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BREIT SEIN IST ALLES

aus DER SPIEGEL 50/1962

Mit einer Oberweite von 133 Zentimetern, einem halben Meter Bizeps und zwei blühenden Kraftmeiereien in Stuttgart und Eßlingen gehört Peter Gottlob zu den führenden Figuren einer jungen deutschen Körperkultur nach amerikanischem Leitbild, genannt Body -Building.

Als 24jähriger ist er schon Präsident, nämlich des von ihm vor kurzem gegründeten Verbandes deutscher Body -Builder, außerdem einer der vielbelachten Anwärter auf den Titel des Mieter Germany. »Der Deutsche«, äußert Gottlob nachsichtig, »ist da noch zu konservativ, für ihn ist das noch zu neu.«

Als er vor sechs Jahren - fasziniert, wie er sagt - vom Anblick eines amerikanischen Muskel-Magazins den Ausbau seines Körpers beschloß, wandte er sich nach Paris, denn wie schon manche Wohltat der Kultur, die von Amerika zu den Deutschen kam, hat auch Body -Building seinen Ursprung in Frankreich.

Nun aber formt Gottlob, zu den erwähnten Maßen gediehen, in seinen Instituten jährlich mindestens 2000 Schwaben neu, drei Dutzend davon nach seinem Bilde: »Nur wer allen Ernstes dabei ist, kann das Letzte schaffen. Die Sache fordert ungeheuren Idealismus.«

Andere Idealisten in anderen Städten haben ähnliche Schulen gegründet, zwanzig sind es schon im Bundesgebiet, die jeweils mindestens einen starken Mann nähren und zusammen mehr als 20 000 gutgenährte Männer stärken.

»Aber das eigentliche Geschäft«, bedauert Gottlob, »machen die Versandfirmen.«

Denn die Zahl der Unterentwickelten im Lande, die heimlich daheim nach hektographierten Anweisungen Gewichte stemmen, Expander ziehen und teure Mittel für den Muskelaufbau schlucken, hat die erste Viertelmillion überschritten.

In Hannover empfingen mich drei unscheinbare junge Herren in einem Büro unterm Dach, um mich mit ihrem Geschäftsprogramm zur Entwicklung herkulischer Mitbürger vertraut zu machen. Ihre »Prana-Athletik GmbH« bietet per Nachnahme und Ratenzahlung 29 Artikel, bei deren Anwendung der Kunde auf »athletische Beine«, einen »V-förmigen Oberkörper«, eine »imponierende Breite«, auf »gewaltige Arm- und Oberarmmuskeln« und anderes hoffen darf. Die drei Unternehmer verfügen in Bückeburg über eine Fabrik, in der ihre Entwürfe von 20 Arbeitern verwirklicht werden, etwa eine große Federzange, die »ganz in den Rahmen unserer Zeit paßt und gerade für fortschrittlich denkende Menschen ein Begleiter für das tägliche Leben sein sollte«, oder einen sogenannten Stahlmuskel vom Format einer Lastwagenfeder, der dem Käufer dazu verhelfen soll, »den Übergang der Brustmuskeln in die Schultermuskeln harmonisch hervorzuheben«.

»Wir drei machen alles selbst«, sagt Horst Brosig, der 29jährige Senior der Gesellschaft, der wie seine Partner auf eine abgeschlossene kaufmännische Lehre zurückblicken kann, »langsam bekommt man einen Blick dafür.« Selbst verfassen sie auch ihre Fernkurse, in denen sie als »Gesellschaft für experimentelle Physiologie zur Körperertüchtigung und Erhaltung der Volksgesundheit« firmieren.

Daß keiner der 300 000 bisher in dieser Branche registrierten Interessenten sich je übergangen fühlen sollte, entnahm ich den Äußerungen der Geschäftsleitung. »Sobald wir«, so Brosig, »wieder was Neues entwickelt haben, bieten wir es allen an. Manche kaufen alles.«

Ein solches Verhältnis stärkt nicht nur die Muskeln, sondern auch das Vertrauen der Belieferten, die sich, wie anhand zahlloser Schreiben mit Maßangaben und Selbstauslöser-Studien von Vorher und Nachher beobachtet werden kann, erfreulich entwickeln.

Aus dem illustrierten Brief eines Lehrjungen: »Da ich mir das Rauchen bereits ganz abgewöhnt habe, möchte ich Sie bitten, mir eine Karte zu senden für einen neuen, ganz kleinen Kurs von der Hüfte bis zur Zehe.« Ein Photo zeigt, wo es noch fehlt.

