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»Boss, wir müssen Spiele kaufen«

3. Fortsetzung und Schluß
aus DER SPIEGEL 21/1972

Hinter einer Hecke im Garten der feudalen Villa im Frankfurter Westend, in der die Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sitzt, trafen sich die Verschwörer. Rudolf Gramlich, 63, Vorsitzender des DFB-eigenen Bundesliga-Ausschusses, und sein Stellvertreter Alfred Strothe, 45, planten einen Feldzug zur Rettung ihrer gefährdeten Positionen.

Nicht ohne Mißtrauen gegenüber dem Stellvertreter und Rivalen eröffnete Gramlich das Gespräch: »Sagen Sie mal, wollen Sie wirklich Vorsitzender im Ausschuß werden?« Strothe gab zurück: »Warum nicht, das war doch längst besprochen.«

Gramlich, der ein Jahr zuvor -- im Sommer 1970

den Vorsitz des Frankfurter Klubs »Eintracht« abgeben mußte, bat: »Herr Strothe, können Sie nicht noch einmal verzichten«? Mir liegt viel daran, wenigstens noch im Ausschuß Vorsitzender zu bleiben.«

»Ich kann warten«, gab Strothe zurück. »Jetzt dränge ich mich ohnehin nicht nach diesem Amt. Aber wenn Sie es weitermachen wollen, müssen Sie was gegen den Canellas unternehmen.«

Gramlich stimmte ein: »Das mit dem Canellas biege ich schon gerade. In ein paar Wochen spricht kein Mensch mehr über den Fall.«

Das Gespräch im Sommer 1971 begründete eine Abwehraktion, mit der Postenjäger und Hierarchen des DFB die Lawine stoppen wollten, die der ehemalige Offenbacher Kicker-Präsident Horst-Gregorio Canellas mit seinen Enthüllungen über Schiebungen in der Bundesliga ausgelöst hatte.

Canellas mußte neutralisiert werden, denn seine Anklagen trafen die Funktionäre des Deutschen Fußball-Bundes an einer empfindlichen Stelle. Canellas bezeugte, er habe noch vor dem letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1970/71 »die halbe Führungsmannschaft des DFB vor den Schiebungen telephonisch gewarnt«.

Ein DFB-Richter hatte daraufhin bei der Verhandlung vor dem Sportgericht repliziert: »Reden nützt nichts, das hätten Sie schriftlich melden müssen!« Dennoch war der DFB peinlich berührt; die betroffenen Funktionäre schlossen sich zusammen -- Gramlich und Strothe übernahmen die Führung.

Die beiden Funktionäre mochten Canellas nicht: Gramlich, unter dessen Leitung der Fußballklub Eintracht Frankfurt sich um mehr als zwei Millionen Mark verschuldet hatte, und Strothe. dem der Klub Hannover 96 ein Debet von drei Millionen Mark verdankte, beneideten Canellas: Er hatte seinen Offenbacher Kickers nach dem Rücktritt ein Guthaben von 750 000 Mark hinterlassen.

Überdies hatten beide Schuldenmacher in ihren Klubs finanzielle Manipulationen geduldet, ohne den DFB zu unterrichten -- und Canellas wußte das. Strothe selber gestand Canellas, noch vor dem Saisonende von 1971 sei er über Schiebungen »informiert worden«.

Vor allem Gramlich war entschlossen, Canellas zum Schweigen zu bewegen. Er schickte den Geschäftsführer der Offenbacher Kickers, Willi Konrad, vor. Konrad, ohne Eltern aufgewachsen, hatte im Haus Canellas jahrelang Familienanschluß gefunden. Er gehörte zu den Kronzeugen von Canellas: Die Angaben seines Gönners hatte er durch Aussagen vor DFB und Staatsanwaltschaft bestätigt.

Jetzt bat er Canellas, sich mit Gramlich zu arrangieren. Doch Canellas winkte ab: »Sagen Sie dem Herrn Gramlich, daß es jetzt dafür zu spät ist.«

Das Manöver Gramlichs offenbarte den Eifer, mit dem sich DFB-Funktionäre gegen den Herausforderer Canellas zur Wehr setzten. Zum erstenmal war ein Außenseiter in die exklusive Welt des DFB-Establishments eingedrungen, das noch heute deutschnationales Bürgerdenken der Gründerzeit und die Vereinsgepflogenheiten der frühindustriellen Gesellschaft konserviert. Und so umgibt den DFB ein seltsamer Hauch von Vergangenheit: Der Deutsche Fußball-Bund, 1900 gegründet und lange Zeit nur eine lockere Föderation selbständiger Klubs unter einer schwachen Führung, ist zwar mit fast drei Millionen Mitgliedern der größte Fußballverband der Welt, dessen 18 Bundesliga-Vereine pro Saison 100 Millionen Mark bewegen, doch fehlt ihm nach wie vor ein modernes Management. Unter Hitler konnte der Fußball sich stärker entfalten.

