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DÄNEMARK Botschafter des Wechsels

Ausgerechnet im Land mit Europas schärfsten Ausländergesetzen avanciert ein muslimischer Abgeordneter zum Polit-Star.
aus DER SPIEGEL 22/2007

Sieht so ein dänischer Hoffnungsträger aus? Einer, der die verkrustete Parteienlandschaft zwischen Århus und Kopenhagen in Aufruhr versetzt? Der Mann ist lässig gekleidet, hat schwarze Haare und einen bronzenen Teint, der seine arabischen Wurzeln deutlich erkennen lässt. Dazu ist er, auch das noch, Muslim.

Naser Khader, 43, sitzt in einem provisorischen Büro zwischen Pappkartons, Laptops und losen Kabeln in der Kopenhagener Altstadt. »Alles war so langweilig hier, der lebendige Stillstand«, sagt er. »Ich bin sehr glücklich, dass Bewegung in die Politik gekommen ist.«

Das ist glatt untertrieben. Seit Khader vor gut zwei Wochen die Gründung seiner Partei bekanntgab, der Neuen Allianz, ist eine Debatte entbrannt wie selten in den Jahren zuvor. Eine radikale Steuerkürzung von 15 Prozent und mehr wird gefordert - und wieder verworfen, die Liberalisierung der scharfen Ausländerpolitik verlangt.

Die festgemauerten Blöcke links und rechts brechen auf, neue Mehrheiten werden geschmiedet. »Viele haben darauf gewartet, dass etwas passiert«, sagt Noa Redington von der renommierten Kopenhagener Denkfabrik »Mandag Morgen«.

Die »Copenhagen Post« spricht gar von »Schockwellen«, die der in Syrien geborene Abgeordnete ausgelöst hat, als er nach 23 Jahren seinen Abschied aus der Partei Radikale Venstre verkündete. Die Linksliberalen waren ihm zuletzt zu links.

Über 18 000 Mitglieder haben Khaders neuem Projekt per Unterschrift ihre Unterstützung signalisiert, 12 000 angeblich schon Beiträge gezahlt - in nicht einmal drei Wochen katapultierte sich die »Allianz« von null auf Platz drei unter den Traditionsparteien. Bis zu 16 Prozent der Wählerstimmen stellen ihr Umfrageinstitute in Aussicht. Schon prophezeien viele für Herbst dieses Jahres Neuwahlen, die der Regierung ein anderes Aussehen und Naser Khader mehr Macht geben dürften.

Das wäre der vorläufige Höhepunkt in der schillernden Vita jenes Mannes, der nach dem Karikaturenstreit zum populärsten Politiker des Landes aufstieg - weil er damals klug zwischen aufgebrachten Muslimen und der dänischen Regierung zu vermitteln verstand. Eines Mannes, der in den Augen vieler Älterer und Konservativer eigentlich gar kein richtiger Däne sein kann.

Zusammen mit seiner syrischen Mutter und vier Geschwistern verließ der elfjährige Khader 1974 sein Heimatdorf in der Nähe von Damaskus und folgte dem Vater, einem Palästinenser, nach Dänemark. Auf der Suche nach Arbeit hatte es den eher zufällig nach Kopenhagen verschlagen.

Von seiner neuen Heimat, von Lego und Smørrebrød, hatte der Elfjährige keinen blassen Schimmer: »Was sollte ich in Dänemark, ich habe meinen Vater dafür gehasst«, sagt Khader. »Alles hat mir gefehlt, die Freunde, die Schule, das Essen, das Wetter.« Heute ist das anders: »Heute ist er mein Held, er hat uns eine Zukunft gegeben.«

Damit ist Naser Khader das leibhaftige Symbol für die derzeit am meisten diskutierte Frage in Dänemark: Wie viele Ausländer dürfen ins Land, wie viele Einwanderer und Flüchtlinge verträgt das dänische Wohlfahrtssystem? Keine mehr, sagt die fremdenfeindliche Dänische Volkspartei, schon gar keine Muslime. Die seien »Krebsgeschwüre«, die wollten die »richtigen Dänen« nur umbringen.

Weil Premier Anders Fogh Rasmussen mit seiner Mitte-rechts-Minderheitsregierung trotzdem auf die Unterstützung der Rechtspopulisten baut, drückten die Europas wohl schärfste Ausländergesetze durch. Selbst der Europarat bescheinigte Dänemark »eine Atmosphäre der Unduldsamkeit und des Fremdenhasses«.

Khader möchte die Rechtspopulisten bekämpfen. Und selbst an die Macht - als Mitglied einer neuen Mitte-rechts-Regierung. Die Ausländerpolitik muss sich ändern, sagt er: »Unsere Grenzen müssen offen sein.« Aber er sagt auch: »Unsere Sozialkassen sollen verschlossen sein.«

Der Abgeordnete schwimmt derzeit auf einer Welle der Sympathie, in seinen Büros wimmelt es von freiwilligen jungen Helfern: Für sie ist Khader eine Art Popstar. Vor allem die besser Ausgebildeten und die Gutverdienenden, die genug haben von hohen Steuern und Dänemarks schlechtem Ruf, setzen auf den Newcomer, hat Redington herausgefunden: »Er ist für sie die Botschaft des Wechsels.«

Khader selbst gibt sich weniger revolutionär: »Wir sind keine Protest-, sondern eine Volkspartei, wir sind die erste Partei der Neuen Mitte.«

Ob er sich als arabischer Däne fühle? »Ich glaube, aber ich bin nicht religiös«, sagt der Politikwissenschaftler: »Und ich bin fanatischer Demokrat.« Dabei ist er längst dänischer als mancher Däne: mit einer blonden Frau, einem Sommerhaus auf Seeland und wehendem Danebrog, der Nationalflagge, vor der Tür.

»Aber ich kämpfe auch für meine Mutter«, betont der Politiker. Sie ist eine konservative Muslimin, geht regelmäßig in die Moschee, trägt Kopftuch, und das mitten in seinem modernen Dänemark. »Integration ist ein lebenslanger Prozess«, sagt Khader, »auch ich bin noch mittendrin.«

MANFRED ERTEL

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