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TIERE Bombe auf Beinen

Amerikas Kriminelle haben eine neue Waffe entdeckt: den Pit-Bullterrier. *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Michael Berry, 37, arbeitete in der Verkehrsbehörde des kalifornischen Regierungsbezirks Santa Clara und war - nicht unüblich in der Gegend um San Francisco - Hobbyfarmer. Bei seiner Verhaftung entdeckte die Polizei rund 200 Marihuana-Pflanzen auf seinem Grundstück.

Für den Schutz des illegalen Landwirtschaftsbetriebs hatte Berry auf eine Art gesorgt, die sich unter Drogenhändlern zunehmender Beliebtheit erfreut: Ein an langer Leine laufender Pit-Bullterrier sollte Eindringlinge fernhalten.

Berrys schwarzes Muskelpaket namens Willie erfüllte seine Aufgabe nur zu gut. Am 13. Juni dieses Jahres fiel der Hund über den zweijährigen James Soto her, ein Nachbarkind, das beim Spielen auf Berrys Grundstück geraten war. Als das 52 Pfund schwere Tier von seinem Opfer abließ, war James »nicht mehr als menschliches Wesen zu erkennen«, so einer der herbeigerufenen Sanitäter.

Nicht Weiße Haie, deren angeblich mörderischer Appetit die Amerikaner eher ins Kino gelockt als von den Stränden vertrieben hat, nicht Grizzlybären, die in den Nationalparks zuweilen für unheimliche Begegnungen sorgen, sind derzeit die gefürchtetsten Tiere in den USA, sondern Amerikanische Pit-Bullterrier.

29 Menschen wurden in den vergangenen vier Jahren von Hunden getötet, 21 davon durch Pit-Bulls- rund fünfmal so viele wie durch Haie im gleichen Zeitraum. In diesem Jahr hat es bislang sechs Todesfälle gegeben.

»Der Rambo der Hundewelt«, so ein Tierarzt, gilt als zäher Kämpfer. Die Nachkommen der Anfang letzten Jahrhunderts in England gezüchteten Hunde können weit kräftiger zupacken als etwa Dobermänner oder Deutsche Schäferhunde. »Sie fassen ihre Beute, halten und schütteln sie wie ein Hai«, sagt Elson Duvall, Tierbeauftragter des Staates Maryland. »Sie reißen ganze Fleischstücke heraus.«

Und sie geben nicht auf. Als zwei Pit-Bullterrier im April über einen 67jährigen Mann in Dayton, Ohio, herfielen, versuchten Sanitäter, die sich nicht aus ihrem Wagen trauten, die Hunde zu überfahren. Dennoch ließen die nicht von ihrem Opfer ab.

Im Januar wurde der Drogenpolizist Bert Ricasa aus Baltimore von einem Pit-Bull angefallen. Selbst nach fünf Schüssen mußte sein Kollege das bereits sterbende Tier buchstäblich totprügeln, ehe er mit seinem Schlagstock das Maul des Hundes wieder aufsperren konnte, um Ricasa zu befreien.

Gleichwohl: Nicht die Hunde sind gefährlicher geworden, sondern ihre Halter. Viele der Tiere werden zu Kampfhunden abgerichtet und in der Hoffnung, sie noch schärfer zu machen, mit Tabasco-Soße gefüttert.

Zwar sind Hundekämpfe in allen Bundesstaaten der USA untersagt. Dennoch sind sie unausrottbarer Bestandteil der Subkultur einer - bislang - vornehmlich weißen Unterklasse.

Das ändert sich jetzt. Nicht nur Drogenhändler rüsten mit Pit-Bullterriern auf, die Hunde, die oft Rufnamen wie »Hitler« oder »Mörder« haben, werden auch schon bei Überfällen als Waffe benutzt. Um die Kunden in Schach zu halten, brachte ein Dieb seinen Pit-Bullterrier mit, als er im Januar in Michigan ein Hamburger-Restaurant ausraubte.

Der Kampfhund ist aber auch zu einem Lieblingstier in den Gettos amerikanischer Großstädte geworden. In den Slum-Gebieten von New York, Philadelphia und Washington gelten die Tiere als Statussymbole, »zur Zeit die Macho-Kiste«, so Donna Kessler, die sich bei der amerikanischen Tierschutzgesellschaft Humane Society mit Hundekämpfen befaßt.

Fast täglich hat beispielsweise die Polizei der Bundeshauptstadt mit Beschwerden über illegale Hundekämpfe oder durch Hunde verursachte Verletzungen zu tun. Jugendliche ziehen Pit-Bulls in leerstehenden oder ausgebrannten Häusern auf und benutzen die Tiere zum eigenen Schutz, aber auch als unterstützendes Argument bei ihren Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen.

»Hunde sind eine Fortsetzung ihrer Machtspiele«, sagt Randall Lockwood, Verhaltensexperte der Humane Society. »Ein Pit-Bull ist billiger als eine Faustfeuerwaffe.«

Mehrere Städte haben deshalb den Besitz dieser »Zeit-Bomben auf Beinen« (ein US-Veterinärmediziner) verboten. 60 Tage Haft und 1000 Dollar Geldstrafe drohen jedem Besitzer in Cincinnati, Ohio. In Georgia wurde Hayward Turnipseed zu fünf Jahren Haft verurteilt, nachdem sein Bullterrier ein vierjähriges Kind getötet hatte.

Und auch Michael Berry wurde inzwischen der fahrlässigen Tötung angeklagt. Der Abonnent einschlägiger Kampfhund-Magazine schiebt die Schuld am Tod des Jungen auf die Eltern, die ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hätten. Für ihn ist Willie lediglich ein preisgekröntes Ausstellungstier, »ein Schoßhund mehr oder weniger«. _(Durch einen Animal Control Officer in ) _(New York. )

Durch einen Animal Control Officer in New York.

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