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JUGOSLAWIEN / ATTENTATE Bombe im Koffer

aus DER SPIEGEL 43/1968

Im Bombenlager lag eine Bombe zuviel. Soldat Nikica Kukolj entdeckte sie beim Streifgang durch den Militärflughafen Batajnica, nahe Belgrad. Zwei Fremde hatten sie placiert: eine selbstgebastelte Sprengstoffladung mit Uhrwerk.

Es war nicht die einzige Bombe, mit der die Beigrader leben müssen. Denn im Tito-Reich sind wieder Partisanen auf dem Kriegspfad -- diesmal gegen Tito. Sie versuchen, die sich täglich steigernde Spannung zwischen Moskau und Belgrad zu nutzen. Allein in den vergangenen sechs Monaten wurden neun Terror-Anschläge verübt -- meist durch zeitgezündetes Dynamit.

In den beiden letzten Jahren wurden 161 Attentate verübt -- meist auf öffentliche Gebäude im Tito-Land und jugoslawische Vertretungen im Ausland. Nur neun Anschläge konnten die Sicherheitsbehörden verhindern, nur in vier Fällen wurden die Täter gefaßt:

* Unerkannt entkamen Bombenleger, die am 14. Juli das Belgrader Lichtspieltheater »20. Oktober« an der Balkanska ulica sprengten. 96 Kino -- Besucher wurden verletzt. Der Maler Save Cucurovic 24, starb an Gehirnverletzungen und Verbrennungen im Krankenhaus.

* Unbekannt blieben auch die Bombenleger, die Anfang Juni die Eisenbahnstrecke von Belgrad nach Pozarevec und eine Filiale des Touristenbüros »Putnik« am Beigrader Rathaus hochgehen ließen.

* Am 17. August zerrissen zwei Bomben am Stadtrand von Triest einen »Opel-Rekord« (französisches Kennzeichen 1323-JP-92). Zwei kroatische Emigranten hatten sich beim Basteln mit Sprengstoff versehentlich selbst in die Luft gejagt.

* Schon wenige Tage später stellte ein unbekannter Täter auf der Station Novi Dvori bei Zapresic die Weichen und ließ einen Personenzug auf einen Güterzug fahren: drei Schwerverletzte.

* Am 25. September wurde der dritte Anschlag auf den Beigrader Hauptbahnhof verübt. Zwei schwerverletzte Milizionäre und elf Leichtverletzte blieben auf der Strecke. Ungeklärt blieben viele Erntebrände, deren Zahl diesen Sommer laut Statistik um 84 Prozent stieg. Der Kommentar Beigrader Regierungsstellen »Funkenflug der Eisenbahn« erklärte nicht das pyrotechnische Rätsel: Die Tatorte waren meist kilometerweit von dem dünnen Schienennetz der Staatsbahnen entfernt.

Einer der gefaßten Attentäter bestätigte die Belgrader in ihrem Verdacht, westliche Emigranten seien die Urheber der Attentate. Der Bosniake Jelic, seit 1966 Gastarbeiter im österreichischen Dornbirn, gab zu, er habe im Beigrader Hauptbahnhof zwei Zeitbomben deponiert, die am 23. Mai, zwei Tage vor Titos Geburtstag, explodierten und zwölf Menschen verletzten.

Jelic hatte die explosive Festgabe für den Jugoslawen-Chef in einem 60 mal 50 Zentimeter großen braunen Lederkoffer in der Gepäckaufbewahrung abgegeben und ein zweites Bombenpaket im Abfallkorb des Wartesaals hinterlassen. Was die jugoslawische Geheimpolizei »Ubda« noch nicht wußte, gab Jelid zu Protokoll:

Er hatte schon zum zweiten Mal Bomben zum Beigrader Bahnhof getragen. Seine erste Ladung, im April auf gleiche Weise hinterlegt, war nicht hochgegangen: Die Zünduhr klemmte.

In den militanten Emigranten-Zirkeln der Südslawen in der Bundesrepublik -- so erzählte der Guerilla den jugoslawischen Untersuchungsrichtern -- arbeiten die Kontaktleute und Auftraggeber der Explosiv-Aktionen.

Todeskandidat Jelic gab an, er habe Koffer samt Inhalt von den kroatischen Westemigranten Bozo Pasalic, Zarko Odak und Ilija Kutuzovic empfangen. Dieses Untergrund-Trio, das in Westdeutschland wohnt, stehe unter Befehl des bosnischen Emigranten Dane Sarac.

Schankwirt Sarac, genannt »Bakovic«, wegen im Vernichtungslager Jasenovac verübter Kriegsverbrechen von den Jugoslawen zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt und 1960 nach Überlingen emigriert, hat im Kleinkrieg einschlägige Erfahrungen.

