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INDUSTRIE Bosch im Wald

aus DER SPIEGEL 12/1964

Zwei Bosch-Manager und ein Landes -Finanzminister unterzeichneten in der vorletzten Woche ein Vertragswerk, das Baden-Württembergs Landeshauptstadt zugleich ärmer und reicher macht:

Für eine Summe zwischen 50 und 60 Millionen Mark veräußert das Stuttgarter Industrie-Imperium Bosch (geschätzter Konzern-Umsatz 1963: 2,25 Milliarden Mark; Gesamtzahl der Beschäftigten: mehr als 80 000) im Laufe der

nächsten fünf. Jahre seinen Hauptsitz und Traditionsboden in Stuttgarts Innenstadt an das Land Baden-Württemberg und siedelt hinaus ins Grüne.

Die Landeshauptstadt Stuttgart

- verliert damit Gewerbesteuer-Millionen und (laut »Stuttgarter Nachrichten") »ein Stück Gesicht": den seit Jahrzehnten genossenen Ruhm, mit Mercedes-Benz und Bosch zwei schwäbische Weltfirmen zu beherbergen, und

- gewinnt durch den Bosch-Auszug 38 000 Quadratmeter kostbarer Cityfläche und damit eine Neuordnungs-Chance, wie sie heute kaum noch einer bundesdeutschen Groß- und Landeshauptstadt zufällt.

Dieser Gewinnposten befreit den Staat im Stuttgarter Stadtzentrum von der chronischen Sorge um Platz für den Ausbau der Technischen Hochschule, der Staatsbauschule und anderer staatlicher Einrichtungen.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger: »Das Land ist durch diese Gelegenheit aus einer großen Verlegenheit erlöst worden und hat deshalb gerne zugegriffen.«

Andererseits empfindet auch das Haus Bosch den Auszug aus jenem Innenstadt-Areal als vorteilhaft, das Robert Bosch der Ältere seit dem Jahre 1900 parzellenweise zusammengekauft und mit Fabrikgebäuden vollgepflastert hatte.

Denn die Firma stand vor der Notwendigkeit, ihren Stuttgarter Stammsitz grundlegend zu renovieren (ein Objekt von wenigstens 15 Millionen Mark) und mit einem Parkhaus zu erweitern, das ebenfalls etwa 15 Millionen Mark kosten würde.

Hans L. Merkle, Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung: »Die Aufgabe, eine auf Jahrzehnte gemünzte, den übersehbaren Zukunftsbedürfnissen unseres Hauses gerecht werdende Lösung zu finden, drängte sich auf.«

Am ungestümsten bedrängt wurde die Bosch-Zentrale kurioserweise durch eine Entwicklung, an der sie selber gern teilhat: der Motorisierungswelle. Der Anteil der Boschler, die im eigenen Wagen zur Stuttgarter Firmenresidenz fahren, schnellte von 17 Prozent im Jahr 1959 auf 30 Prozent im Jahr 1963 empor und wird bald 50 Prozent erreichen

- mit der Folge, daß schon jetzt arbeitstäglich 1100 Personenwagen auf ein Werksgelände zurollen, das nur 390 eigene Parkplätze aufweist.

Bosch-Merkle: »Da mußten wir doch einfach etwas unternehmen.«

Statt 30 Millionen Mark für eine zweitbeste Lösung auszugeben, beschloß das Bosch-Führungsteam, der engen City den Rücken zu kehren und diesen Betrag - zusammen mit dem aus der Staatskasse fließenden Verkaufserlös des Alt-Areals - in Grundstükken und Neubauten außerhalb Stuttgarts anzulegen.

Boschs Landsucher sicherten sich in den Stuttgarter Nachbarkreisen sechseinhalbmal soviel Grund wie das bisherige Firmenhauptquartier mißt, davon

- in Gerlingen (Kreis Leonberg), wenige Schritte jenseits der Stuttgarter Gemarkung, 100 000 Quadratmeter und

- in Schwieberdingen (Kreis Ludwigsburg) sogar 150 000 Quadratmeter.

In Gerlingen will Bosch, mitten im Wald und unter »Abschirmung von störenden Umwelteinflüssen« (Merkle), die 2000 Mitarbeiter der Geschäftsführung und Grundlagenforschung ansiedeln, in Schwieberdingen die etwa 1000 Boschler von Leitung, Entwicklung und Verkauf der Firmengruppe Autoelektrik.

Damit verliert Stuttgart gerade jene »schornsteinlosen« Kommandozentralen und Führungsstäbe, die andere Großstädte zielstrebig herbeilokken. Noch Mitte Januar hatte ein kostspieliges Gutachten der schweizerischen »Prognos-AG« auch Stuttgart diese Entwicklung prophezeit: Die Wirtschaftsexpansion der Stadt bis zum Jahr 1975 werde gekennzeichnet sein durch ein Abwandern von Produktionsstätten, andererseits durch einen Zustrom von Industrieverwaltungen. Fünf Wochen nach Vorlage des Gutachtens bekundete Bosch genau gegenteilige Absichten.

Die Verluste, die durch den Auszug im Stuttgarter Gewerbesteuersäckel entstehen, sollen zum Teil durch einen

Ausbau der Bosch-Fabriken in den Stuttgarter Vororten Feuerbach und Mühlhausen kompensiert werden. Auch die Kondensatorenfertigung, deren 550 Mitarbeiter zur Zeit ebenfalls noch in Stuttgarts City werken, soll zwar verlagert werden, aber nur innerhalb der Stadtgrenzen.

Weitere Trostpflästerchen des Hauses Bosch an die alte Heimstatt: Stuttgart bekommt im Stadtzentrum ein Bosch-»Zentralbüro« und bleibt juristischer Sitz des Gesamtunternehmens.

Gleichwohl bangten die »Stuttgarter Nachrichten« um das Renommee ihrer Stadt: »Bisher kam man aus fünf Erdteilen zu Bosch nach Stuttgart. Und nun ...?«

Verkaufter Bosch-Hauptsitz in Stuttgart: Gesicht und Gewerbesteuer verloren

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