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VW-AFFÄRE Braune Tüten

Der ehemalige VW-Chefdevisenhändler wurde verhaftet - er soll dicke Bündel Geld von dem gesuchten Makler Joachim Schmidt erhalten haben. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Nach der ersten Vernehmung sah für Burkhard ("Bobby") Junger alles recht gut aus. Der ehemalige Chefdevisenhändler des Volkswagenkonzerns bekam seinen Reisepaß wieder und fühlte sich sogar stark genug, seinen früheren Arbeitgeber wegen fristloser Kündigung zu verklagen.

Das war Mitte März. Doch inzwischen sehen die Staatsanwälte und die Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA), die den Devisenschwindel zu Lasten der Volkswagen AG aufklären sollen, wohl etwas klarer. Am ersten Aprilsonntag erschienen acht Fahnder in Jungers Wolfenbütteler Bungalow und nahmen den Devisenhändler fest. Laut Haftbefehl besteht dringender Verdacht der Untreue und Fluchtgefahr.

Am Freitag zuvor nämlich hatten Staatsanwälte und BKA-Leute einen wichtigen Zeugen gefunden. Eine ehemalige Sekretärin bestätigte vor dem Staatsanwalt, was der SPIEGEL am 23. März berichtet hatte: Der Frankfurter Devisenmakler Joachim Schmidt, seit Wochen verschwunden, pflegte beste Beziehungen zum VW-Chefdevisenhändler.

Schmidt dürfte nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen einer der Männer sein, die VW um fast eine halbe Milliarde Mark geschädigt haben (SPIEGEL 13/1987). Und VW-Devisenhändler Junger hat, so die Aussage der Zeugin, von Schmidt viel Geld bekommen.

Die ehemalige Sekretärin war selbst in einem Falle Geldbotin. Es war am Mittwoch, den 13. März 1985. Am Tag zuvor hatte Schmidt das Geld fernschriftlich mit dem Kodewort »Voulion« bei dem Genfer Finanzinstitut Credit des Bergues - in kuweitischem Besitz - angefordert. Es sollte bei der Hauptstelle der Deutschen Bank in Frankfurt bar ausgezahlt werden. Anschließend, so war vereinbart, sollte die Sekretärin mit dem Auto nach Braunschweig fahren und das Geld Bobby Junger im Intercity-Restaurant des Hauptbahnhofs übergeben.

Gegen elf Uhr an diesem Mittwochmorgen fuhren die Sekretärin und Baron Alexander ("Sascha") von Kemnitz, Freund und persönlicher Vertrauter von Schmidt, mit einem roten Audi 80 quattro der Firma Schmidt + Partner zur Deutschen Bank in der Junghofstraße. Während von Kemnitz das Geld abholte, mußte die Sekretärin mehrmals um den Block fahren, da kein Parkplatz zu finden war.

Wieder zurück im Auto, zog der Baron, so die Schilderung der Sekretärin gegenüber den Ermittlungsbehörden ein »rund zehn Zentimeter dickes Bündel 500- oder 1000-Mark-Scheine« aus der Tasche. Von Kemnitz teilte das Bündel - etwa 400000 Mark - auf vier braune DlN-A4-Tüten auf, die er mit einem Hefter verschloß.

Die Sekretärin fuhr über Bonn nach Braunschweig. Der Umweg über die Bundeshauptstadt war notwendig, weil Schmidt am nächsten Tag mit der Mittagsmaschine der Aeroflot nach Moskau wollte. Die Mitarbeiterin sollte für ihn und einen Begleiter bei der sowjetischen Botschaft in Bonn die erforderlichen Visa besorgen.

Die Visa-Abteilung der Botschaft war bereits geschlossen, so fuhr die Geldbotin direkt nach Braunschweig weiter. Unterwegs hielt sie mehrmals auf Rastplätzen und meldete sich bei ihrem Arbeitgeber, um ihren Standort durchzugeben.

Von einem öffentlichen Fernsprecher in Braunschweig rief sie dann schließlich Bobby Junger zu Hause in Wolfenbüttel an. Junger hatte auf den Anruf offensichtlich schon gewartet und wollte sofort kommen. Danach teilte die Sekretärin ihrem Chef in Frankfurt mit, sie sei in Braunschweig angekommen und habe gerade mit Junger telephoniert. Die Übergabe finde gleich statt.

Etwa 20 Minuten später traf Junger in dem Bahnhofsrestaurant ein. Die Sekretärin übergab die vier Umschläge, der VW-Mann legte sie ohne Kommentar zur Seite. Junger wußte ganz offensichtlich, was sich in den Tüten befand.

Bei einer Tasse Kaffee, so die Zeugin in ihrer Aussage, unterhielten sich die beiden noch fast eine Stunde über gemeinsame Bekannte und die Arbeit bei Schmidt. Anschließend geleitete Junger die Geldbotin in seinem Audi zur nächsten Autobahnauffahrt nach Frankfurt.

Die Geschichte der ehemaligen Schmidt-Sekretärin erschien den Braunschweiger Staatsanwälten - wie die prompte Festnahme Jungers zeigt - durchweg glaubwürdig. Inzwischen konzentrieren sich die Fahnder auf den zweiten Hauptverdächtigen, Devisenmakler Schmidt, der vermutlich im Ausland ist.

In Bankenkreisen wird damit gerechnet, daß die VW-Affäre sich weiter ausweitet. Frankfurter Devisenhändler sind nervös geworden: Wenn Schmidt gefaßt wird, so fürchten viele, könnte er auspacken und noch so manchen ehemaligen Geschäftspartner belasten.

Es gebe eine »Viezahl von Spuren«, sagt auch Oberstaatsanwalt Carl Hermann Retemeyer in Braunschweig. »Wir haben wahrscheinlich noch nicht einmal alle im Visier, die in Betracht kommen.«

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