Im verfilzten Netz der Emigranten-Konspiration in Westdeutschland schlug sich Sarac stets auf die Seite der Radikalsten. Als selbsternannter Chef einer »Geheimen Widerstandsbewegung« ("Trup") verband er sich 1964 mit gleichgesinnten Kumpanen, um für die kroatische Nation zu streiten. Er war enttäuscht von den müde und vorsichtig gewordenen alten Kämpfern der faschistischen Pavelic-Organisation. »Ustaschi«. Sarac-Mitstreiter Ilija Tolic: »Ein müder Kaffeehausklub«.

Mit Sprengstoff, Schußwaffen und Flugblättern machte sich die »Trup«-Gruppe daran, das Vermächtnis des Hitler-Günstlings Ante Pavelic, einen »unabhängigen, antikommunistischen. kroatischen Gottesstaat«, zu verwirklichen. Für dieses Gefecht verbargen die Kroaten in einem Keller unter einer Gaststätte zwischen Überlingen und Friedrichshafen -- so verriet ein Überläufer der jugoslawischen Geheimpolizei -- Sprengstoff im Wert von 300 000 Mark. Den Plan, in dem bosnischen Flecken Ljubuska auf der Paßstraße von Mostar an die dalmatinische Küste ein Widerstandsnest auszubauen, scheiterte: Den Mitverschwörern war das Risiko zu groß.

Zum Syndikat der von Gastarbeitern verstärkten Radikal-Kroaten gehörte nach den Ermittlungen der jugoslawischen »Ubda« der Chef einer 1962 in der Umgebung von Stuttgart gegründeten Partisanen-Schule der »Ujedinjeni Hrvati« (UH), Mile Rukavina, genannt »Bacak«. Ihn suchen Titos Behörden wegen Massenmords an Serben und abgestürzten US-Piloten während des Krieges, Bayerns Polizei sucht ihn wegen Mordes.

Hukavina ließ vor geplanten Einsätzen die von ihm aufgebaute Gang nach James-Bond-Art trainieren. Der Flüchtling vor serbischer Rache und deutschem Recht lebte lange Jahre unter falschem Namen. Heute ist er unter seinem richtigen Namen in Münchens Paul-Heyse-Straße 25, IV. Stock, polizeilich gemeldet.

Von Saracs »Trup« und Rukavinas UH in der Bundesrepublik reicht die Anti-Tito-Allianz bis nach Madrid. Dort ruft der ehemalige Ustaschen-Offizier Maks Luburk -- auch er wegen Kriegsverbrechen gesucht -- zum Kampf. Seine vor 14 Jahren gegründete Exil-Truppe »Drine« (später in »Otpor« umhenannt) hat sich zwar mit den Jahren gemäßigt, doch der ergraute Oberst betreibt immer noch eine Anlauf stelle für Waffen- und Sprengstoffkäufer. Er ist Herausgeber der Ustaschen-Zeitschrift »Kriegs-Handbuch« und hat in seiner Madrider Organisation nach dem Muster moderner Armeen eine »Abteilung zum Studium des psychologischen Krieges« ("Abteilung V") aufgebaut.

Die Schuldigen für die Attentats-Aktionen sucht Titos Staat stets im Westen -- notfalls mit Phantasie: Im April 1964 hatte ein Gericht in Rijeka neun jugoslawische Staatsangehörige zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie, laut Anklage, »einer von Ustaschi-Emigranten geleiteten Diversantengruppe angehörten, die Präsident Kennedy ermordet hat und Präsident de Gaulle umbringen will«; dabei gibt es auch für Titos Untertanen im Lande plausible Gründe, sich nach Titos Vorbild für erlittenes Unrecht zu rächen -- auf Partisanenart.

Aktiver Widerstand droht vor allem von Genossen, die seit der Entmachtung des moskaufreundlichen Geheimpolizeichefs Rankovic aus der Partei gefeuert wurden. Allein im Jahr 1966 verlor der »Bund der Kommunisten«, Jugoslawiens KP, 13 500 Mitglieder -- meist altgediente Partisanenkämpfer, die sich Titos Reformprogramm für Partei, Wirtschaft und Verwaltung widersetzten (SPIEGEL 5/1968).

Serbiens Parteisekretär Stevan Doronjski warnte im Oktober 1967: »In fast allen Teilen Serbiens wurde die Tätigkeit politischer Untergrundkräfte beobachtet« Politbüro-Mitglied Mijalko Todorovic plädierte damals für die Pferdekur: »Von den 1,1 Millionen Mitgliedern (der Partei) ist eine Million zuviel.«

Die altkommunistischen Parteifeinde wurden ersetzt: Belgrads Parteizentrale meldet Masseneintritte junger Jugoslawen in die Partei. Armee, Miliz und Jugendverband stellen sich auf den Ernstfall ein. Sie rüsten sich für einen Partisanenkrieg gegen auswärtige Feinde -- für den Fall eine? Sowjet-Intervention.

Auch der wachsame Soldat Nikica Kukolj wurde für seine Rettung des Munitionslagers vor Attentätern belohnt: auf eigenen Wunsch mit einem roten Parteibuch.

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