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COMICS Brappel, schranz

Der Comic wird Wirklichkeit: ein Rennen zwischen Werners Motorrad Horex und Holgis rotem Porsche. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Die Idee entstand in einer Kieler Kneipe, nach einem kräftigen Schluck »Bölkstoff«, wie Werner und seine Freunde ihr Lieblingsgetränk »Flasch-Bier« bisweilen nennen.

Sein Porsche 911 S, behauptete Wirt Holgi, sei »das schnellste Auto überhaupt«. Zwar sei die Sportkarosse, Baujahr 1967, etwas betagt. Aber nach einer Grundüberholung, Getriebe raus, Vergaser einstellen, gehe der Renner »ab wie Sau«.

»Da lach' ich doch über«, konterten Werner und Konsorten in nordlichterndem Dialektgemisch, »deinen Salzstreuer verblasen wir doch allemal! Mit Standgas ohne Rückenwind!« Der Motorrad-Freak schlug sogleich ein Rennen vor: »Dich leder' ich doch mit der Horex ab, Macker!«

»Mit der Horex! Mein' Porsche? Du willst mein' Porsche abhängen?« amüsierte sich Holgi, »ihr mit euerm Vorkriegsschrott!« Darauf Werner: »Garage auf! Zwei Meter rückwärts, mehr hat deine Ölschleuder doch in den letzten vier Jahr'n nich erlebt! Die Kiste kricht doch'n Schock, wenn du sie vom Hof schiebst!«

Fast 500000 Leser kennen inzwischen die Geschichte von Werner, der zur Lieblingsfigur der deutschen Comic-Szene wurde. Der Strip über das Rennen zwischen Horex und Porsche ist einer realen Schnaps-Idee des Kieler Karikaturisten »Brösel«, bürgerlich: Rötger Werner Feldmann, 37, und seines Freundes Holger Henze, Porschefahrer und Besitzer der Kneipe »Club 68«, entsprungen.

Hunderte von Fans fragten, nachdem die Geschichte vor zwei Jahren im Comic »Werner, eiskalt!« veröffentlicht wurde, per Brief, Telephon und Telegramm an, wann denn die große Sause steige. Motorradklubs aus Bayern, selbst Entwicklungshelfer aus Kamerun meldeten sich vorsorglich an.

Jetzt dürfen sie allmählich ihre Koffer packen. Denn noch im Herbst soll die spleenige Idee Wirklichkeit werden.

Auf einem Teilstück der fertiggestellten, aber noch nicht für den Verkehr freigegebenen Bundesautobahn Kiel-Rendsburg will Brösel auf seinem »Red Porsche-Killer«, einem abenteuerlich aufgemotzten Motorrad mit vier Motoren hintereinander und eigens konstruiertem Fahrgestell, gegen Holgis roten Renn-Oldie antreten.

An die 100000 Zuschauer und Rock-Stars wie die Kölner Band »BAP« oder »Schröder's Road Show« werden vom Organisator, Brösels »Semmel-Verlach«, auf Wiesen und Weiden nahe der Autobahn erwartet. Eine Million Mark ist bislang für das »kulturelle Jahrhundertereignis« (der Kieler SPD Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel) im platten Norden veranschlagt, dessen Höhepunkt das Drei-Minuten-Rennen Horex gegen Porsche sein soll.

Der »Vertrach« zwischen den Kontrahenten, auf einem Kneipenblock besiegelt, sieht »100 Kisten Flensburger« für den Sieger vor, und: »Der Verlierer wird mit Katzenscheisse beworfen.« Die amtliche Genehmigung, so hoffen Fans und Veranstalter, wird demnächst von höchster Stelle erteilt. CDU Ministerpräsident Uwe Barschel jedenfalls will die Brösel-Fans nicht enttäuschen: »Wir sollten keine Spielverderber sein.«

Mit dem Spektakel erreicht der Kult um die Kieler Comic-Figur einen neuen Höhepunkt. Rund 1,6millionenmal verkauften sich Werners Blödeleien, seit der Typ mit Gurkennase, Raffzähnen und losem Maul im Frühjahr 1981, Auflage 10000 Exemplare, zum ersten Mal auf den Markt kam - »Werner, alles klar?«

Seit sich Brösel alias Feldmann 23000 Mark für den Start zusammengeschnorrt hat, juxt und kalauert sich die Strip-Figur mit Albernheiten aus der »Rubrik flacher Witz«, wie Feldmann selbst kokettiert, nordisch breit und niederdeutsch platt durch inzwischen vier Bücher. »Tauchergruß im Hallenbad: All'ns chlor?«

»Werner, eiskalt!«, viertes von Brösels Faxen-Bändchen, blieb 28 Wochen lang in den Bestseller Listen unter den zehn meistverkauften Büchern. Zu einer Werner Ausstellung in Berlin drängelten

sich letzten Herbst schon zur Eröffnung über 2000 Menschen. Und die 100000 Exemplare des neuen Buchs ("Werner, normal ja!"), Erstverkaufstag 30. Mai, sind schon jetzt vergriffen. Die zweiten Hunderttausend gehen nach Meinung des Verlages auch noch vorher weg.

Das Erfolgsrezept von Werner-Erfinder Feldmann ist einfach. Auf einem Kneipenblock, den er meist zur Hand hat, notiert Feldmann spontan Geschichten, »die der Alltag hervorbringt«. Es ist sein Alltag, den sich Feldmann in den letzten Jahren mit Motorradbasteln, beim Jobben auf dem Bau und, vor allem, mit Freunden und Zechkumpanen in der Kneipe vertrieb, wo nach Kräften »abgepumpt« wurde.

Werner ist es dann, der auf einem Motorrad zum TÜV »schraddelt« und feststellt, daß der »Inschinör null Scheckung« hat, der auf seiner »Schüssel«, »brappel, schranz«, durchs Dorf kachelt und »Ärger mit die Bullerei kricht«.

In groben Strichen tuscht Feldmann-Brösel den Firlefanz aufs Papier, schmückt den Stoff aus, überdreht und walzt ihn zu Plattheiten, die längst nicht mehr nur im norddeutschen Milieu ankommen. »Da leckt Öl raus!« meckert ein Polizist über Werners Maschine. »Das muß so sein!« antwortet der, »weil das'n Auslaufmodell is Mann!«

»Das erste Buch war Spaß«, sagt Feldmann heute, und auch noch das zweite. Seit dem dritten aber sei »Werner« schon »ein bißchen harte Arbeit« geworden, vor allem wohl wegen der hohen Erwartungen seiner Comic-Gemeinde.

Die ist, nach dem Strip über das hochmotorisierte Rennen, besonders groß. Über 1000 Stunden hat denn auch Brösel-Freund »Ölfuß«, der zivil Wolfgang Ußleber heißt, bereits, wie im Comic, an der Horex rumgebröselt. Die soll schließlich »geil abgehn, Alder« - mit 180 PS und 270 Spitze, geschätzt freilich.

Holgi Henzes Porsche mag zwar zuletzt nur zwei Meter rückwärts gerollt sein. Werners »Porsche-Killer« jedoch stand bislang nur schlapp und schnieke auf dem Hof herum. Gefahren ist die Maschine noch keinen Meter.

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