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AFGHANISTAN Böses Blut

Die Warlords kämpfen um größere Einflusszonen - und untergraben die Autorität der Zentralregierung in Kabul.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Glücklich sei er und auch »sehr dankbar«. Überdies werde er »wie ein Samurai« kämpfen, damit das viele Geld wirklich bei seinen bedürftigen Mitbürgern ankomme. Derart hochgemut verabschiedete sich Afghanistans Interimspremier Hamid Karzai, 44, am vorigen Dienstag von den Teilnehmern der Geberkonferenz in Tokio: Knapp fünf Milliarden Euro hatten die versammelten Staaten für den Wiederaufbau des Vielvölkerstaats am Hindukusch zugesagt.

Doch sicher ist sich Karzai keineswegs, dass die Spenden ihr Ziel auch erreichen. Man müsse Vorsorge treffen, mahnte der Premier vor seiner Rückreise, dass die Hilfe nicht »von Individuen oder einzelnen Gruppen« entwendet würde.

Solche Furcht ist wohl begründet. Die Autorität der neuen Zentralregierung reicht nicht allzu weit über Kabul hinaus, auch wenn Kofi Annan Ende voriger Woche als erster Uno-Generalsekretär seit 1959 Afghanistan besuchte und Karzai aufzuwerten versuchte.

Noch in Tokio hatte den Premier eine beunruhigende Botschaft ereilt: Rivalisierende Fraktionen der Nordallianz hatten sich 60 Kilometer nordwestlich von Kunduz heftige Gefechte geliefert, Truppen des Usbeken-Generals Abdul Raschid Dostam und Tadschiken-Milizen des früheren Präsidenten Burhanuddin Rabbani das Feuer aufeinander eröffnet. Die Warlords wollten mit ihrer Artillerie klären, wer die Oberhoheit in der Region um Qale Zal an der afghanisch-tadschikischen Grenze erhält. Der Streit kostete elf Kämpfer das Leben, über ein Dutzend wurden verletzt.

Für den Paschtunen Karzai besonders fatal: Die Nordallianz besetzt die wichtigsten Posten in seinem Kabinett. Dostam, der rabiate Herrscher von Masar-i-Scharif, amtiert als stellvertretender Verteidigungsminister - wie sein Gegner General Atikullah Barayalai, der für Rabbani die Stadt Kunduz kontrolliert. Auch der Ex-Präsident hat sich aus dem politischen Getümmel noch nicht zurückgezogen: Wie Karzai residiert er in einem Teil des ehemaligen Königspalastes von Kabul.

Das blutige Gerangel in der Provinz ist ein deutliches Signal. Wenige Wochen nach Vertreibung der Taliban versuchen Afghanistans Kriegsherren, im ganzen Land ihre Einflusszonen abzustecken. Sie wollen halbautonome Fürstentümer errichten, sie mit Hilfsgeldern aufpäppeln und weitgehend losgelöst von Kabul agieren. Solche Alleingänge streitet Premier Karzai nach außen hin vehement ab. In »Ergebenheitsbriefen« hätten ihm selbst »regionale Abweichler« treue Gefolgschaft geschworen, versicherte er dem SPIEGEL (4/2002). Mit Vertrauten berät er derzeit eine grundlegende Verwaltungsreform und ein Rotationssystem für die allzu mächtigen Provinzgouverneure. Doch das wird böses Blut geben.

Die im Kabinett Karzai direkt vertretenen Warlords dürften nur so lange loyal sein, bis sie ihren Anteil an der Wiederaufbauhilfe abgeschöpft haben. Während dieser Zeit könnten andere Stammesfürsten, die bei der Machtverteilung leer ausgegangen sind, mit Scharmützeln die Autorität der neuen Führung untergraben.

Besonders misstrauisch verfolgen die Amerikaner jeden Schritt von Gouverneur Ismail Khan, der fünf Provinzen im Raum Herat beherrscht. Bereits Anfang Dezember hatte der »Löwe von Herat« erklärt, er sei »unzufrieden« mit der Karzai-Regierung. Dennoch schickte Khan wenig später seinen Sohn als Arbeitsminister - und persönlichen Spion - ins Kabinett nach Kabul.

Uno-Vertreter und US-Militärs glauben, das Mullah-Regime in Teheran nutze Khan, um den Einfluss Irans zu sichern. Der Gouverneur hatte die letzten Monate der Taliban-Herrschaft im iranischen Exil verbracht, nun steht er beim Nachbarn in der Schuld.

Die Mullahs haben offenbar nicht nur al-Qaida-Kämpfern Zuflucht gewährt. Sorgen bereitet ihnen der wachsende westliche Einfluss in Afghanistan. Zwei iranische Armeegeneräle reisten in den vergangenen Wochen durch den Südwesten des Landes und verteilten bei örtlichen Honoratioren Geld, Lebensmittel und Waffen. Ganz im Sinne Teherans hat Khan inzwischen die USA gewarnt: Seine Landsleute seien »sehr empfindlich, wenn es um die Anwesenheit fremder Mächte geht«.

Die Liaison des Tadschiken Khan mit dem schiitischen Iran stört wiederum die sunnitischen Stammesführer im paschtunischen Kernland um Kandahar. Sie drohen mit einem Vormarsch auf Herat, weil paschtunische Händler im Einflussgebiet Khans immer häufiger überfallen werden.

Statt ihre Milizen entwaffnen zu lassen, wie es Karzai verlangt, rüsten die Provinzherrscher auf. Alle großen Überlandstraßen von und nach Kabul werden von ihren Kämpfern kontrolliert. Bei Masar überfielen sie einen Hilfskonvoi, bei Khost sogar eine US-Kolonne - vermutlich ein Racheakt des örtlichen Befehlshabers Pasha Khan Zadran, der Provinzgouverneur werden wollte, bei den Amerikanern aber keine Unterstützung fand.

Dass die Macht der Warlords auch bis in die Hauptstadt reicht, belegen westliche Geheimdienstberichte: Waffen und Sprengstoff werden an den Kontrollposten der internationalen Schutztruppe vorbei in die Stadt geschmuggelt - für den Tag X, an dem es erneut um die Machtfrage gehen könnte. Über die Sicherheitslage in dem befreiten Land zeigt sich ein Uno-Beamter alarmiert: »Der Trend weist in die falsche Richtung.« CHRISTIAN NEEF

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