Das Unternehmen, vom Zusammenschluß argloser Amateursportler zum Großbetrieb der Unterhaltungsindustrie ausgewuchert. wird noch immer von einer Altherren-Riege geleitet, die bisher die Umstellung auf den Berufsfußballsport innerlich kaum mitvollzogen hat. In ihr leben die Gefühle weiter, die den führenden Fußball-Bündlern ermöglicht hatten, die Hitler-Zeit gut zu überstehen.

Konservativ und staatstreu, waren die Fußballfunktionäre auch im Dritten Reich brav unter Adolf Hitler mitgelaufen. Über die NS-Zeit wissen die DFB-Geschichtsschreiber in ihrem Jubiläums-Jahrbuch von 1950 mitzuteilen: »Es ergaben sich ganz neue Perspektiven für die neue Entwicklung. Manches Hemmnis fiel, die zentrale Macht wurde gestärkt. Der Fußballsport konnte sich stärker entfalten als bisher.«

Auch der Fußballer Rudolf Gramlich aus Frankfurt am Main hatte sich damals bereits ansehnlich entfaltet. 22mal spielte er für Deutschland. Doch als 1936 vor Hitlers Augen die Nationalmannschaft beim Olympiaturnier gegen den Außenseiter Norwegen durch eine 0:2-Niederlage ausschied, mußte auch Gramlich seinen Abschied nehmen.

Er begründete später sein Ausscheiden mit beruflicher Überlastung: »Die jüdische Schuhfabrik. in der ich tätig war, bekam 40 Prozent ihres Kontingents gestrichen, so daß ich als Ledereinkäufer sehr dringend in der Firma gebraucht wurde.« In Wahrheit wurde er in der Firma als Chef gebraucht -- nach der Arisierung des Betriebs.

Den Krieg verbrachte Gramlich als SS-Mann. In der Prager Etappe requirierte er zwei Landhäuser, deren Mobiliar und Interieur er in die Heimat schicken ließ. Über seine nachfolgenden Kriegserlebnisse berichtete die »Frankfurter Rundschau« in ihrer ersten Ausgabe am 1. August 1945: Beschlagnahmte SS-Photos -- von Gramlich selbst heim ins Reich gebracht -- zeigten ihn mit einem Erschießungskommando.

»Die Frankfurter Sportjugend. so orakelte das linksliberale Blatt, »wird aus ihren Reihen sicherlich edlere Vertreter des Fußballsportes hervorbringen. Sie wird Rudi Gramlich, dem SS-Mann, keine Träne nachweinen.« Das Blatt irrte. 18 Jahre lang durfte Gramlich als Vorsitzender des Klubs mit dem Reichsadler auf dem Vereinswappen der Frankfurter Sportjugend als Vorbild dienen. Gramlich paßte in das unveränderte Konzept der Fußball-Bündler. Wie so viele andere Klub-Obere, herrschte er selbstherrlich über Mitglieder und Finanzen.

Den Kölner Fußball-Vorsitzenden Franz Kremer unterstützte er maßgeblich darin, nach dem Rücktritt des ersten DFB-Chefs nach dem Krieg, Dr. Peco Bauwens, der durch chauvinistische Sonntagsreden die Öffentlichkeit irritiert hatte, einen neuen Präsidenten zu finden, der den auf Konspiration erpichten Klubführern noch größere Eigenmächtigkeit versprach. Sie fanden ihn: Dr. Hermann Gösmann aus Osnabrück, der den Drei-Millionen-Bund im Stil eines Frühstücksdirektors leitete.

Kremer und Gramlich bastelten mit an einem Statut für die geplante Bundesliga, das ganz auf ihre Klubs zugeschnitten war. Es sah Zahlungsgrenzen für den An- und Verkauf von Spielern vor. Lücken im Statut freilich kannten nur Kremer und Gramlich. Doch sie behielten es für sich. So fehlte auch ein Hinweis, daß Prämien von dritter Seite an Spieler unzulässig sind.

Präsident Gösmann: »Am liebsten möchte ich zurücktreten.«

Vor der Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 schuf der DFB einen Bundesliga-Ausschuß, der sich mit allen Fragen des Profi-Fußballs befassen sollte. Kremer und Gramlich erhielten in ihm einflußreiche Positionen. Wann immer die Grenzen der Spieler-Honorare überschritten und ruchbar wurden, wo immer Klubs manipulierten -- Kremer und Gramlich wußten Bescheid.

