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KRANKENHÄUSER / HANAU Bohnen im Kaffee

aus DER SPIEGEL 39/1970

In unserem neuen Kreiskrankenhaus«, freut sich Martin Woythal, 41, SPD-Landrat von Hanau, »wird es keinen Blinddarm erster, zweiter oder dritter Klasse mehr geben.«

Nach einjährigem Kreuzzug durch die Bierkneipen und Versammlungssäle seines 150 000 Einwohner großen Landkreises hat es der rundliche Beamte geschafft: Einmütig stimmte der Kreistag seinem Antrag zu, zum erstenmal in der Bundesrepublik ein kommunales Großkrankenhaus zu bauen, in dem die Patienten nicht mehr nach Klassen verarztet werden. Denn in dem 400-Betten-Klinikum am Stadtrand von Hanau (Woythal: »Wo, ist noch geheim, damit die Grundstücksspekulanten erst gar nicht hochkommen") sollen

>keine unterschiedlichen Pflegeklassen und keine Privatstationen eingerichtet werden, sondern generell nur noch Ein- und Zweibettzimmer für Kassenpatienten und Selbstzahler;

* keine Chefarzt-Hierarchien aufgebaut werden; die ärztliche Leitung wird einem Mediziner-Kollegium übertragen;

* die leitenden Chefärzte bei Privatpatienten nicht mehr nach eigenem Ermessen Honorare liquidieren.

»In dem Haus«, so Martin Woythal, »werden wir das barocke Organisationssystem deutscher Krankenanstalten beseitigen.« Die Idee, »Gesellschaftspolitik für das Jahr 2000 zu praktizieren« (Woythal), kam dem Landrat beim täglichen Kontakt mit den Bürgern des Landkreises.

Privatpatienten begehrten Auskunft, warum sie bei gleichem Befund und gleicher ärztlicher Behandlung »oftmals das Sieben- oder sogar Zehnfache« bezahlen müßten wie der Kassenpatient von der Nachbarstation, obwohl auch ihnen »der Chefarzt oftmals nur für einen freundlichen Händedruck zur Verfügung steht und alles übrige den nachgeordneten Ärzten überläßt« (Woythal).

Angehörige des dritten Krankenstandes, Mitglieder der Allgemeinen Ortskrankenkasse« dagegen klagten, sie müßten drei- bis fünfmal länger auf die Aufnahme ins Krankenhaus warten als Privatpatienten, und es sei »mitunter geradezu peinlich, sich bei der Aufnahme als Pflichtkassenpatient ausweisen zu müssen«. Auch bekämen sie selbst bei einem mehrwöchigen Aufenthalt den Chefarzt nur selten zu Gesicht, und Besuch von Angehörigen dürften sie, im Gegensatz zu den Kranken der gehobenen Klassen, nur zu streng reglementierten Zeiten empfangen.

Doch nicht nur Patienten luden bei Woythal aufgestauten Ärger ab. Langgediente Ober- und Assistenzärzte führten Beschwerde über den besonderen Zeitaufwand, den sie -- zu Lasten der Kassenkranken -- der Privatklientel des Chefs widmen müßten, ohne von ihrem höchsten Vorgesetzten mehr als ein gutes Wort oder gelegentlich eine kleine finanzielle Ermunterung zu erhalten.

Krankenhaus-Verwalter wiederum beschwerten sich über den Brauch der Chefärzte, Privatpatienten nach eigenem Gutdünken und ungebührlich zu schröpfen. Tatsächlich werden zwischen 80 und 90 Prozent der Chefarzt-Einkünfte in Westdeutschland von jenen zwölf Prozent der Patienten aufgebracht, die als Privatzahler die Dienste eines Krankenhauses in Anspruch nehmen.

Vor allem aber murrten die Krankenhaus-Verwalter bei ihrem Landrat über die Unsitte, daß Chefärzte zur Versorgung ihrer privaten Kunden zwar den gesamten technischen und personellen Apparat der Klinik nutzen dürfen, doch dem öffentlichen Träger des Krankenhauses dafür nur eine dürftige Nutzungspauschale zu zahlen brauchen. Woythal: »Was würde die Öffentlichkeit dazu sagen, wenn ich als Landrat die aus Steuermitteln finanzierte Apparatur meines Amtes dazu benutzen würde, eine private Anwaltskanzlei zu betreiben, und das während meiner Dienstzeit damit verdiente Geld in die eigene Tasche steckte?«

Gestützt auf Hessens SPD, die Gewerkschaften und die Stimmen seines Wahlvolkes, ging Sozialdemokrat Woythal daran, die Kreistags-Delegierten auf eine klassenlose Krankenhaus-Zukunft einzuschwören. Zunächst stieß er auf Widerstand. Vor allem die CDU- und FDP-Abgeordneten bangten, daß zwar nicht der Bau (Mindestkosten: 50 Millionen Mark), wohl aber die Unterhaltung des Woythal-Krankenheims erheblich teurer kommen werde als eine Klinik hergebrachter Art, da die einträglichen Betten erster und zweiter Klasse nicht mehr aufgestellt würden.

Das Krankenhaus sei, so entgegnete Woythal seinen Kritikern, »nicht nur eine Einrichtung, sondern auch ein Ausdruck unserer Gesellschaftsordnung«. In ihm spiegele sich die noch herrschende öffentliche Armut bei einem gleichzeitigen Überfluß an Konsumgütern. Der CDU hielt der Landrat vor: »Sie behaupten, ich betreibe sozialistische Experimente. Dabei stände es ihrer Partei, die in ihrem Firmennamen mit Nächstenliebe spekuliert, sehr gut zu Gesicht, gerade dieses Projekt zu unterstützen.«

Schließlich gelang es dem Landrat, allen Abgeordneten die Zustimmung abzuringen. Martin Woythal: »Mitunter kann auch ein Kreistag Gesellschaftspolitik per excellence treiben.

Eine Signalwirkung hat das erst im Architekten-Modell stehende »Martins-Denkmal« (Volksmund) bereits erzielt: Im Hanauer Stadtkrankenhaus, in dem Woythals krankes Landvolk bisher noch auskuriert wird, hat die klassenlose Zukunft bereits begonnen: Ab sofort erhalten auch die Dritte-Klasse-Patienten Bohnenkaffee zum Frühstück. Der bislang übliche Muckefuck wird nicht mehr ausgeschenkt.

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