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TOURISMUS / CLUB MÉDITERRANÉE Boom im Stroh

aus DER SPIEGEL 37/1970

Die Deutschen drängen in französische Ferienparadiese -- in die Urlaubs-»Dörfer des unbehinderten Eros« ("Stern") des »Club Méditerranée«.

Sie reißen sich um die teuren Strohhütten eines Pariser Touristik-Unternehmens, das seine eigene Ferien-Philosophie publiziert: »Wir schlafen wie Wilde, wir speisen wie Fürsten. Wer den Club wählt, vergißt seine Herkunft.«

14 000 deutsche Urlauber zahlten in diesem Jahr rund 15 Millionen Mark an den Ferienclub -- vor zwei Jahren waren es erst einige hundert. In Kompanien okkupierten sie rund um das Mittelmeer Strandsessel und Segelboote, Tennisplätze und Tauchgeräte eines vornehmlich für Franzosen konzipierten Reiseunternehmens.

Der »Club Méditerranée« (CM), 1950 von dem belgischen Diamantenschleifer Gérard Blitz gegründet, besitzt 31 Feriendörfer am Mittelmeer und drei »Über-Clubs« (CM-Prospekt) in der Karibischen See. Wer sich als Mitglied bei ihm eintragen läßt, um Ferien an seinen Privat-Stränden zu machen, bezahlt die Blitz-Idee eines Komfort-Urlaubs im Freien.

838 Mark kostet ein zweiwöchiger Aufenthalt im korsischen Clubdorf »Santa Giulia« (mit Flug ab Frankfurt), 980 Mark im tunesischen »Djerba«, 1046 Mark im Dorf »Porto Petro« auf Mallorca -- erheblich mehr als bei den üblichen Ferien-Angeboten deutscher Reise-Unternehmen.

Geschlafen wird in häufig ameisenunterwanderten Strohhütten« und die gemeinschaftlichen Waschanlagen liegen im Freien. Die Club-Urlauber vergnügen sich dagegen an einem verschwenderischen Küchen-Angebot und an umfänglichen Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten.

Als das Club-Unternehmen 1956 auch den Wintersport zu organisieren begann, wuchs es rasch zur größten französischen Reisefirma. Der Gründer Blitz hatte bereits Anfang der fünfziger Jahre das Management dem einstigen kommunistischen Journalisten Gilbert Trigano, 50, überlassen. Der langnasige Generaldirektor wandelte das Unternehmen 1962 in eine Aktiengesellschaft um und überließ dem Finanzbaron Edmond Rothschild ein Drittel der Anteile.

Nach und nach kauften sich weitere Banken ein: die Bank von Paris, die Dreyfus-Bank und 1968 sogar die »American Express«-Bank aus New York. Clubchef Trigano, der inzwischen ebenfalls zehn Prozent des Aktienkapitals von 24 Millionen Franc hält, genießt die Früchte des Massen-Tourismus: »Ich versuche das Leben ausschließlich als Urlaub zu betrachten.«

Er befehligt das nach der Touristik Union in Hannover größte europäische Reise-Unternehmen sowie die drittgrößte Hotelkette der Welt (nach den amerikanischen Konzernen Hilton und Holiday Inns). 3850 Arbeiter und Angestellte wirken in insgesamt 51 Club-Dörfern.

Vor zwei Jahren übernahm die Touropa in München die CM-Generalvertretung in Deutschland. Seither sehen sich französische Urlauber zunehmend von teutonischen Gruppen umzingelt, obgleich Touropa mit einer 400 000-Mark-Werbung die guten Deutschen eher abschreckte: »Befürchten Sie, Ihr Eisbein mit Sauerkraut nicht zu bekommen oder mit Ihrem Lieblingslied »Warum ist es am Rhein so schön auf Unverständnis zu stoßen? Ja? Dann weinen wir Ihnen keine Träne nach.«

Warum das Geschäft dennoch gut anlief, versuchte der »Stern« mit einer Reportage über das CM-Dorf Agadir zu erklären: »Trauscheine interessieren nicht im Club Méditerranée ... Für die, die allein kommen, ist zum Beispiel Giorgio da. Giorgio ist einer der angestellten 'liebenswürdigen Helfer'. Giorgio schläft nie allein.«

Karl O. Hermanns, Marketing-Manager bei Touropa, wehrt sich zwar gegen eine derartige Beschreibung des Dorf-Milieus: »Im Club ist es keineswegs schlimmer als in irgendeinem Hotel an der Adria.« Aber er findet auch Gefallen an der inzwischen gängigen Vorstellung, Club-Dörfer seien Sexparadiese: »Dieses Flair versuche ich gar nicht abzubauen. Da kann ich doch viel besser verkaufen.«

Seitdem Manager Hermanns In Deutschland verkauft, stieg das Geschäft mit den deutschen »gentils membres« (Clubsprache: »G. M.") innerhalb von zwei Jahren auf elf Prozent des gesamten CM-Jahresumsatzes von 138 Millionen Mark.

Die Bundesbürger reizt vornehmlich die Programmfülle, die ihnen in den Ferienanlagen der Franzosen geboten wird: So besitzt das Unternehmen 150 Pferde und 600 Segelboote, sechs Dörfer mit Wasserski-Schulen, 15 Dörfer mit Tennisplätzen und sogar zwei Clubs mit Golf-Anlagen. Das griechische Dorf »Aighlon« verfügt über ein Maler-Atelier, und in den Clubs mit den sogenannten »Forum«-Einrichtungen finden Konzerte und Dichterlesungen statt,

650 Sportlehrer lehren kostenlos Joga, Fechten, Judo, Schwimmen oder Tiefsee-Tauchen. »Das ist«, meint das Nachrichtenmagazin »L'Express«, »wahrlich die Organisation der Freiheit.« Und die amerikanische »Time« sieht im Club ein »gesellschaftliches und wirtschaftliches Phänomen«.

Bei allem Spektakel wird französisch gesprochen, auch bei den abendlichen Vorstellungen der für jedes Dorf engagierten Komödianten. Die Deutschen müssen sich deshalb durch Segelkurse und Tanzspiele radebrechen, und bei Kabarettveranstaltungen haben sie nichts zu lachen.

Dennoch: Die Touropa setzt auf weitere mediterrane Gewinne. Im nächsten Jahre sollen bereits 24 000 deutsche Club-Urlauber auf die Dörfer verteilt werden. Lucien Parey, CM-Pressesprecher in Paris, ist begeistert: »Der Verkauf in Deutschland ist wahrhaft exzellent.«

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