»Das ist ja schrecklich«, jammerte 1965 Präsident Gösmann, als der erste großformatige Skandal au die Öffentlichkeit drang. Hertha BSC beschuldigte 14 der damals noch 16 Bundesligaklubs, die Zahlungsgrenzen übertreten zu haben. »Am liebsten möchte ich zurücktreten«, tönte Gösmann. Er ist noch immer im Amt.

Schon die Hertha-Affäre verriet, daß der DEB entschlossen war, mit Skandalen zu leben. Statt Regelwidrigkeiten zu ahnden, attackierte der DEB die Kritiker als »Nestbeschmutzer«. Hertha BSC büßte die Bundesligalizenz ein; die beschuldigten Klubs kündigten zwar Klagen vor ordentlichen Gerichten an. aber keiner reichte sie tatsächlich ein.

Klubpräsident Peter Maaßen von Rot-Weiß Oberhausen trieb sogar ein doppeltes Spiel. Er verkaufte den Spieler Hans Siemensmeyer zum Überpreis von 120 000 Mark (erlaubt: 50 000 Mark) an den Strothe-Klub Hannover 96. Danach forderte er weitere 30 000 Mark Schweigegeld. Bei Nicht-/ahlung drohte er, dem DFB einen Wink über Hannovers Manipulation zu geben. Mühsam brachte ihn Strothe von dem Plan ab.

Klubbucher wurden frisiert, um Schulden zu verschleiern.

Der Streit zwischen den Vereinen wurde nie in der Öffentlichkeit ausgetragen getreu der Regel, die Kremer und Gramlich ersonnen hatten. Denn wer vor ordentlichen Gerichten klagen will, muß erst beim DFB eine Genehmigung einholen. Sportgerichte jedoch dürfen niemand vereidigen. Zeugen. Kläger und Beklagte können ungestraft lügen, die Fußballrichter nach Opportunität entscheiden.

Gramlich, inzwischen Vorsitzender des Bundesliga-Ausschusses, wurde freilich einmal unversehens vor ein ordentliches Gericht zitiert und als Preisbrecher entlarvt. Sein Frankfurter Verein »Eintracht« hatte den Münchner Spieler Ludwig Landerer mit überhöhten Summen verpflichtet. Landerer verletzte sich jedoch so sehr, daß er nicht mehr spielen konnte. Daraufhin wollte Gramlich die statutenwidrige Summe nicht mehr zahlen. Landerer klagte die Geldschuld ein -- zum Teil mit Erfolg.

Dem Klub Hannover 96 (Präsident: Strothe) mußte der DEB sogar Buchprüfer ins verpfändete Klubhaus schicken.

Der SPIEGEL (10/1968) hatte berichtet, die Klubbücher seien frisiert worden, um nach einigen Manipulationen hei Spielerkäufen den wahren Schuldenstand zu verschleiern. Als sich die DFB-Kontrolleure ansagten, riet Strothe seinem Geschäftsführer, zu Hause zu bleiben: »Das mach« ich schon allein.« Eilig spendeten Mäzene für wenige Tage Geld, um vorübergehend die größten Schulden zu beseitigen. Dennoch blieben genug Spuren übrig.

Doch der Verein des im DFB wohlgelittenen Verlegers landwirtschaftlicher Zeitschriften ("Kraftfutter") brauchte nicht wie Hertha BSC mit der Bundesliga-Lizenz zu büßen. Die Fußballrichter verurteilten ihn zu 27 500 Mark Geldstrafe (siehe untenstehenden DFB-Erlaß). Und selbst diese Buße ist nie geleistet worden. Gramlich erließ dem Gesinnungsgenossen Strothe die Schuld.

Doch der an Korruption und Konspiration gewöhnte DFB regte sich nicht -die kungelnden Sportkameraden blieben im Amt. Mehr noch: Sie konnten sich hei jeder Bedrohung von außen immer wieder auf eine schweigende Mehrheit stützen.

Als der SPIEGEL im August 1970 die 18 Bundesligaklubs befragte, ob und wie hoch sie verschuldet seien, riefen Gramlich und Strothe sofort die Klub-Präsidenten zusammen und ermahnten sie zum Schweigen. »Das sind ganz gefährliche Leute«, warnte der rhetorisch begabte Jesuitenzögling Strothe die Sportkameraden. Nur sieben Klubherren legten ihre Finanzen offen.

