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MOSKAU-FLUG Brausender Beifall

In Moskau kam ein Sportpilot, der wie der Kreml-Flieger Mathias Rust sowjetischen Luftraum verletzt hatte, mit ungewöhnlich milder Strate davon - in der Stalin-Ära. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Es ging auf Abend zu, als der Pilot, aus Skandinavien kommend, sein Sportflugzeug auf russischen Boden setzte. Nach der Landung auf einem Acker beim Dorf Gluchowo, rund 300 Kilometer nordwestlich von Moskau, entbot der Flieger, der ohne Genehmigung den sowjetischen Luftraum durchquert hatte, den herbeilaufenden Kolchosbauern auf russisch einen freundlichen guten Tag und ließ sich zum Dorfsowjet bringen.

Dem erklärte der britische Erdölingenieur Bryan Montague Grover, der mit seinem Maschinchen vom englischen Brooksborn über Amsterdam, Bremen, Hamburg und Stockholm in Stalins Sowjetreich geflogen war, den Grund für die ungewöhnliche Expedition. Der Grund hieß Jelena Petrowna Grolius und war eine Apothekerin aus Grosny am Kaukasus. Sie gedenke er, so Grover, auf diesem Wege heimzuführen.

Ohne Umschweife räumte Grover ein, sein Nonstop-Flug Stockholm-Gluchowo sei ungesetzlich, er kenne die Rechtslage genau, obendrein besitze er kein Visum. Dieser Einleitung ließ er ein zweites Geständnis folgen: »Ich will und kann ohne die Frau, die ich schon seit langem liebe, nicht mehr leben.«

Am folgenden Tag, dem 14. November 1938, wurde Grover, damals 37 Jahre alt, nach Moskau gebracht und in Untersuchungshaft gesteckt. Auch die Nazis nahmen im »Völkischen Beobachter« von dem Ereignis Notiz und kolportierten, wie die britische »Daily Mail«, der verliebte Ingenieur habe seine Frau retten wollen, die von der Stalinschen Geheimpolizei gefangengehalten werde.

Doch die angeblich gefangene Pharmazeutin durfte, so berichtete später der sowjetische Untersuchungsrichter und Literat Lew Schejnin ("Schatten der Vergangenheit«, Militärverlag der DDR, Berlin 1959), ihren Liebhaber sofort in der Zelle besuchen. Und auch sonst ging das Stalin-Regime mit dem ersten Luftraum-Verletzer milde um.

Grover verbrachte, anders als Jungpilot Mathias Rust, nur sechs Wochen in Untersuchungshaft. Rust mußte, nach seiner Landung auf dem Roten Platz Ende Mai, drei Monate auf den Prozeß warten, der am Mittwoch dieser Woche in Moskau beginnt.

Der 19jährige Rust, dessen Tatmotiv bisher weitgehend ungeklärt ist, hat sich zudem an höchster Stelle zu verantworten - vor dem Obersten Gericht der Sowjet-Union. Prozesse gegen andere Ausländer wurden bisher meist von Obersten Gerichten einzelner Sowjetrepubliken oder vom Moskauer Stadtgericht verhandelt. Rust ist wegen Verletzung des sowjetischen Luftraums. Verstoßes gegen internationale Luftfahrtregeln und der Gefährdung von Personen angeklagt - Höchststrafe: zehn Jahre Freiheitsentzug. Eine Berufung gegen das Urteil des Obersten Gerichts ist nicht möglich, allenfalls eine Aufsichtsbeschwerde, über deren Zulässigkeit aber wiederum die Vollversammlung der Ober-Richter selbst entscheidet.

Daß der Flieger-Freak vor das Oberste Gericht muß, wird in Moskau politisch und juristisch begründet. Walentin Falin, Berater von KPdSU-Chef Michail Gorbatschow, erklärte vorige Woche, »wenn der Prozeß durch alle Instanzen ginge, könnte er monatelang dauern. Das wäre nicht im Interesse von Rust und nicht im Interesse der Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten«.

Das sowjetische Außenministerium argumentiert, Rust habe bei seinem Flug von Helsinki nach Moskau die Gesetze mehrerer Sowjet-Republiken verletzt, deshalb müsse der Fall zentral vor dem Obersten Gericht verhandelt werden.

Auch Rust-Vorläufer Grover wurde nach ähnlichen Paragraphen der Verletzung des sowjetischen Hoheitsgebietes angeklagt. Doch der fliegende Romeo mußte nur vor dem Moskauer Stadtgericht erscheinen, das mit einem Vorsitzenden Richter und zwei Arbeiterinnen als Schöffen besetzt war.

Grover hatte seine Jelena in Grosny kennengelernt, wo der Ingenieur, der zu Hause ohne Anstellung geblieben war, Anfang der dreißiger Jahre als ausländischer Spezialist arbeitete. Er begann sein Russisch zu verbessern und gab Jelena, die schon ein wenig Englisch konnte, so lange Sprachunterricht, bis der besorgte Vater des Mädchens im Familienkreis mißtrauisch bemerkte: »Dieser Langbeinige geht gar zu oft mit unserer Tochter abends spazieren.«

Wenig später wurde Grover nach Moskau versetzt, Jelena kam mit. Doch 1934 mußte der Brite zurück in die Heimat dort verging er offenbar vor Sehnsucht. Im Londoner Fliegerclub büffelte er für den Pilotenschein und kaufte sich vom Ersparten ein gebrauchtes Sportflugzeug. Am 3. November 1938 startete er zu seinem tollkühnen Unternehmen, die britische Presse widmete ihm überschwengliche Schlagzeilen: »Die romantischste Tat des zwanzigsten Jahrhunderts. »

Auch das Moskauer Stadtgericht ließ sich von so viel Herzschmerz beeindrucken. Seinen Richtern trug Grover ein hymnisches Schlußwort vor, »weil ich Ihr Land, Ihr Volk liebgewonnen habe wie meine Jelena«. Er habe »mit Russen gearbeitet«, und in »dem Ozean ihrer riesigen Arbeit ist auch ein kleines Tröpfchen von meiner Arbeit enthalten«. Grover: »Es ist für mich eine Ehre, mich mit diesem Volk zu verschwägern. »

Die Verhandlung hatte drei Stunden gedauert, im Saal saßen nach Schejnins Schilderung »Diplomaten und Damen, korrekte Attaches sowie englische und amerikanische Berichterstatter«, und »vor der Auffahrt des Stadtgerichts glitzerten Diplomatenwagen: Rolls-Royces und Buicks«. Das Gericht sprach den Angeklagten schuldig, wollte aber nicht an seinen Motiven vorbeigehen: Die »Sehnsucht nach der geliebten Frau« verdiene »Achtung«.

Grover damals ebenso wie Rust heute von zehn Jahren Freiheitsentzug bedroht, wurde am 31. Dezember 1938 zu einer »Geldstrafe in Höhe von 1500 Rubel oder zu einem Monat Gefängnis« verurteilt. Die Zuschauer, so Schejnin, quittierten den Richterspruch mit »brausendem Beifall«.

Der Pilot aus Liebe zahlte und durfte mit seiner Angebeteten nach England ausreisen. Bei seiner Ankunft in London erklärte er, das Gerichtsverfahren habe »den Geist vollen Vertrauens und der Gerechtigkeit« getragen. Und der »Daily Telegraph« bescheinigte ausgerechnet der blutigen Stalin-Justiz: »Die Sowjetmacht kann sehr menschlich sein.« _(Am 28. Mai auf dem Roten Platz. )

Am 28. Mai auf dem Roten Platz.

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