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Bombe bei Interflug

aus DER SPIEGEL 3/1981

Auf dem länglichen weißen Briefumschlag, der in der Tasche an der Rücklehne des Sessels links vor der mittleren Notluke steckte, stand nur der handgeschriebene Hinweis: »An den Kommandanten der Besatzung«. Gemeint war der Captain der DDR-Interflugmaschine Tu-134, die am 20. Dezember um acht Uhr zehn als Flug Nummer 302 vom Ost-Berliner Flughafen Schönefeld nach Budapest gestartet war.

15 Minuten vor der geplanten Landung auf dem Zielflughafen, etwa in der Mitte zwischen Bratislava und Budapest, drehte die Maschine plötzlich bei und nahm Kurs auf den winzigen tschechischen Flugplatz Poprad am Südfuß der Hohen Tatra. Erst kurz vor der Landung erfuhren die Passagiere, meist DDR-Bürger und Ungarn, den Grund für die Flugplanänderung: Bombendrohung. Die Bombe sollte erst in einer Höhe von weniger als 600 Metern explodieren, daher die Notlandung im Gebirge.

Der Vorfall ist die erste bekanntgewordene anonyme Bombendrohung an Bord einer DDR-Maschine.

Die Evakuierung des vollbesetzten Jets, so die Schilderung eines Passagiers, ging »äußerst schleppend« vor sich. Die Notluken ließen sich erst nach Minuten öffnen. Für die Sicherung der Fluggäste waren keine Vorkehrungen getroffen worden. Auf dem Flugplatz stand lediglich ein Feuerlöschwagen ohne Besatzung. Zwei Passagiere wurden sofort nach der Ankunft verhört -- ohne Ergebnis. Nach fünfeinhalb Stunden flogen sie zusammen mit den übrigen Fluggästen in einer Ersatzmaschine nach Budapest weiter.

Über den Inhalt des Drohbriefs schwiegen sich die Behörden aus. Mitarbeiter der DDR-Gesellschaft Interflug vermuten den Briefschreiber in ihren Kreisen. Ein Besatzungsmitglied: »Die präzisen Angaben über flugtechnische Einzelheiten lassen auf einen Insider schließen.« Nach Angaben einer Angestellten der DDR-Luftlinie ist beim Fluggepäck der Tu-134 ein Rucksack sichergestellt worden, der keinem der Passagiere gehörte.

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