Allmählich begannen freilich manche Vereinsmitglieder, dem Finanzgebaren von Strothe und Gramlich zu mißtrauen. Der Hannoveraner Strothe kündigte dreimal seinen Rücktritt an -- in der richtigen Annahme, daß niemand Lust habe, den Klub mit den zerrütteten Finanzen zu übernehmen. So blieb er -- vorerst -- auf dem Posten.

Erst die Stadt Hannover erzwang Strothes Rücktritt. Auch Gramlich war nicht mehr zu halten. Seinetwegen ver-

* Mit den Unterschriften von Strothe (oben links) und Gramlich (unten).

ließen immer mehr Spieler den Klub. Trainer Elek Schwartz kündigte, weil er »nicht in einem Verein bleiben wollte, wo der Präsident Intrigen gegen mich organisierte und mit seinem Haß die Spieler verfolgte, die mit seiner Art und Weise nicht einverstanden waren und weggingen«. Der bereits pensionierte Mannschaftskapitän Dieter Lindner bestätigte: »Gramlichs Personalpolitik kann die Bundesliga kosten.«

Das Verwaltungspräsidium der Frankfurter Eintracht empfahl den Mitgliedern, dem Präsidium nicht die Entlastung zu erteilen. Gramlich weinte und entschuldigte sich: sein Arbeitselan habe unter zwei Auto-Unfällen gelitten.

»Ich habe nicht mehr die Kraft, den schweren Kampf durchzustehen«, rief er den Mitgliedern zu. Diesen Augenblick der Schwäche nutzte Vizepräsident Albert Zellekens, Kunstturnwart im Deutschen Turner-Bund und Bettenfabrikant. Er stellte den Antrag, Gramlich zum Ehrenpräsidenten zu ernennen. Nur drei Mitglieder des Klubs stimmten dagegen.

»Da hätte doch der ganze Fußball-Bund rotieren müssen.

Gramlich erkannte die Chance, sich einen guten Abgang zu sichern. Doch sein Nachfolger Zellekens beschönigte nichts: »Ein Mann, der wie Gramlich 18 Jahre den Verein führte und so hoch verschulden läßt, ist eine Gefahr für die Öffentlichkeit -- seinetwegen sind wir jetzt im dritten Geschoß unter der Erde.«

Im DFB freilich fühlten sich Gramlich und Strothe weiterhin sicher. Beide rächten sich an Trainern und Spielern, die sie kritisiert hatten. Sie sorgten dafür, daß die Vorlauten bei anderen Vereinen keine neuen Engagements fanden. Und vor allem hatten sie es auf Canellas abgesehen.

Am 29. Mai 1971, am vorletzten Spieltag der Saison, rüsteten sich die Offenbacher Kickers des Canellas und die Frankfurter Eintracht des Ehrenpräsidenten Gramlich auf dem Bieberer Berg in Offenbach zum vorentscheidenden Spiel. Für die Offenbacher hätte ein Sieg ebenso wie für die Frankfurter die Rettung vor dem Abstieg bedeutet. Der Verlierer durfte kaum noch hoffen, weiterhin in der Bundesliga bleiben zu können, denn sie wußten ja, daß manipuliert wurde.

Am Ausgang des Spiels waren auch noch andere abstiegsbedrohte Vereine interessiert: Arminia Bielefelds Torekäufer setzten Siegprämien für die Frankfurter aus. Rot-Weiß Oberhausens Peter Maaßen meldete sich sogar persönlich am Telephon bei Canellas und bot für jeden Offenbacher Spieler 1000 Mark Sonderprämie. falls sie Frankfurt besiegen würden. Canellas akzeptierte, nachdem er sich beim DFB rückversichert hatte, daß Siegprämien von dritter Seite nicht strafbar sind.

Eine Stunde vor dem Anpfiff des Spiels raunte Frankfurts Nationalstürmer Jürgen Grabowski seinem Offenbacher Gegenspieler Walter Bechtold zu: »Du kriegst 5000 Mark, wenn wir gewinnen.« Der bestürzte Bechtold alarmierte sofort seinen Präsidenten Canellas: »Die Frankfurter haben uns ausgeschmiert.« Tatsächlich siegten die Frankfurter überraschend 2:0.

Einige Tage später ließ Canellas den DFB-Oberen Gramlich über das Generalsekretariat im Fußball-Bund bitten, den letzten Spieltag der Saison auszusetzen, da Tore und Spielausgänge bereits gekauft seien. Doch Gramlich lehnte ab.

Während Canellas noch weitere Verbands-Obere unterrichtete, zog Gramlich per Rundruf Vorstandsfreunde im DFB auf seine Seite. Er kalkulierte: Ein Abstieg der Offenbacher würde den widerspenstigen und erfolgreicheren Rivalen aus dem Geschäft werfen.

