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SOWJET-UNION Brauner Schmutz

Das Attentat in München, die Wehrsportgruppe Hoffmann, rechtsradikale Aktionen gegen Ausländer - in Moskau summiert sich das zu einem neuen Ansturm von Neonazis.
aus DER SPIEGEL 49/1980

Der Faschismus erhebt wieder sein Haupt«, warnte Oberst A. Markow im »Roten Stern«, der Zeitung der Sowjetarmee -- und er wußte auch, woran das liegt: »Die Zunahme neofaschistischer Aktivitäten in vielen westlichen Ländern hängt eng mit der Verstärkung der allgemeinen Krise des Kapitalismus zusammen.«

Aber auch »die militärische Hysterie, die von der US-Administration und den Regierungen einiger Nato-Mitglieder entfesselt wird, ihr Abgehen von Prinzipien der Entspannung, der Kurs auf die Wiederbelebung des 'Kalten Krieges' -- alles das ermuntert die Neofaschisten aller Couleurs«.

Moskaus außenpolitisches Sprachrohr, die in zehn Weltsprachen erscheinende »Neue Zeit«, ortete den »Nährboden« für Neonazismus und faschistischen Terror speziell in dem »allgemeinen Rechtsdrall, der antikommunistischen Hysterie, der Verfolgung der Kommunisten und anderer Demokraten durch Berufsverbote, dem forcierten Wettrüsten, dem arbeiterfeindlichen Krisenmanagement und dem Kesseltreiben auf die Ausländer«.

Das Beschwören neonazistischer oder faschistischer Gefahren ist für die sowjetische Propaganda ein erprobtes Ritual. Filme aus dem Kampf gegen den Faschismus stellen immer noch die nahezu allabendliche Unterhaltung in mindestens einem Programm des Fernsehens.

Daß Deutsche nun einmal Faschisten sind, wurde auch auf dem Höhepunkt der Entspannungsbemühungen zwischen Bonn und Moskau weiter an den sowjetischen Schulen gelehrt. Russische Schüler, die vor offiziellen deutschen Besuchern Verse und Lieder produzierten, wurden, kaum, daß die Tür wieder geschlossen war, vom Lehrer ermahnt, nie zu vergessen, daß die Gäste zu den Faschisten zählten.

Derzeit haben die vielpublizierten Aktivitäten der Wehrsportgruppe Hoffmann -- ein DDR-Film über die Neonazi-Truppe ist Dauerhit auf Moskauer Fernsehkanälen --, das Attentat in München, Anschläge auf Ausländer und Berichte darüber in deutschen Medien zu einer ungewöhnlich massiven Neonazi-Welle in der Sowjet-Berichterstattung geführt, bei der praktisch alle Blätter mitmachen.

Sie sehen Nazis allenthalben auf dem Vormarsch. In einem siebenspaltigen Artikel ihres Bonner Korrespondenten meldete etwa die Regierungszeitung »Iswestija": »Der braune Schmutz kroch in der letzten Zeit aus allen Löchern ... Zwar ist es in der BRD verboten, Spielzeuge mit faschistischen Symbolen zu produzieren -- aber man führt sie aus Japan ein. Nicht nur Symbole S.154 des Dritten Reiches, auch die Namen und Ideen werden rehabilitiert. Reaktionäre Kräfte rechtfertigen nicht nur die finsterste Periode der deutschen Geschichte, sondern Hitler selbst. Der SPIEGEL veröffentlichte mehrere Wochen lang Auszüge aus dem Buch 'Adolf Hitler. Monologe 1941--1944'.«

Die »Neue Zeit« will »nicht vergessen« lassen, daß »am 5. Oktober 67 798 Stimmen für die offen neonazistische NPD abgegeben wurden«, und beklagt die Opfer rechtsradikalen Terrors in einem Hamburger Ausländerwohnheim -- freilich ohne ihre Identität zu enthüllen, denn sonst müßte sie erklären, weshalb Flüchtlinge aus dem kommunistischen Vietnam gerade im neonaziverseuchten Deutschland Asyl suchen.

In »Sowjetskaja Rossija« mahnte Ernst Genri zum 35. Jahrestag des Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesses, daß »die hitlers, kaltenbrunners, görings, goebbels, von schirachs, schachts, von papens die Bühne nicht verlassen haben: Sie zeigen nur andere Gesichter, andere Namen«.

Genri gilt als Experte für NS-Sachen: Er hatte 1939 den Hitler-Stalin-Pakt hoch gepriesen und war dann, als es nicht mehr opportun war, für anderthalb Jahrzehnte in Lagern verschwunden gewesen.

Die »Literaturzeitung« wiederum forschte in bundesdeutschen Schulbüchern nach Nazi-Relikten -- und wurde fündig: Im Lehrbuch »Menschen in ihrer Zeit« fand sie »eine Rechtfertigung des Überfalls Nazideutschlands auf die Sowjet-Union durch Goebbels«. Im WDR vernahm der Autor aus einem Schulaufsatz folgende Beschreibung seiner Landsleute: »Die Russen sind böse, mürrische Menschen, finstere minderwertige Subjekte mit schwarzen Bärten.«

Für die Zeitung sind das Folgen einer »sogenannten Verordnung über die 'Ostkunde' vom 13. Dezember 1956«, die solche Sicht des Ostens für nötig halte, um »eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem System, das sie (diese Völker) gegenwärtig beherrscht«, zu führen.

Bei deutschen Diplomaten wäre diese Palette von NS-Geschichten wohl abgelegt worden, hätte es da nicht noch einen Kommentar des Bonner »Prawda«-Korrespondenten Vladimir Michailow gegeben.

Der sah im deutschen Fernsehen »Karten von Polen, auf denen die Städte deutsche Namen haben, so wie sie auf den Karten der Offiziere der Hitler-Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg standen«. Und der machte dort, wo die bundesdeutsche Rechte vornehmlich linke Spinner oder Systemveränderer am Werk sieht -- in bundesdeutschen Radio- und Fernsehanstalten --, eine Revanchisten- und Neonazi-Mafia aus.

»Die leitenden Posten, die Vertreter der revanchistischen Organisationen in S.155 der Verwaltung des Fernseh- und Rundfunknetzes der BRD besetzen, ermöglichen es ihnen, die Richtlinien zu kontrollieren und auch Erstellung und Inhalt einzelner Programme unmittelbar zu beeinflussen. Progressive Journalisten werden entfernt, Programme über Gefahren des Militarismus und Revanchismus gestrichen.«

Dann fragte der Mann von der »Prawda": »Entsprechen solche Ideen, die von Revanchisten über die Informationsmedien der BRD propagiert werden, den internationalen Verpflichtungen dieses Landes, die sich aus den sogenannten 'Ostverträgen' ergeben?«

Nach seinem Urteil nicht, denn: »Das Informationssystem muß der Annäherung der Völker im Geist der Schlußakte von Helsinki dienen und darf keine Waffe der psychologischen Vorbereitung zur Einmischung in innere Angelegenheiten der sozialistischen Länder, zur Unterminierung der Entspannung sein.«

Den Vorwurf einer Vertragsverletzung ließ die Bundesregierung nicht auf sich beruhen. Das AA und Bonns Botschafter in Moskau fragten bei den Russen nach, ob dies als offizielle Sowjet-Meinung zu gelten habe.

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