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BANGLADESCH Bongo Pita

34 Jahre lang hatte Bangladeschs neuer Ministerpräsident Mudschib-ur Rahman gegen das Establishment gekämpft. Jetzt muß er selbst einen Staat aufbauen.
aus DER SPIEGEL 4/1972

Zuerst war er »Scher-i-Bangal«, der »Tiger Bengalens« als militanter Studentenführer und Regimegegner. Später, als er fern von seinem kämpfenden Volk eingekerkert und mit dem Tod bedroht war, wurde er zum »Bongo Bondhu«, zum »Freund Bengalens«. Und als sein Volk frei und er wieder zu Hause war, bekam er die höchste Beinamens-Weihe:Er arrivierte zum »Bongo Pita"« zum »Vater Bengalens«.

Scheich Mudschib-ur Rahman, 51, Sohn bengalischer Grundbesitzer, in 34 Jahren aktiver Politik erbitterter Gegner der britischen Kolonialmacht, der Hindumehrheit auf dem indischen Subkontinent und schließlich der westpakistanischen Brüder in Allah, soll jetzt sein Volk in die Souveränität führen.

Schon in den ersten beiden Tagen seiner Herrschaft zeigte Mudschib, daß er nicht nur ein demagogischer Gegner, sondern auch eine ernst zu nehmende politische Potenz ist. Der Scheich ergriff. im Handstreich zwar, aber unter Einhaltung demokratischer Regeln, die totale Macht im Staat Bangladesch, noch ehe seine Satrapen sich Posten und Einfluß sichern konnten.

Während des Bürgerkriegs in Bengalen hatte sich im sicheren indischen Exil eine Bangladesch-Regierung etabliert, die den im westpakistanischen Gefängnis einsitzenden Mudschib als Märtyrer und Alibi für alle Pläne ständig im Munde führte, ihn jedoch nur als repräsentative Vaterfigur, als Präsident, in ihr Kabinett einbaute.

Als Mudschib letzte Woche nach Dakka zurückkehrte, nahm er zunächst den Präsidentenstuhl« erließ mit dem noch unsicheren Kabinett eine provisorische Verfassung und ernannte seinen Freund Abusadat Sajem zum Obersten Richter des neuen Staats. Der Richter vereidigte als -- ebenfalls vom überrollten Kabinett gebilligten neuen Präsidenten den unpolitischen Juristen Abu Sajid Tschaudri, 50.

Der aber lud flink Politiker und Presse in den Prunksaal des »Bengalen-Hauses«, des einstigen Gouverneurssitzes Ostpakistans, und verkündete: »Ich ernenne Sie, Scheich Mudschib, zum Ministerpräsidenten.«

Mudschib, nach seiner eigenen provisorischen Verfassung als Ministerpräsident mit allen Vollmachten ausgestattet, stellte sofort nach der Vereidigung seine Mannschaft vor. Die gesamte Exilregierung, mit amtierendem Präsidenten und Ministerpräsidenten. war jäh ins zweite Kabinettsglied abgerutscht.

All das geschah in eineinhalb Tagen, während sich politisierende Bengalen noch auf lange Freiheitsfeiern und politisches Palaver vorbereiteten. Mudschib-ur Rahman hatte, genau wie sein Pendant im anderen Teil des ehemaligen Pakistan, Präsident Sulfikar Ah Bhutto im Westen, Freunde und Gegner durch Blitz-Aktionen überrascht. Wie Bhutto übernahm der Scheich auch Schlüsselministerien: Inneres, Verteidigung, Information und Kabinettsfragen.

Dabei hatte Mudschib, anders als Bhutto, kaum mit dem klaren Ziel der Machtergreifung politisch agitiert. Er hatte nicht für, sondern meist gegen etwas gekämpft.

Schon 1938 sperrten die Engländer den kleinbürgerlichen Bengalen als studentischen Rebellen ein. Als Hörer am Islamia College in Kalkutta focht Mudschib gegen eine drohende Hindu-Herrschaft über die Moslem-Minderheit auf dem Subkontinent und für die Gründung von zwei Staaten, Indien und Pakistan.

Doch im gewollten neuen Staat war der Scheich, jetzt Jura-Student an der Universität Dakka, auch nicht glücklich. Nur ein Jahr nach der Unabhängigkeit, 1948, wurde Mudschib wieder eingesperrt, diesmal von der pakistanischen Polizei. Er hatte für eine größere Autonomie Bengalens und gegen das -- westpakistanische -- Urdu als einzige Staatssprache demonstriert.

Gerade wieder einmal aus dem Gefängnis entlassen, wurde er 1952 Generalsekretär der neugegründeten autonomistischen Awami-Liga und redete, demonstrierte und saß während der nächsten Jahre unermüdlich für das Ziel seiner Partei: »Ein vereinigtes Bengalen der Bengalen.«

1966 forderte er in einem Sechs-Punkte-Programm totale Autonomie, eine eigene Währung und eigenen Außenhandel für die Ostprovinz. Nur Außen- und Verteidigungspolitik sollte die Zentralregierung noch verwalten.

Westpakistans Staatsgeneral Ajub Khan, von Bengalens Jute- und Tee-Export abhängig, sperrte Mudschib wieder einmal ein. Zwei Jahre später inszenierte Ajub einen Hochverratsprozeß gegen den Bengalen-Scheich. Mudschib wurde beschuldigt, zusammen mit indischem Militär die gewaltsame Lostrennung Bengalens von Pakistan geplant zu haben. Der einjährige Prozeß brachte keine Beweise gegen den angeblichen Verschwörer. Doch Mudschib, für den seine Landsleute in Massen auf die Straße gingen, wurde dadurch zum unangefochtenen Volkshelden.

Als Ajub 1969 -- unter anderem über diesen Prozeß -- gestürzt war und sein Nachfolger, General Jahja Khan, 1970 freie Wahlen in Pakistan ausgeschrieben hatte, konnte der Scheich schon vor dem Votum für seine Awami-Liga korrekt einen Sieg mit über 90 Prozent der Stimmen voraussagen. Mudschib, mit 1,78 Metern unter seinen schmächtigen Landsleuten auch körperlich der Größte, bekam die absolute Mehrheit in ganz Pakistan, hätte eigentlich Ministerpräsident werden müssen. Westpakistan wollte die Vorherrschaft behalten, stürzte das Land in Bürgerkrieg und Krieg -- und verlor seine Ostprovinz.

Mudschib, der sich als »demokratischen Sozialisten« nach Vorbild der britischen Labour-Partei, zugleich als »letztes Bollwerk gegen den Kommunismus« einschätzt, kehrte siegreich in seine bürgerliche Vorstadtvilla nach Dakka zurück.

Der Pfeifenraucher ("Das einzige, was ich von den Engländern übernommen habe") mit dem starken Selbstbewußtsein ("Ich bin nur auf Gott und mein Volk angewiesen, und mein Volk liebt mich") nutzte bereits den Heimflug zu einer versteckten Unabhängigkeitserklärung gegenüber dem großen Bruder Indien, dessen Armee Bangladesch seine Unabhängigkeit verdankt.

Indira Gandhis Regierung wollte den neuen Staatschef von Neu-Delhi mit einer Maschine der Indischen Luftwaffe in die Heimat bringen. Doch Mudschib beharrte auf seinem Direktflug in einer britischen Maschine.

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