Doch er irrte. Auch als die Offenbacher tatsächlich abgestiegen waren, gab Canellas nicht auf. Er ermittelte gegen Klubs, Vorstände und Spieler. Einen Fall nach dem anderen deckte er auf. Vergebens versuchte ihn der DFB durch den Ausschluß aus dem Verband zu bremsen. Canellas machte weiter. Er hatte mehr Erfolg als DFB-Kontrollausschuß-Vorsitzender Hans Kindermann.

Auch der Landgerichtsdirektor Kindermann aus Stuttgart erkannte das bald selbst. Denn während sich einige DFB-Obere wie Gramlich und Strothe mit dem von Canellas verdächtigten Peter Maaßen aus Oberhausen verbündeten. um Kindermanns Kontrollarbeit zu blockieren, gediehen die Canellas-Recherchen so rasch, daß Verdächtigte ihn sogar mit Geld zum Stillhalten verleiten wollten.

Auf einer Fahndungsfahrt nach Bielefeld traf er am 14. Oktober 1971 im Flugzeug von Frankfurt nach Hannover Gegenspieler Strothe. Im Verlauf des Gesprächs wurde Canellas direkt: »Herr Strothe, Sie waren doch noch vor dem Spieltag über alle Schiebungen informiert!« Der Verleger lächelte. »Sicherlich, Herr Canellas, ich hatte mich auch sofort als Zeuge dem Herrn Kindermann zur Verfügung gestellt. Aber der wollte mich nicht aussagen lassen.«

Canellas entrüstete sich: »Aber schon die leiseste Information hätte doch Sie und den ganzen DFB rotieren lassen müssen.«

Strothe prahlte: »Ich habe natürlich auch ohne Sie gewußt, daß in der Bundesliga das eine oder andere möglich ist.« Und dann sprach er seinem Rivalen Mut zu: »Na, viel Erfolg. Und wissen Sie, Herr Canellas. lassen Sie nicht nach: ich habe nichts dagegen, selbst wenn fünf Herren im DFB ihre Stellung verlieren sollten, verdient hätten sie es.«

Tags darauf erhielt Canellas einen Anruf: »Hier Strothe, Herr Canellas, ich bin der Bruder vom Strothe in Hannover. Ich war in Spanien und habe dort auch Ihre Familie kennengelernt, sehr sympathische Menschen. Also, ich wollte mal mit Ihnen über Geschäfte in Spanien sprechen. Und zwar über Grundstücke, da steckt sicherlich auch was für Sie drin.«

Canellas brach das Gespräch entrüstet ab: »Hören Sie mal, ich weiß nicht, warum Sie mir das erzählen. Ich habe selbst zwei Brüder in Spanien, wenn ich dort wirklich Geschäfte machen wollte, könnte ich das alleine machen.« »Ich spreche mal mit meinen Anwälten.«

Über die Gespräche mit den Strothe-Brüdern unterrichtete Canellas den DFB-Ankläger Kindermann. Der lud den Sportskameraden Strothe zur Vernehmung, doch nun stritt der Hannoveraner alles ab.

Kindermann stieß auf Widerstände. Immer deutlicher spürte er, daß die wahren Sünder noch unter den Fußballbündlern lebten. Inzwischen wehrten sie sich nicht nur gegen den Skandal-Detektiv Canellas, sondern versuchten auch die Fahndungsarbeit des Kontroll-Ausschusses zu blockieren.

Doch trotz der Schwierigkeiten, Dichtung und Wahrheit zweifelsfrei zu trennen, bekam Kindermann fast täglich neue Hinweise, immer neue Spuren taten sich auf. Besonders stolz war der DFB-Ankläger, wenn er einmal etwas ermittelt hatte, was noch nicht einmal der »Altmeister« (Kindermann über Canellas) wußte.

Das Netz um die Fußballsünder zog sich immer enger zusammen. Darin verfing sich bald auch einer der hartnäckigsten Torekäufer: Peter Maaßen aus Oberhausen. Ihm wiesen die DFB-Richter sogar nach, daß er als Vorsitzender der Interessengemeinschaft westdeutscher Bundesligavereine einen Täuschungs-Tip weitergegeben hatte.

