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Briefe

BRAND-BRIEFE
aus DER SPIEGEL 44/1959

BRAND-BRIEFE

Mensch, SPIEGEL, hast Du Courage! Oder geht es Dir nur darum, Deine Auflageziffer für die nächste Zukunft zu reduzieren? Ich bedaure jedenfalls, das 1933 im Ausland erschienene Braunbuch nicht mehr zu besitzen und keine Vergleiche mit Deinem kommenden Artikel anstellen zu können. Das müßte sehr aufschlußreich sein. Auf jeden Fall Ich erwarte mit größter Spannung Deine nächste Nummer.

Nur eine Bitte: Auch wenn es Beleidigungsprozesse regnen sollte, bleib bei der objektiven Wahrheit.

Badenweiler EBERHARD SCHÄFER

Selten hat mich etwas so sehr überrascht wie Ihre Ankündigung, den Reichstagsbrand-Prozeß zu behandeln. Wenn Sie den diese Woche zu erwartenden Pressionen der gesamten Linkspresse, von der »Anderen Zeitung« bis zur »Süddeutschen«, widerstehen und den Artikel dennoch bringen, verzeihe ich Ihnen alles, womit Sie mich bisher ärgerten. Ich dachte mir sowieso, Sie seien endgültig nach links abgeschwommen, als Sie in überaus verdächtiger zeitlicher Übereinstimmung mit eben jenen Linken über Becher und Stain loszogen.

Für mich (Jahrgang 25) war die Sache, soweit sie mich überhaupt beschäftigte, bis 1945 klar. Hernach war ich mir nicht mehr so sicher, da das »Cui bono?« mindestens ebenso stark auf die Nazis

hinwies wie auf die Bolschewiken. Das lautstarke Geplärre aber, das die 1945er veranstalteten, um den Massenmörder Dimitroff und seine Komplicen zu wahren Unschuldslämmern zu erklären, war weiß Gott auch recht verdächtig. Noch skeptischer wurde ich, als ich in Arthur Koestlers »Die Geheimschrift« die Quelle angegeben fand, in der Dimitroff den Massenmord der KP in Sofia (1923) offen zugibt. Manchmal dachte ich auch, daß die Wahrheit vielleicht sogar in der Mitte liegen würde, daß sich also zwei Brandstifterbanden gegenseitig ins Handwerk pfuschten. Eine groteske Vorstellung! Auch eine Schrift des KPD-Kippenberger »Die Kunst des bewaffneten Aufstandes« machte mich nicht empfänglicher für die Version des Münzenberg.

Wie dem auch sei: Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie um der geschichtlichen Wahrheit willen die Nazis entlasten. Das traue ich Ihnen nicht zu. Aber der Nazi-Sündenbock hat einen zu breiten Buckel, als daß die »Fortschrittlichen« ihm nicht auch die Schönheitsfehler der anderen Seite aufladen würden. Wenn Sie diese Sache nicht mit derselben lästerlichen Schmuddeligkeit behandeln, mit der Sie in Ihrem recht sinnigen Weihnachtsartikel die Existenz Jesu bezweifelten, wird das wohl die größte Bombe, die der SPIEGEL je gelegt hat. Ich bin gespannt.

München 25 JOSEF SCHARRER

Ihre publizistische Programmgestaltung scheint immer mehr in eine Sackgasse geraten zu sein. Öffnen Sie einmal die Fenster Ihrer Redaktionen: Es riecht bedenklich nach geistigem Interregnum. Die Aktualität ist erschöpft, prophetische Versuche sind zu gefährlich; also zurück marsch-marsch zur historischen Klamottenkiste des Tausendjährigen Reiches!

Finden Sie es tatsächlich originell, auf einem Schuttabladeplatz im Mülleimer zu wühlen, dessen faulende Ingredienzien schon seit Jahren aus den Füllspalten armseliger Boulevardblätter stinken? Was haben Sie eigentlich vor? Die entmythologisierte Hybris der Hundertfünfzigprozentigen ist ein Kadaver, der wohl ab und zu unangenehme Gerüche zu verbreiten imstande ist, den ständig zu exhuminieren aber langweilig wirkt. Oder wollen Sie etwa den verdienten Märtyrern die Krone rauben? Lassen Sie die Toten ruhen, gönnen Sie den Lebenden ihre Entschädigung.

Bitte, verschonen Sie aber den deutschen Staatsbürger mit einer neuen Version, die ihn kraft seines Talents, gründlich zu sein, nur allzuleicht verleiten könnte, mit den Rekonvertiten zu kokettieren.

Dudweiler PETER MEININGER

cand. rer. oec.

Reichstagsbrand-Titel

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