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ITALIEN Brand im Bauch

Tausende von Häusern in Neapel, über Höhlen gebaut, sind einsturzbedroht. Jetzt sollen die 400 Grotten unter der bröckelnden Hafenstadt gründlich erforscht werden.
aus DER SPIEGEL 31/1979

In der Via Gradoni di Chiaia von Neapel standen zehn Frauen, ihre quengelnden Kinder am Rockzipfel, und beteten schluchzend zum Schutzpatron der Stadt: »San Gennaro, wir flehen dich an. lösch das Höhlenfeuer und schütz unsere Häuser.«

Der Heilige ließ sieh eine geraume Zeit bitten. Fast zwei Wochen lang brannten Abfälle in einer 30 Meter tiefen Grotte unter einer Schreinerwerkstatt der Via Gradoni di Chiaia. Durch einen breiten Schlund drang stinkender, bis zu 300 Grad heißer Rauch ins Freie.

Der Höhlenbrand, vor allem aber das Löschwasser, das die Feuerwehr tonnenweise in den Untergrund pumpte verursachte einen Erdrutsch: mehrere Häuser mußten wegen Einsturzgefahr geräumt 300 Bewohner über Nacht evakuiert werden. Und ein Eckpfeiler der Kirche Santa Teresella hing plötzlich über dem Abgrund.

Das Feuer unter dem »Spanischen Viertel« -- so genannt, weil dort unter dcii Königen von Aragonien spanische Truppen logierten -- -- zeigte erneut, auf welch unsicherem Boden die Stadt Neapel steht. Die 1.2-Millionen-Stadt am Vesuv steht gleichsam »auf einem riesigen Schweizer Käse« (so »L'Espresso").

In den weichen Untergrund aus Tuffstein und Puzzolanerde wurden nach Angaben einer Experten-Kommission mindestens 400 Höhlen und Grotten gegraben. Einige davon sind über 20 000 Quadratmeter groß -- etwa die Caverna delle Fontanelle, in der die Polizei herrenlos aufgefundene und gestohlene Autos deponiert.

»Il ventre«, der Bauch -- -- so nennen die Neapolitaner mit einem Ton ehrfürchtigen Schauderns dies unterirdische Labyrinth. Der Bauch hat in der Geschichte der Stadt vielfältigen Zwecken gedient.

Schon vor 2000 Jahren brachen sich die Neapolitaner Steine zum Häuserbauen aus dem Untergrund. In den so entstandenen Grotten fanden bei Fackelschein Feste statt, später flüchteten verfolgte Christen in die Höhlen. Steinbrüche, Stollen, Katakomben und Aquädukte bildeten allmählich ein riesiges Labyrinth.

Als der byzantinische Feldherr Belisar im Jahre 536 Neapel belagerte, schlichen seine Soldaten durch einen unterirdischen Aquädukt in die Stadt. Dank dieses Coups siegte Belisar. Gut 900 Jahre später wiederholte Alfons V. von Aragonien im Krieg gegen die Anjous diesen Untergrund-Trick; von ortskundigen Höhlen-Führern geleitet, gelangten seine Truppen unbemerkt ins Stadtzentrum und öffneten dem Belagerer ein Tor. Zu trauriger Berühmtheit gelangte die Grotte Sportiglioni, in die man 1656 die Leichen von 50 000 Pest-Opfern warf.

Etliche Neapolitaner erzählen ihren Kindern noch heute gern Schauermärehen über die Grotten -- über den Spuk böser Geister im »Reich der Schatten«, über teuflische Riten und Schwarze Magie. Derlei Geschichten entsprechen dem ausgeprägten Sinn der Neapolitaner fürs Geheimnisvolle und Phantastische. Andererseits boten die zum Teil sehr tiefen Stollen den Bürgern immer mal wieder auch Zuflucht. So dienten sie als Luftschutzbunker im Weltkrieg.

Mittlerweile wird das Höhlengelände vor allem von der Unterwelt genutzt. Zigarettenschmuggler, ein wichtiger Berufszweig in Napoli, verstecken dort ihre Vorräte; aus Grotten nahe dem Meer lotsen sie per Sprechfunk die Motorboote, die heiße Ware von Frachtern im Golf holen.

Als Schmugglerzentralen, versteht sich, kommen nur geologisch solide, trockene Höhlen in Frage. »Und die«, sagt ein Statiker vom städtischen Bauamt, »machen uns gar keinen Kummer.« Besorgt sind die Bodenforscher dagegen zum einen über die leicht entzündlichen Mülldepots im Untergrund, zum anderen über die vielen Erdrutsche infolge einer skrupellosen Bauspekulation.

In den 50er und 60er Jahren nämlich hatten Neapels Baulöwen unzählige Wohnblocks an den Hügeln der Stadt hochgezogen, ohne daß für ausreichende Kanalisation gesorgt worden wäre. Nach starken Regenfällen bersten viele Kanäle, das Wasser wäscht unter den Straßen und Gebäuden immer neue Hohlräume aus. Gärten und Grünflächen, die einen Teil des Regenwassers aufsaugen könnten, fielen der Bauwut zum Opfer. Folge: über 4000 Erdrutsche und zwei Dutzend Todesopfer seit 1964. Der zerrüttete, löchrige Untergrund kam nie zur Ruhe. Neapel, schrieb die kommunistische Zeitung »l'Unitá« kürzlich, leide unter einem ständigen Beben. »Jeden Tag entstehen in der Stadt über dem größten »Keller' der Welt neue Risse, jeden Tag bröckelt ein weiteres Stuck ab.«

Tausende von Häusern sind einsturzbedroht. Sie werden nur deshalb nicht geräumt, weil es die Bewohner nicht melden oder weil sie keine neue Bleibe finden. Ohnehin vegetieren in der Stadt am Vesuv etwa 15 000 Obdachlose. Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit sind denn auch die Hauptsorgen des seit 1975 regierenden KP-Bürgermeisters Maurizio Valenzi.

Viel ausrichten konnte Valenzi bisher nicht. Unter den neapolitanischen Proletariern machte sieh bereits Enttäuschung breit: Bei den Parlamentswahlen Anfang Juni verlor die KPI in Neapel gegenüber 1976 mit 80 000 Stimmen mehr als ein Viertel ihrer Wähler.

Geschockt durch die Wahlschlappe, wollen sieh die roten Kommunalverwalter jetzt energischer für die Sanierung der Stadt einsetzen. Sie fördern den sozialen Wohnungsbau, bremsen Spekulationen. In Zusammenarbeit mit dem süditalienischen Höhlenforschungszentrum bereiten sie auch eine genauere Karte. der vielen Höhlen und Trichter vor. Valenzi: »Um unsere Stadt zu retten, müssen wir erst mal wissen, was drunter ist.«

Freilich, auf Mithilfe der Bevölkerung können die Höhlenforscher bei ihren Studien kaum zählen. Denn viele Neapolitaner wollen niemandem verraten, daß etwa aus ihrer Wohnküche eine geheime Stiege oder ein Schacht hinab in die Tiefe führt. Ein Bauingenieur nennt den Grund: »Die haben Angst, daß man ihre Bude für baufällig erklärt und sie dann auf die Straße gesetzt werden.«

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