden brechen auf, alte Fronten, die der Druck der Amerikaner jahrelang zusammengehalten hatte, formieren sich neu.

Dies geschieht vorerst weniger in Vietnam selbst als in den umkämpften Nachbarländern. In Südvietnam hält sich die Befreiungsfront seit Monaten militärisch auffallend zurück. Vietcong und Nordvietnamesen wollen offenbar den Abzug der GIs nicht durch spektakuläre Attacken stören oder auch nur verlangsamen. Sie halten Ruhe, greifen. wenn überhaupt, nur Südvietnamesen an und bauen unterdessen ihre militärische und politische Infrastruktur für den Endkampf nach dem US-Abzug auf.

Die politische Durchdringung des Landes mit, so schätzen US-Experten, mindestens 60 000 Mann Vietcong-Kader scheint den Amerikanern so bedrohlich, daß sie Kopfpreise bis zu 11 000 Dollar für die Enttarnung oder Gefangennahme wichtiger Vietcong-Funktionäre ausgesetzt haben.

Der Erfolg war bisher gering. Helfer. die sie in Vietnam nicht kaufen konnten, fanden die Amerikaner und ihre Freunde jedoch unverhofft und ohne eigenes Zutun in den Nachbarländern Laos und Kambodscha.

Beide Völker. durch Rasse, Sprache und Geschichte deutlich von den Vietnamesen getrennt, fürchten und hassen ihre vietnamesischen Nachbarn. Beide leiden unter den Vietnamesen -- den kommunistischen wie den Saigoner Truppen: Mehr als die Hälfte von Laos -- das gesamte Dschungel- und Bergland im Norden und Osten -- ist wichtigstes Nachschub- und Etappengebiet der nordvietnamesischen Divisionen, damit aber auch dauernden Angriffen der Südvietnamesen und Amerikaner ausgesetzt. Ostlaos ist das meistbombardierte Territorium der Kriegsgeschichte.

Kambodscha, wo Vietnamesen gleich welcher Couleur als Erbfeind angesehen und als »Thmil« beschimpft werden, ist zur Hälfte von kommunistischen Partisanen, im südöstlichen Viertel von marodierenden südvietnamesischen Verbündeten des Militärregimes in Pnom Penh besetzt.

Beide Völker fürchten, daß die Nordvietnamesen, wenn die Amerikaner erst mal abgezogen »sind, sich nicht mit der Wiedervereinigung Vietnams zufriedengeben werden, sondern auf ein mehr oder minder vereintes Indochina unter ihrer Vorherrschaft abzielen.

Der Verdacht und die Furcht vor den Nordvietnamesen wächst auch bei den Kommunisten in beiden Staaten.

General Phouma, der die Pathet-Lao-Bataillone im Süden von Laos kommandierte, plante deshalb -- so berichteten Überläufer -- eine Revolte gegen die Nordvietnamesen. Hanois Geheimdienst deckte die Verschwörung jedoch vorzeitig auf und ließ Phouma beseitigen.

Die Nordvietnamesen ersetzten alle Funker der laatischen Partisanen-Bataillone durch eigene Leute. nordvietnamesische Offiziere übernahmen die wichtigsten Kommandos. Die Laoten erhielten nur noch minderwertige Waffen. Außerdem soll Hanoi laut Aussage von Überläufern versucht haben, den Pathet-Lao-Führer Prinz Souphanouvong durch einen ihrer Vertrauten zu ersetzen.

Souphanouvong, in Paris zum Ingenieur graduierter Halbbruder des Laos-Premiers Souvanna Phouma, weigerte sich jedoch abzutreten und teilte den Nordvietnamesen mit: »Ich habe die Pathet Lao 25 Jahre lang geführt. Wenn meine Leute wollen, daß ich abtrete, sollen sie es mir sagen, aber nicht ihr!«

Vereinzelt soll es bereits zu Schießereien zwischen Laos-Partisanen und Nordvietnamesen gekommen sein, die ihre laotischen Verbündeten verachten. »Die haben wenig Lust zu kämpfen, schießen am liebsten in die Luft und laufen hinter Mädchen her«, sagte ein übergelaufener nordvietnamesischer Hauptmann aus. Die Zahl der Überläufer hat sich während der letzten Monate vervielfacht.

In Kambodscha ist das Verhältnis zwischen den verbündeten Partisanen noch komplizierter. Direkt unter nordvietnamesischem Kommando kämpfen Guerillas der kambodschanischen »Volksbefreiungsarmee«, die der abgesetzte Staatschef Sihanouk vom fernen Peking her aufstellen ließ. Seit Jahren aber führen auch nationalistische Partisanen der kommunistischen »Khmer rouge«-Bewegung einen Kleinkrieg gegen die Regierung in Pnom Penh.

Sie kämpfen für ein kommunistisches, aber unabhängiges Kambodscha und lehnen es ab, den Nordvietnamesen als Hilfstruppen zu dienen.

In Ost- und Südost-Kambodscha kam es schon mehrfach zu Scharmützeln zwischen Nordvietnamesen und »Khmer rouge«-Guerilias, wobei die roten Khmers nach Berichten von Soldaten die Regierungstruppen aufforderten, Bomben auf die roten »Thmil« zu werfen den gemeinsamen Feind aller Kambodschaner.

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