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ENGLAND Boss gesichtet

Will der südafrikanische Geheimdienst britische Politiker durch Skandalstorys vernichten?
aus DER SPIEGEL 22/1976

Agatha Christie ist tot, doch es ist, als wär's ein Stück von ihr: Englands Wirtschaft marode, das Pfund zerbröckelnd, Nordirland weiterhin im Bürgerkrieg, aber Schlagzeilen machte letzte Woche ein anonymer Junge, der behauptete, er habe es mit einem prominenten Parlamentarier auf einem Bauernhof getrieben und sei dabei gefilmt worden.

Diesen Porno, der möglicherweise nur ein Phantasieprodukt des Darstellers ist, wollte ein Diplomat der Londoner südafrikanischen Botschaft angeblich »rein privat« erwerben, weil er »so etwas noch nie gesehen« habe.

Der Südafrikaner sah den Pornofilm nicht, wohl aber einen Bericht über sein Kontakt-Gespräch mit dem Jungen im liberalen Londoner »Guardian": erster Beweis für Vermutungen britischer Politiker, Agenten des südafrikanischen »Boss« (Bureau of State Security) wollten ehrenwerte britische Parlamentarier durch eine Schmutzkampagne diskreditieren, um die Südafrika-kritischen Parteien -- Labour und Liberale -- zu schwächen.

Ex-Premier Harold Wilson, der in den letzten Jahren wegen Berichterstattung über sein Privatleben mehrmals Verfahren einleitete, erkannte sogleich in der angeblichen Homosexuellen-Affäre des inzwischen zurückgetretenen Liberalen-Chefs Jeremy Thorpe »starke südafrikanische Interessen, abgestützt mit finanzieller Unterstützung von Privatunternehmen und Agenten«.

Mit anderen Worten: Diesmal waren nicht KGB-Agenten oder die Kollegen von der CIA. bisher Englands böse Geister, sondern andere antidemokratische Mächte des Auslands tätig. Wie Wilson die bedrängte Nation in gleich drei Reden wissen ließ, seien sie, hervorragend organisiert und mit nahezu grenzenlosen Geldmengen ausgestattet, im Untergrund bereit, jede Waffe gegen jene Politiker und Parteien einzusetzen, mit denen sie nicht einverstanden sind.

Und Jungliberalenführer Peter Hain, wegen Bankraubs angeklagt und von einem Geschworenen-Gericht freigesprochen, wollte nicht ausschließen, daß die »Boss«-Agenten einen Doppelgänger für den Bankraub abkommandiert hätten, um den Apartheid-Gegner Hain zu vernichten.

Die BBC gar ließ sich in der allgemeinen Agentenhysterie von einem vorbestraften Arbeitslosen, der sich als Ex-Oberst der US-Luftwaffe ausgab. irreführen. Als Hauptmeldung ihrer Nachrichten brachte sie ein Interview mit dem vermeintlichen Offizier: Er habe nach seiner Pensionierung in Südafrika bei »Boss« arbeiten sollen. In Pretoria habe er etwa 15 Akten von Liberalenführern gesehen und sei »um Rat gebeten worden, wie man damit die Liberalen am besten schädigen könne«.

Aus Barcelona meldete sich der Libanese Fuad Kamil, seinen Freunden als »Flash Fred«, den Behörden Malawis als Flugzeugentführer bekannt, als Zeuge für die Verschwörungs-Theorie: Er besitze aus seiner Tätigkeit für das südafrikanische Unternehmen »Anglo-American Corporation« des Sir Harry Oppenheimer Pläne darüber, wie der Polizeistaat am Kap gegen die Liberale Partei Englands kämpfen wolle. »Flash Fred« aber konnte vorerst in London nicht aussagen: Wegen eines Erpressungsversuchs wird er bei Scotland Yard in den Fahndungsakten geführt.

Weitere Schmutz-Anschuldigungen gegen ehemalige Regierungsmitglieder. warnte der Labour-Abgeordnete Paul Rose, seien zu erwarten. Möglicherweise, so fürchtet ein Rose-Parteifreund, werde in einer deutschen Illustrierten alsbald über seine Finanzkontakte zu einem britischen Unternehmen berichtet: zweifellos einmal mehr das Werk von »Boss«.

Die Südafrikaner in London streiten jegliche Geheimdiensttätigkeit dieser Art ab: »Wir sind nicht so dumm, solche Fehler zu machen, und wir sind fähig, von den Fehlern anderer zu lernen.«

Daran nun wiederum zweifeln viele Briten.

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