Die Klubherren von Rhein und Ruhr tagten im letzten Herbst turnusgemäß in der Sportschule Duisburg-Wedau. In einer Tagungspause zog der Bielefelder Vorsitzende Wilhelm Stute den Oberhausener Maaßen zur Seite: »Sagen Sie mal, Herr Maaßen, Sie sind doch genau so in Verdacht geraten wie wir, kann man sich denn gegen die Ermittlungen des Kontroll-Ausschusses nicht absichern? Vielleicht, indem man eidesstattliche Erklärungen abgibt, nichts mit den Manipulationen zu tun gehabt zu haben?«

Vorsichtig blickte sich Maaßen um. Als er sich vor Mithörern sicher wußte, verriet er dem Bielefelder: »Wissen Sie, man kann was mit eidesstattlichen Erklärungen machen.* Meines Wissens sind die nicht strafbar, wenn sie nicht den Tatsachen entsprechen.«

»Sind Sie sich da ganz sicher?« zweifelte Stute. Maaßen beruhigte ihn: »Ich spreche mal mit meinen Anwälten und schicke Ihnen dann was.«

Wenige Tage darauf erhielt Stute eine Sendung aus Oberhausen, die aus zwei Schriftstücken bestand. Auf einem Blatt mit dem Kopf des Maaßen-Klubs »Rot-Weiß Oberhausen« stand ein photokopiertes Gerichtsurteil, aus dem hervorging, daß eidesstattliche Erklärungen selbst dann nicht strafbar sind, wenn sie inhaltlich falsch sind. Auf dem anderen Blatt gab Maaßen dem Bielefelder das Dokument »wie versprochen zur Kenntnis«.

Doch auch Kindermann bekam Kenntnis von Maaßens Schwindel- Anweisung. Damit war das Maß voll. Am 9. April mußte sich der Oberhausener vor dem Sportgericht -- Vorsitzender Christian Oestmann -- verantworten. Anklagepunkte: Geldangebote von 20 000 Mark an Arminia Bielefeld und von 50 000 Mark an die Offenbacher Kickers für je ein Unentschieden.

Gleich zu Beginn versuchten Maaßens Rechtsanwälte das Verfahren zu sprengen, indem sie ein Bündel neuer Zeugenaussagen vorlegten. Doch Oestmann ließ sich nicht irritieren. Nun bestritt Maaßen, vor Kindermann zu Protokoll gegeben zu haben, daß er Stute und Canellas Geld für je ein Unentschieden angeboten habe. Kindermann zückte das Protokoll und wies

nach, daß Maaßen in der Vernehmung von Geld gesprochen hatte.

»So können Sie es mit mir nicht machen, rügte Kindermann den Angeklagten Auch Oestmann paukte Moral: »Aber, Herr Maaßen, ich versuche mir ein Bild von Ihnen zu machen. Ich muß sagen, es ist kein gutes.« Maaßen verstrickte sich in weitere Ungereimtheiten. »Da mußten Sie doch

den Canellas zur Rede stellen.«

Oestmann stellte die Gretchenfrage: »Wann, Herr Maaßen, haben Sie das erste Mal gehört, daß in der Bundesliga Spiele manipuliert wurden?« Maaßen: »Na, am 6. Juni 1971, als der Herr Canellas im Fernsehen auftrat.«

Wenig später saß Canellas im Zeugenstand. Listig stellte ihm einer der beiden Maaßen-Verteidiger eine Fangfrage: »Erzählen Sie uns doch mal, wie das am 7. Mai 1971 war, als Sie Herrn Maaßen in Oberhausen angerufen haben.«

»Nicht ich habe Herrn Maaßen, sondern Herr Maaßen hat mich angerufen«, entgegnete Canellas. »Das kann meine Frau bezeugen, denn die hat mitgehört.« Der Maaßen-Verteidiger konterte: »Herr Canellas, das stimmt nicht. Frau Maaßen hat auch mitgehört, und die sagt, Sie hätten angerufen. Aber egal. Haben Sie Herrn Maaßen nicht

* Eine falsche Versicherung an Eides Statt ist strafbar -- wenn sie vor einer zur Abnahme zuständigen Behörde wissentlich falsch abgegeben worden ist oder wenn jemand unter Berufung auf eine solche Versicherung falsch aussagt. Strafmaß: Freiheitsentzug von einem Monat bis drei Jahre l§ 156 StGB). Eine zuständige Behörde ist zum Beispiel ein Notar. nicht aber ein Rechtsanwalt oder Polizeidienststellen

auch gesagt, daß Sie für ihn beim Oberhausener Spiel in Braunschweig was arrangieren könnten, und er solle schon Geld lockermachen?«

Canellas wehrte sich: »Das habe ich nicht gesagt.« Maaßen rief dazwischen: »Das haben Sie wohl gesagt, Herr Canellas.«

