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HEINEMANN-REISE Bolivars Hilfe

aus DER SPIEGEL 12/1971

Gustav Heinemann, vorwiegend auf Staatsbesuch, um deutsche Schuld abzutragen, reist zum erstenmal in ein Land, wo er Dank entgegennehmen kann.

Denn wenn der Bundespräsident Ende dieser Woche, gemeinsam mit Außenminister Walter Scheel, nach Venezuela fliegt, erwartet ihn dort eine Regierung, die mit deutscher Hilfe an die Macht gekommen ist.

Einziger Schönheitsfehler für den SPD-Präsidenten: In dem ölreichen Land an der Nordostecke Südamerikas sind nach Ansicht der Bonner CDU »die Früchte aufgegangen, die wir dort säten« (CDU-Generalsekretär Bruno Heck).

Seit seinem Wahlsieg vor zwei Jahren steht Rafael Caldera Rodriguez, 55, Chef der christdemokratischen Partei COPEI (Comité de Organización Politica Electoral Independiente), an der Spitze der Präsidialregierung in Caracas. Und sogleich nach seiner Machtübernahme gab der ehemalige Professor für Arbeitsrecht zu verstehen, wem er mit einer Einladung an den deutschen Bundespräsidenten Dank sagen müsse: der CDU.

Doch Heinrich Lübke mochte in seinen letzten Tagen dem Ruf über den Atlantik nicht mehr folgen. Sein Nachfolger aber stellte aus »gewichtigen Gründen« (Heinemanns Staatssekretär Dietrich Spangenberg) die venezolanische Reise zunächst zurück. Spangenberg: »Zuerst mußte der Präsident doch mal die jahrelang ausgebliebenen Versöhnungsbesuche -- in Dänemark, Norwegen und in den Niederlanden -- machen.«

Gewichtig erschien der sozialliberalen Regierung damals auch die Überlegung, mit der Staatsvisite in Venezuela so lange zu warten, bis die Rolle einer seit 1962 im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung In Caracas agierenden Pressure-Group geklärt sei. Nicht zu Unrecht vermuteten Experten im Entwicklungshilfe-Ministerium hinter der Fassade des zur Konrad-Adenauer-Stiftung gehörenden »Instituts für Internationale Solidarität« die Agit-Prop-Abteilung christdemokratischer Auslandsarbeit.

Die CDU-Caritas für Südamerika hatte Caldera direkt in Bonn bestellt. Der COPEI-Führer, 1958 von New York aus mitbeteiligt am Sturz des venezolanischen Diktators Pérez Jiménes, meldete sich gleich nach dem geglückten Staatsstreich bei dem von ihm »glühend verehrten« Konrad Adenauer in Rhöndorf und bat um Unterstützung gegen die nun an die Macht gekommene Mehrheitspartei der sozialdemokratischen Acción Democrática (AD). Caldera damals: »Herr Bundeskanzler, können Sie mir nicht helfen. Ich gehöre doch der gleichen politischen Richtung an wie Sie.«

Adenauer brachte Caldera mit den Strategen der CDU-Akademie Eichholz zusammen und wies diese an, »zu tun, was getan werden kann«.

Als die christlichen Kaderschmiede bei der Präsidentschaftswahl 1963 dennoch nicht verhindern konnten, daß die AD erneut gewann, mobilisierte Eichholz für Adenauer-Fan Caldera das in der Zwischenzeit gegründete Solidaritäts-Institut. Gleichzeitig wurde die europäische Dachorganisation christdemokratischer Parteien in Rom um Hilfe aus der »Fondation Internationale Solidarité« (FIS) gebeten.

Vereint nahmen von nun an die Entwicklungshelfer aus Rom und Bonn den Kampf um die Macht für COPEI-Bruder Caldera auf. An vorderster Front standen dabei

* der Volkswirt Edmund Moser, deutscher Chefdelegierter der Adenauer-Stiftung und betraut mit dem ideologischen Part der christdemokratischen Kampagne; > der ehemalige Zentrums-Abgeordnete im Reichstag, Kaffeeplantagen-Besitzer in Brasilien und FIS-Präsident Johannes Schauff, 68, der den COPEI-Feldzug finanzieren sollte.

Binnen vier Jahren gründete und beaufsichtigte Moser drei Institute in Caracas, an denen Führungskräfte der christdemokratischen Gewerkschaften ausgebildet werden. Überdies errichtete er nach dem Beispiel der Akademie Eichholz ein Zentrum für christmoralische Aufrüstung und verstärkte seine Rolle als persönlicher Berater des Präsidentschaftskandidaten Caldera. An dem Generalstabsplan für Calderas Wahlkampf beteiligte sich auch das Wissenschaftliche Institut der Konrad-Adenauer-Stiftung (Wikas).

Unterdes ließ Emigrant Johannes Schauff. Laienmitglied der päpstlichen Kommission »Justitia et pax« und internationaler Wirtschaftsagent »von hohem Rang« (CDU-MdB Heinrich Gewandt), seine Geldquellen fließen: nach Schätzungen von Eingeweihten mehr als 30 Millionen Bolivar (21,6 Millionen Mark).

FIS-Chef Schauff sowie der Leiter des Solidaritäts-Instituts in Bonn, Adolf Herkenrath, bestreiten freilich, solch hohe Summen aufgetrieben zu haben. Herkenrath: »Es gibt keinen lateinamerikanischen Wahlkampf ohne ausländische Gelder. Aber diese Summe kann keine CDU aufbringen.«

Mit Bolivars und Adenauers Hilfe endlich Präsident geworden, verlieh Caldera »dem verdienten katholischen Politiker« und Vater von neun Kindern Johannes Schauff einen der höchsten Orden des Landes.

Der offizielle Bonn-Vertreter in Caracas, Botschafter Walter Truckenbrodt, ist nicht glücklich über das besondere Verhältnis Calderas zu den rheinischen Christenbrüdern. Truckenbrodt: »Es gibt hier zwei deutsche Botschafter. Der eine ist der Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung, und den empfängt der Präsident immer. Der andere bin ich. Und ich bin froh, wenn ich mal bei ihm zugelassen werde.«

Auch in Zukunft, so mutmaßen Kenner venezolanischer Verhältnisse, wird der bundesrepublikanische Gesandte am Orinoco weiter auf gedämpftes Interesse stoßen: Die sozialliberale Regierung in Bonn hat den Wunsch Calderas abgeschlagen, Erdöllieferungen mit 120 »Leopard«-Kampfpanzern zu bezahlen. * In Tokio 1970.

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