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BORIS LEONIDOWITSCH PASTERNAK

aus DER SPIEGEL 24/1960

Was sie von dem Mann zu halten hätten, hörten die Moskauer aus ihren Rundfunkapparaten: »Er mag gehen, wohin er will. Kein sowjetischer Mann und keine Frau wünschen, mit einem Verräter zusammenzuleben und die Luft zu atmen, die er atmet« (Radio Moskau). In ihren Zeitungen lasen sie, was sein Buch wert ist. Es sei »nichtiges, niederträchtiges Handwerk«, schrieb die »Literaturnaja gaseta«, eine »Verleumdung der sowjetischen Partisanen und der Roten Armee, des ganzen gewaltigen Werkes, das die Erbauer des neuen Lebens auf sowjetischem Boden vollbringen«. Und am nächsten. Tag stand in der »Prawda« der Urteilsspruch, gegen den es keine Berufung gibt: »Der 'Dr. Schiwago' ist eine boshafte Schmähschrift auf die sozialistische Revolution, das Sowjetvolk und die sowjetische Intelligenz. Ein erboster Spießer hat seiner rachsüchtigen Gereiztheit freien Lauf gelassen.« Fünf Tage darauf war dann schon eine Massenversammlung zustande gebracht, im Moskauer Sportpalast, und vor seinem vieltausendköpfigen Auditorium - Chruschtschow saß auf seinem Ehrenplatz - schrie Wladimir Semitschastni, damals Erster Sekretär des Sowjetischen

Jugendverbandes: »Ein Schwein besudelt niemals den Ort, wo es frißt und schläft. Wenn man daher Pasternak mit einem Schwein vergleicht, so ist festzustellen, daß ein Schwein nicht getan hätte, was Pasternak getan hat.« Das Protokoll verzeichnet an dieser Stelle: »Brausender Jubel der Zuhörer.«

Sie kannten also das Urteil, sie akzeptierten es, und sie applaudierten mit Leidenschaft. Das Buch, über dessen Unwert sie unterrichtet waren, kannten sie nicht und werden es fürs erste nicht kennenlernen: Der Roman »Dr. Schiwago« ist in der Sowjet -Union niemals veröffentlicht worden. In unserem Westen ist der Roman in Hunderttausenden, in Millionen Exemplaren gedruckt, gekauft, verschenkt worden - aber sonst wird es nicht viel anders sein (außer daß wir, wegen eines Schriftstellers, nicht unsere Sportpaläste füllen): Was von dem Buch zu halten sei, stand in den Zeitungen. Mit den Stimmen der Leute, die den »Schiwago« zu Ende gelesen haben, brächte es ein Kandidat wohl nicht einmal zum Kreisdeputierten.

Ach, es ist ja gar kein politisches Buch, dieser Roman »Dr. Schiwago«, über dessen ungelesene Seiten sich Ost und West begeifern - ein Werk der arrière-garde, der epische Text eines symbolistischen Lyrikers, dessen hohe und kühne Zeit die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren. Aber dieses Jahrhundert der installierten Vorurteile braucht seine Helden und seine Verräter und sucht nicht lange; es erfindet sie, berauscht sich an den gigantischen Konturen seiner Erfindung und entleert genußvoll zu deren Füßen seine Instinkte.

Viel hatte nicht gefehlt, und der »Schiwago« wäre auch in Moskau erschienen - seine Handlung reicht ja nur bis 1929. Angekündigt war das Buch schon, als es der italienische KP-Funktionär d'Angelo mitbrachte

- eine Manuskript-Kopie in seinem

Koffer unter die Wäsche gepackt, »aber nicht, um sie auf unerlaubte Weise und gegen den Willen der Sowjet-Union nach dem Westen zu schmuggeln, sondern einfach, um meine gebügelten Hemden zu schonen«. Pasternak unterzeichnete mit dem ruhigsten Gewissen den Vertrag mit dem Mailänder Feltrinelli, und tatsächlich brachte auch der ungeahnte, jähe Millionen-Erfolg dieser Unternehmung in Moskau keine Feder in Bewegung. Erst den Nobelpreis verübelten sie, den Preis, den die Schweden im Jahre des Schiwago-Erfolges draufgaben - der Preis, den sie Tschechow nicht

gegeben hatten, Tolstoi nicht und nicht Gorki, der Preis, den niemals einer zurückgewiesen hatte und den Pasternak nun zurückweisen mußte. »Mit Entrüstung und Wut« hatten achthundert seiner Schriftstellerkollegen im Gleichschritt ihrer Organisation Pasternaks Ausweisung verlangt.

Eine delirierende Welt hatte ihren Fall, der ihr ins fiebrige Konzept paßte, gefunden, und indem sie »Pasternak« sagten, hier wie dort, schüttelten sie gegeneinander die Fäuste und genossen ihren Stolz, anders zu sein als die anderen. Pasternak sah es mit Unbehagen, er erledigte sogar sein Schuldbekenntnis, seine Selbstbezichtigung - ohne sich das mindeste zu vergeben: Welcher Autor hätte keinen Zweifel am eigenen Werk.

Im übrigen war die Aufmerksamkeit der Welt, die ihn in Gefahr gebracht hatte, groß genug, um ihn auch zu schützen - wenn irgend er solchen Schutz gebraucht haben sollte. Sein Buch hatte ein Zeitroman werden sollen, »wie Onkel Toms Hütte, wie Robinson Crusoe, wie der Simplicissimus von Grimmelshausen - und ist es auch geworden, auf eine ganz andere, ganz neue Art. Es war nicht der Romantext, der diese Zeit charakterisierte.

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