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SCHULEN Bravo, Hitlerjunge

An westdeutschen Schulen treten Neonazis immer aggressiver auf, Computerspiele empfehlen: »Ab nach Auschwitz«. Lehrer und Kultusminister scheinen ratlos.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Am Abend des 8. März zogen rund 50 Schüler, teils bewaffnet, mit »Heil Hitler«-Rufen vor eine Gesamtschule im Berliner Stadtteil Neukölln. Eigentlich wollten sich dort ihre Eltern treffen - Thema der Versammlung: »Rechtsradikale Tendenzen an der Fritz-Karsen-Schule«.

Schulleiter Werner Hinkel, vom Neonazi-Aufmarsch beeindruckt, vertagte die Sitzung. Empört fragte die sozialistische Jugendorganisation »Die Falken« in einem Flugblatt: »Kuschen vor den Nazis?«

Stuttgarter Schulen werden regelmäßig mit NS-Parolen und Hakenkreuzen beschmiert. Vor dem Märkischen Gymnasium im nordrhein-westfälischen Wattenscheid zerren Skinheads ihre Mitschüler schon mal ins Gebüsch und zwingen sie zum Hitler-Gruß. Und in Hamburger Schulen sind faschistische Computerspiele, wie die »Hamburger Morgenpost« beobachtet hat, inzwischen »leichter zu bekommen als gute Zensuren«.

Ob per Graffito, Parole oder Diskette - der braune Ungeist ist in bundesdeutschen Schulen im Vormarsch. Seit der Europa-Wahl im Juni können auch die Kultusminister den Rechtsdrall nicht mehr leugnen. Anfang dieses Monats befand der Saarländer Diether Breitenbach (SPD), daß Schüler offenbar »besonders anfällig für neonazistische Heilslehren« seien.

Minister Breitenbach verlangt von seinen Kollegen, daß sie sich vor dem neuen Problem »nicht weiter drücken«. Auch die Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz räumt ein, »daß sich das Problem in einigen Bereichen zugespitzt hat«.

Zu diesen Bereichen zählen vor allem Arbeiterviertel mit hohen Ausländeranteilen, wie etwa die Republikaner-Hochburg Berlin-Neukölln, wo der Fremdenhaß »natürlich auch vor den Schulmauern nicht haltmacht« (Volkholz). In solchen Quartieren kursieren Handzettel einer »Deutschen Jugendinitiative« mit der Frage: »Willst Du in Zukunft an Deiner Schule in der deutschen Minderheit sein?«

An acht Prozent der nordrhein-westfälischen Schulen, ergab eine Umfrage der Landesschülervertretung, agitieren Neonazis offen in Klassenräumen und auf Schulhöfen. Nazisymbole und rassistische Sprüche an Tafeln, Wänden und Klotüren verschandeln bereits zwei Drittel aller Schulen des Landes. Betroffen seien alle Schulformen, meint NRW-Landesschülersprecherin Svenja Schulze, Hauptschulen wie Gymnasien gleichermaßen.

Auch in den Universitäten haben Neonazis schon Fuß gefaßt. Im Mai gründeten Hamburger Studenten die bundesweit erste Hochschulgruppe der Deutschen Volksunion. Der braune Studentenzirkel will bei den Hochschulwahlen mit einer eigenen Liste kandidieren.

Besonders schnell verbreitet sich der Rechtsextremismus unter Kindern und Jugendlichen mit Hilfe mühelos kopierbarer Computerspiele. Nach Erkenntnissen der Berliner Staatsanwaltschaft »grassieren diese Spiele auf den Schulhöfen«.

In »Stalag 1«, zum Beispiel, muß der Spieler als Wächter eines Konzentrationslagers den Ausbruch von »Volksfeinden« verhindern. Der »Anti-Türken-Test«, ein anderes Spiel, belohnt den Computerfan bei richtigen Antworten mit »Bravo, Hitlerjunge«, bei falschen Eingaben kommt der Befehl: »Ab nach Auschwitz«.

Der Erfinder des »Anti-Türken-Tests« bekannte im Berliner Jugend-Magazin »Blickpunkt«, daß er sein Spiel im Informatik-Unterricht entwickeln konnte, der Lehrer habe »nichts geblickt«, die Eltern offenbar auch nicht. Das Produkt des 18jährigen fand sofort reißenden Absatz: »Viele in meiner Klasse wollten diesen Test haben, weil sie über Ausländer genauso denken wie ich.«

Mit »Kohl Diktator« tauchte kürzlich eine neue Variante neonazistischer Disketten auf norddeutschen Schulhöfen auf. Der Bildschirm-Akteur soll zunächst einen prominenten Bonner Politiker, zum Beispiel Helmut Kohl, per Joystick-Attentat umbringen.

Nach der Aktion allerdings wird der Terrorist überraschend zum »Volksschädling« erklärt und zusammen mit »bolschewistischen Organisationen, wie Grüne und SPD, liquidiert«. »Kohl Diktator« entläßt den Spieler mit dem Konterfei Adolf Hitlers und dem Gruß »Sieg Heil!«

Die Berliner Staatsanwaltschaft hat in den letzten sechs Monaten mehr als 600 Ermittlungsverfahren wegen des Vertriebs rassistischer Computerspiele auf Schulhöfen eröffnet. Die Zahl wäre wohl noch deutlich höher, wenn alle Schulen das Thema offen behandelten.

Heinz Galinski, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, glaubt, daß die Dunkelziffer hoch ist: Viele Schulleiter würden neonazistische Umtriebe verheimlichen, »damit ja nichts an die Öffentlichkeit dringt« und der Ruf der Schule nicht Schaden nimmt.

Schulsenatorin Volkholz weiß allerdings aus eigener Erfahrung als Lehrerin, »wie gefährlich es ist, wenn man Jugendliche mit 16 oder 17 schon auf politische Positionen festklopft, von denen sie dann nicht mehr runterkommen«. Die Pädagogin möchte rassistisches Denken durch »klare Argumente im Unterricht« erschüttern.

Ihr Kollege Breitenbach aus dem Saarland will darüber hinaus »neue Formen der politischen Bildung« in der Schule erproben. So sollen etwa Lehrer mit ihren Schülern auf »Spurensuche nach der jüngsten Vergangenheit gehen und Zeitzeugen befragen«. Ein sicheres Rezept gegen den Rechtsruck im Klassenzimmer, meint Breitenbach, sei allerdings noch »nicht in Sicht«.

Oft sind es nicht Lehrer, sondern Schülergruppen, die Neonazis entgegentreten. Die Schülermitverwaltung der Heinrich-Heine-Gesamtschule in Duisburg beispielsweise hat vor Monaten alle ausländerfeindlichen Graffiti im Schulgebäude auf eigene Kosten übermalt. Inzwischen jedoch, klagt Klassensprecher Thorsten Cochems, 16, »sind die Wände wieder voll von diesem Schwachsinn«.

Im württembergischen Hechingen wurden Schüler, die sich über rechtsradikale Schmierereien beschwerten, von ihren Klassenkameraden als »Kommunistenpack« beschimpft und bedroht. In Berlin veranstalteten kürzlich acht Skinheads eine Verfolgungsjagd auf Redakteure einer Schülerzeitung.

Die mit SS-Uniformen und Wehrmachtsmützen geschmückten Schläger verschossen rote Leuchtmunition. Ein Schüler wurde mißhandelt, bis er krankenhausreif war.

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