Oestmann trennte die beiden. Dann sah er Maaßen vorwurfsvoll an: »Herr Maaßen, hatten Sie mir nicht vorhin versichert, daß Sie erstmals am 6. Juni von Bestechungen gehört haben?« Maaßen stotterte: »Ja, ja.«

Oestmann: »Na, sehen Sie, und nun erzählen Sie uns, daß Sie schon am 7. Mai mit Herrn Canellas über Geld und Schiebung gesprochen haben. Herr Maaßen, da mußten Sie doch den Canellas zur Rede stellen, da hätten Sie als Funktionär beim DFB Alarm schlagen müssen.«

Maaßen: »Ach Gott, ich nahm das nicht so ernst. Erst meine Frau diskutierte mit mir hinterher darüber und meinte, daß das doch ein Angebot zur Schiebung wäre. Wir haben noch die ganze Nacht darüber gesprochen, wir waren beide sehr erregt.«

Oestmann: »Ich auch, Herr Maaßen, ich bin auch sehr erregt. Da treffen sich hohe Funktionäre wie Sie in Sportschulen und sprechen ab, wie sie den Kontrollausschuß blockieren können; und dann verabreden Sie auch noch Schmiergeldangebote. Herr Maaßen, jetzt weiß ich genau, was ich von Ihnen zu halten habe.«

Der DFB-Ankläger fordert einen neuen Prozeß gegen Maaßen.

Maaßen: »Ich auch, Herr Oestmann.«

Nach der Beweisaufnahme stürmte Maaßen so zornig ins Freie, daß er plötzlich den Türgriff des DFB-Portals in der Hand hatte. Das Gericht sperrte ihn auf Lebenszeit und feuerte seinen Verein Rot-Weiß Oberhausen aus der Bundesliga.

Doch draußen im Lande am Niederrhein widerfuhr dem gedemütigten Katholiken Maaßen ("Ich bitte nicht, daß mir Gott hilft, aber ich bitte Gott, daß er auch meinen verdammten Feinden nicht hilft") im Übermaß Trost.

Die CDU-Spitzen Oberhausens traten geschlossen dem Fußball-Verein Rot-Weiß bei. Nordrhein-Westfalens CDU-Landesvorsitzender und Fußballfreund Heinrich Köppler gab eine Ehrenerklärung für den CDU-Mann Maaßen ab. Selbst der Bundespräsident -- so Maaßens Hofberichter -- soll sich eine gerechtere Prozeßführung des Richters Oestmann gewünscht haben.

Auch die Verbündeten ließen Freund Maaßen nicht verkommen. So durfte in der Berufungsverhandlung vor der höchsten Fußballgerichts-Instanz, dem DFB-Bundesgericht. Dr. Otto Rückert den Vorsitz führen. Maaßen frohlockte: »Von diesem Gericht erwarte ich einen Freispruch.«

Doch auch in diesem Verfahren verstrickte sich Maaßen in Widersprüche, und seine Entlastungszeugen leierten ihre Aussagen wie gut einstudierte Rollentexte herunter. Selbst Richter Rückert wies mehrfach Maaßens Schriftstücke als »belanglos« zurück. Maaßen selbst sprach er einmal als »Peter« an.

Obwohl es bereits mehr als eine Stunde nach Mitternacht war, verlas Rückert das Urteil: »Freispruch für Peter Maaßen. Rot-Weiß Oberhausen bleibt in der Bundesliga.« Freilich setzte Rückert hinzu, daß dieses Urteil dem Gericht »großes Unbehagen« bereite.

Noch mehr Verdruß verschaffte es Ankläger Kindermann. Er forderte vom DFB-Vorstand die Zusicherung, daß gegen Maaßen ein neues und drittes Verfahren einzuleiten sei und daß alle weiteren Fälle ebenso unnachsichtig verfolgt werden müßten wie geplant.

Jetzt meldete sich ein Mann, der bislang zum Skandal geschwiegen hatte: DFB-Vizepräsident Hermann Neuberger, der als Nachfolger im Präsidentenamt für Dr. Gösmann vorgesehen ist. Er sagte Kindermann weitere Unterstützung zu: »Wenn wir das Maaßen-Urteil so stehen lassen, hat der deutsche Fußball für immer seine Glaubwürdigkeit verloren.« Überdies drängt Neuberger zur Eile, denn bis 1974, wenn in der Bundesrepublik die Weltmeisterschaft stattfindet, müsse »der Skandal längst vom Tisch sein«.

