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GEHEIMDIENST Braver Mann

aus DER SPIEGEL 35/1967

Im Gästehaus der Philosophischen Fakultät an der Frankfurter Gräfstraße schellte es. Zwei unauffällig gekleidete Herren suchten den Stipendiaten Wladimir N. Krascheninnikow, 39, aus Moskau auf, um ihm kollegialen Rat zu geben.

Acht Wochen später, am Dienstag letzter Woche, sprach der Gesandte Kudrjawzew von der Sowjetischen Botschaft in Rolandseck bei Ministerialdirektor Hans Hellmuth Ruete im Bonner Auswärtigen Amt vor, um gegen die »provokatorische Handlung« der beiden Herren zu protestieren.

Der Sowjetdiplomat beschwerte sich darüber, daß »Agenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz in enger Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Geheimdienst« versucht hätten, Krascheninnikow durch »Erpressung und Drohungen« zu zwingen, »den Weg des Verrats an seiner Heimat zu betreten«.

Der Russe drohte mit ernsten Folgen für den wissenschaftlich-technischen Austausch zwischen der UdSSR und der Bundesrepublik und ließ zwei Stunden nach seiner Vorsprache bei Ruete eine Gruppe Bonner Journalisten durch einen Botschaftssprecher über den Fall informieren.

Das Bonner Innenministerium, zuständig für den Staatsschutz, konterte: Krascheninnikow habe Anfang der fünfziger Jahre als sowjetischer Geheimdienstmann in der DDR unter dem Decknamen Gurow gegen die Bundesrepublik gearbeitet.

Die Staatsschützer waren dem am 19. April als Austausch-Wissenschaftler in die Bundesrepublik eingereisten Russen bei der üblichen Überwachung auf die Spur gekommen.

Ein V-Mann des Kölner »Bundesamtes für Verfassungsschutz hatte in Krascheninnikow jenen Mann wiedererkannt, der vor über zwölf Jahren -- als Angehöriger der Sowjetbotschaft in Ost-Berlin -- versucht hatte, ihn als Agenten gegen die Bundesrepublik anzuwerben.

Die Geheimrecherchen ergaben weiter, daß Krascheninnikow schon einmal in der Bundesrepublik war: 1956 bis 1958 als dritter Sekretär der Sowjetischen Botschaft.

Die Abwehrleute beschlossen, dem nun als Gast der Frankfurter Universität die »Gewerkschaftsbewegung in der Bundesrepublik« erforschenden Wissenschaftler eine Warnung zukommen zu lassen.

Die beiden Männer, die sich Krascheninnikow am 19. Juni unter den Decknamen Eberhard Heinz und Richard Jürgen vorstellten, bedeuteten ihm in »freundschaftlichem Ton«, daß es jemanden gebe, der sehr viel über ihn wisse. Es könnte Ärger geben, wenn er versuchen sollte, sein dreimonatiges Stipendium an der Goethe-Universität zu nachrichtendienstlicher Tätigkeit zu nutzen.

Aus der Warnung und dem, was die beiden Besucher ihm bei dieser und späteren Begegnungen sonst noch sagten, schloß Krascheninnikow, daß er für westliche Geheimdienste gewonnen werden sollte.

Zunächst glaubte er, den Versuchungen allein widerstehen zu können. Erst als ihm am 3. Juli ein amerikanischer Agent, »ein gewisser George Bliss«, vorschlug, doch für die Amerikaner zu arbeiten, wenn er es nicht für die Westdeutschen tun wolle, hielt Krascheninnikow für ratsam, die Sowjetische Botschaft in Rolandseck zu informieren.

Botschafter Zarapkin kabelte sogleich detaillierten Bericht nach Moskau.

Im sowjetischen Außenministerium blieb man gelassen. Die 3. Europa-Abteilung -- aus der Krascheninnikow Anfang der sechziger Jahre als erster Sekretär ausgeschieden war, um an der Moskauer Universität wissenschaftlich zu arbeiten -- hielt diplomatische Aktion nicht für nötig.

Vier Wochen später jedoch entschieden die Kreml-Bosse, daß der Fall Anlaß sein sollte, die neuerlichen Bonner Hoffnungen auf Entspannungsgespräche mit den Sowjets zu dämpfen. Ihre Weisung nach Bonn: Es wird protestiert. Krascheninnikow war inzwischen (am 19. Juli) nach Beendigung seiner vorgesehenen Studien in der Bundesrepublik per Flugzeug heimgekehrt.

Nach Erhalt der Kreml-Order machte sich Kudrjawzew auf den Weg ins Bonner AA. Protest-Empfänger Ruete versprach Prüfung und Antwort.

Krascheninnikows Seminarleiter In Frankfurt, Soziologie-Professor Ludwig von Friedeburg, hält indessen die Behauptung über das Vorleben seines Schützlings, der bei ihm »vollkommen normal und still« gearbeitet habe, für »abenteuerlich«. Friedeburg: »Er ist ein ganz braver Mann.«

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