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Briefe

Brandts Petitessen
aus DER SPIEGEL 45/1976

Brandts Petitessen

(Nr. 43/1976, Panorama: »Wortschöpfer« Brandt nach der Wahl: »Jetzt geht es nicht um Petitessen!« -- Nr. 44/1976, Briefe: Großer Respekt)

Vor zweihundert Jahren warnte der deutsche Denker Immanuel Kant: »Neue Wörter zu schmieden, ist eine Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt«. Das französische Wort petitesse bezeichnet die Kleinheit des Wuchses, um deretwillen grazile Frauen nach Schopenhauer von großwüchsigen Männern geschätzt werden. Auf Männer übertragen drückt das Wort Bedeutungslosigkeit oder zumindest einen Mangel an Format aus. Die Eindeutschung »Petitessen« (Plural!) ist demnach eine barbarische Fehlbildung. Willy Brandt meinte Kleckereien, die auf französisch futilités (eingedeutscht: Futilitäten) heißen.

Kalletal (Nrdrh.-Westf.) E. G. KRÄMER

Die Etymologie des Brandt-Wortes »Petitesse« ist erklärbar, sie scheint für den Autor des Artikels allerdings nur eine »petitesse« gewesen zu sein, denn der Blick in eines der französischen Wörterbücher hätte ihn über alle Nuancen der Semantik aufgeklärt. Laut »Dictionnaire du Francais Contemporain (DFC)« ist petitesse

* modicité Bescheidenheit (caractere de ce qui est petit), étroitesse = etwa Engheit, auch Engstirnigkeit,

* mesquinerie = petitesse (manque de générosité, attitude d'esprit bas, sans noblesse).

Als Beispielssatz führt der DFC an: »Toutes ces petitesses répétées chaque jour l"ecoeuraient«, frei übersetzt etwa: Diese täglich wiederkehrenden Kleinigkeiten entnervten ihn. N'est-ce pas vrai?

Rennest( Frankreich) WOLFGANG OTTO HUGO

Im Französischen gibt es »ja petitesse« seit je, und zwar unter anderem in eben der Bedeutung, in der Willy Brandt sie verwendet hat: Kleinigkeit, Geringfügigkeit, Unerheblichkeit. Aber nicht einmal für die Übernahme ins Deutsche ist der SPD-Vorsitzende verantwortlich. Der Gebrauch des Wortes in unserer Sprache wird vielmehr schon in einem Buch von 1727 bezeugt: Sperander (= F. Gladow), »A la Mode-Sprach der Teutschen«. Auch zeigt ein Blick in Wörterbücher des vorigen Jahrhunderts (zum Beispiel das »Vollständige Fremd- und Sach-Wörterbuch« von Favreau und das »Allgemeine Fremdwörterbuch« von Looff), daß es sich bei der gefeierten »Wortschöpfung« allenfalls um eine Auferweckung handeln kann.

Wiesbaden HELMUT WALTHER

Gesellschaft für deutsche Sprache

Manchmal habe ich mich über Passus in Brandt-Reden gewundert, jetzt nicht mehr; der eine Redenschreiber sagt »Stegreif«, der andere sekundiert (?) mit »ad hoc«. Ob nun spontan oder ad hoc (das heißt: eigens, zu diesem Zweck), das Wort, auf das es ankommt, ist so neu nicht, wie Sie aus der Anlage ersehen werden.

Stadt Allendorf (Hessen) GEORG WOLF

Man tritt Willy Brandt mit seiner sprachschöpferischen Begabung wohl nicht zu nahe, wenn man feststellt, daß das von ihm verwendete Wort »petitesse« kein »spontaner Einfall« und keine »ad-hoc-Arabeske« und auch »kein neues Brandt-Wort« war, wie Dr. Herbert Kremp meint, es sei denn, man wolle damit sagen, daß er es in seinem Wortschatz zum erstenmal verwendet hat. Wahrscheinlich ist das Wort Willy Brandt irgendwo begegnet (etwa als Antithese zu »grandeur") und er hat es dann bei passender Gelegenheit verwendet.

Burgdorf (Nieders.) BERTHOLD FRICKE

Das Wort Petitesse ist in der französischen Literatur erstens als im XII. Jahrhundert bei Benoit de Sainte-Maure nachzuweisen (als petitece). Seit Menschengedenken nimmt es im Petit Larousse Illustré seinen Platz mit der Erklärung ein: »Etat de ce qui a peu d'étendue, peu de volume«. Dort angeführtes Beispiel: »petitesse d'esprit.«

Hamburg DR. HERBERT FRITZE

Der SPIEGEL berichtet, daß Willy Brandt am 3. Oktober das Wort »petitessen« erfunden hat. Dies ist nicht richtig. Richtig ist, daß er das Wort vom Norwegischen kennt. Siehe beigelegtes Photostat von Norsk riksmalsordbok (Oslo 1937-57).

Oslo JAN HENDRICH LEXOW Stavanger Museum/Kulturhistorisk avdeling

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