Am vergangenen Freitag beriet der DFB-Vorstand die durch Maaßens Freispruch total verworrene Skandal-Lage. Verdrossen über immer neue Korruptionsfälle blieben neuerdings die Fans den Bundesligaplätzen immer sichtbarer fern. Gegenüber der Herbstrunde dieser laufenden Saison verringerte sich die Zuschauerzahl um 1,2 Millionen -- fast die Hälfte.

Der desavouierte DFB-Ankläger Kindermann malte den Vorstandskollegen im Fußball-Bund noch schlimmere Konsequenzen aus: »Nach dem Freispruch des Herrn Maaßen nimmt uns niemand mehr ab, daß es uns echt um die Sauberkeit im deutschen Fußball zu tun ist«

Tatsächlich türmt sich vor dem DFB-Ankläger und seinem Helfer Canellas noch ein ganzer Schuttberg ungeklärter Bundesliga-Fälle auf. Mindestens die Vereine MSV Duisburg und Eintracht Frankfurt müssen um ihre Bundesligaplätze bangen. Selbst Tabellenführer Bayern München droht noch ein Verfahren. Zunächst aber stehen Schalke 04 und Hertha BSC auf Kindermanns Terminkalender.

Die Staatsanwälte Werner Kny und Hans-Georg Dieckmann in Bielefeld sowie Hellmut Koller in Darmstadt entdeckten bei der Rekonstruktion des Bundesligaskandals gleich mehrere Offizialdelikte, zu deren Verfolgung sie verpflichtet sind: Nötigung und Erpressung, falsche uneidliche Aussage und Meineid, Untreue und Betrug.

Die bedrängten Schalker weigerten sich inzwischen, vor den Bielefelder Staatsanwälten weiter auszusagen. Grund: Vertrauliche Mitteilungen hätten die Staatsanwälte an den DFB weitergeleitet.

Tatsächlich hatte Kindermann so erfahren, daß nach dem Heimspiel der Schalker gegen Arminia Bielefeld, das

* Nach der Urteilsverkündung am 7. Mai 1972.

von Schalke absichtlich 0:1 verloren worden ist, bereits 30 000 Mark zur Verteilung in der Spielerkabine von Schalke bereit lagen.

Auch Hertha BSC Berlin hatte monatelang wohl wissentlich seine Manipulationen verschwiegen. So versuchte Vizepräsident Wolfgang Holst den Fahnder Canellas zu stoppen: »Halten Sie wenigstens so lange still, bis wir genügend Punkte haben und nicht mehr absteigen können.« Dieser Zeitpunkt war im letzten April erreicht. Offen bekannten alle Spieler von Hertha -- bis auf einen -, Geld von Arminia Bielefeld für eine Niederlage erhalten zu haben.

Dieses späte Geständnis verfälschte jedoch die laufende Bundesligasaison. So droht jetzt anstelle von Hertha BSC dem am Skandal völlig unbeteiligten Klub Borussia Dortmund der Abstieg. Mehr noch: Auch nach ihrem Geständnis durften die Hertha-Spieler weiter kicken.

»Streng genommen müßten außer dem Hamburger SV alle Vereine aus der Bundesliga ausgeschlossen werden«. resümierte der Bielefelder Rechtsanwalt und Skandal-Sachverständige Dr. Karl Lamker. »Denn irgendwie waren sie alle verstrickt«

Niemand im Vorstand denkt an Rücktritt.

Doch auf dem letzten Bundestag des Fußball-Bundes in Kaiserslauterns Fruchtballe sorgten sich die 155 Delegierten ausschließlich um Verbandspflichten wie Feierabend- und Frauenfußball -- ihre faulen Früchte in der Bundesliga faßten sie nicht an.

Nur Vorsitzender Gösmann sprach das Wort zum Skandal. Er schnitt dabei auch gleich einen der wenigen Rückzugswege zum störungsfreien Spielbetrieb ab: »Es gibt keinen Gedanken an eine Generalamnestie bei uns im Vorstand.«

Aber es gibt auch keinen Gedanken an Rücktritt in diesem Vorstand. Die stets sich selbst wählenden und meist bis zum Tode präsidierenden DFB-Schranzen möchten nicht auf die Geltung und die zahlreichen Auslandsreisen verzichten, die ihnen ihre Ämter bescheren. Weder der inzwischen so desolate Zustand der Bundesliga, noch die Enthüllung ihrer eigenen Manipulationen drängen sie zum Verzicht.

Im Gegenteil: Sie behängen sich mit silbernen und goldenen Ehrennadeln und heischen nach jeder Verbands-Weihe. Weder drücken sie Schulden, noch belästigen sie Gewissensbisse. Vom Vergangenen überliefert sich für sie nur Glanz und Gloria, das Schmutzige kehren sie unter den Teppich. Ende

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