Es gibt auch Fälle, in denen der gute Wille des fernen Kurskunden die eigenen Kräfte einfach übersteigt: »... konnte ich die dritte Übungsserie mit ihrem Schwerpunkt auf die Beinmuskulatur

nur noch in geringem Umfang ausführen, da sich Schmerzen und Knirschgeräusche bei Kniebeugen einstellten. So wundert mich nicht, daß sich hinsichtlich meiner Oberschenkelmuskulatur nichts zum Positiven veränderte.«

Einmal mit einem solchen Versandhaus in Kontakt geraten, wird man sich so leicht nicht mehr verlassen vorkommen. Erich Bartel aus Essen, daselbst durch frühere Zugehörigkeit zum Kraftsportverein »Deutsche Eiche« für die Beschäftigung mit der neuen deutschen Kräftigungs-Welle legitimiert, vertreibt im Bundesgebiet alles, was stark macht, nach folgendem Konzept: Erst für 50 Mark den Dreimonatskurs ohne Geräte, dann einen zweiten, zu dem kleine Hanteln unentbehrlich sind, schließlich den sogenannten Champion-Lehrgang. »Ja, ja«, kalkuliert Bartel, »und dann müßte er sich so ein kleines Heimstudio zu 625 Mark zulegen, das sich bis auf 350 Pfund Gewicht ergänzen läßt.«

Sollte danach noch der eine oder andere Muskel zurückgeblieben sein, so rät Erich Bartel zur Weiterarbeit in einem der großen Studios von denen er in Essen und Wuppertal je eines besitzt.

Daß es aber selbst damit noch nicht getan sein darf, weiß Bartel, der außerdem mit Oberbekleidung handelt, von seinem Lehr- und Lizenzherrn, dem millionenschweren Muskelmacher Joseph Weider aus Amerika. Gegen Prozente gab der Amerikaner alles:

Pläne für ein unübersehbares Arsenal von Mechanismen und Gewichtscheiben, Kraftnahrung aus den USA und den Inhalt des Magazins »Der Muskelbilder«, das regelmäßig in 20 000 Exemplaren über die Bundesrepublik ausgestreut wird.

Das strotzt von bebilderten Hinweisen auf Body-Vorbilder, die zum Beispiel 1000 Liegestütze ohne Absetzen bewältigen, in Hollywood reüssieren oder einen neuerlich gelungenen Umbau ihrer aufgebauten Muskulatur - von massig auf klassisch und umgekehrt - bekanntgeben. Der sofortige Kauf von Mastmitteln, Zimmerfahrrädern, Rudergeräten und Kraftständern (zum Ablegen von Gewichten) wird dem angespannten Leser nahegelegt, aber auch manches Angebot für Herz und Kopf: Photoserien unwesentlich bekleideter Athleten, der »Sexualerziehungslehrgang für Körper-Aufbauer«, Kurse für vollendete Haltung in Gesellschaft oder beim Handstand.

Selbst der Patriot findet sich angesprochen. Als Repräsentant einer Nation, die unter ihren Bürgern zehn Millionen Body-Builder hat, fühlt Joe Weider sich berufen, höchste Ideale für den Bizeps spielen zu lassen: »Es hat schon viele Nationen gegeben«, schrieb er in einem Leitartikel für den »Muskelbilder«, »die aufstiegen und schließlich untergingen, weil sie verweichlichten und mit der Lebenskraft ihrer Nachbarländer nicht mehr konkurrieren konnten.«

»Muskelbilder«-Chefredakteur Bartel, nun in seinem 47. Lebensjahr, weiß jedoch, daß es einem hierzulande bitter gemacht wird, die völkische Lebenskraft konkurrenzfähig zu erhalten. Weder ihm noch einem anderen Manager des Body-Building gelang es bisher, die ersehnte Anerkennung beim Deutschen Sportbund zu finden, obwohl ein Krafttraining mit verwandten Methoden sich in fast allen Sportarten eingebürgert hat und ausgereifte Body-Builder gelegentlich aus kosmetischen Gründen schwerere Gewichte bewegen als anerkannte Schwerathleten.

Was soll einem Mann wie Bartel, Veteran der Deutschen Eiche, angesichts dieser Geringschätzung der Titel eines kontinentaleuropäischen Präsidenten der »International Federation of Body -Builder«, zu dem Freund Joe ihm verholfen hat? Ganze 1000 Bundesbürger haben für zwei Mark monatlich seine Mitglieder sein wollen. Das ist noch nicht der Bekennermut für eine beginnende Massenbewegung.

Entmutigt erzählt mir der Präsident schließlich von seinen Bemühungen, den Deutschen alljährlich einen Mister Germany zu geben, und was er davon hatte: Lach-Erfolg und Defizit. »Mehr oder weniger«, wie er sagt, »immer 'ne Pleite.«

Er resignierte und überließ es einem runden, kleinen Hornbrillenträger namens Rolf Putziger, Jahrgang 1926, der ihm bisher schon mit der jährlichen Kür eines weiteren Mister Germany in München Verdruß gemacht hatte, nunmehr seinen Münchner Mister als den einzigen Mister herauszubringen. Putziger, ehemals Herausgeber eines Männer-Magazins in Berlin, zieht seinen Lebensunterhalt aus dem Vertrieb von vielerlei Kraftgeräten »Marke Herkules« und dem Schaffen als Chefredakteur der Münchner Zeitschrift »Sport und Kraft«, die er in 15 000 Exemplaren als »offizielles Organ des Bundes deutscher Body-Builder« gestaltet - einer Organisation, von der auch in seinen Kreisen nicht angenommen wird, daß sie existiere.

In einem Telephongespräch mit mir bemühte er sich mit großer Bestimmtheit, die bei einem Sportgespräch tags zuvor eventuell entstandenen Unklarheiten über seinen Brustumfang aus der Welt zu schaffen: Er müsse darauf bestehen, daß er oben herum mindestens 120 Zentimeter messe.

Denn einer der Grundsätze bei diesem Geschäft heißt: Breit sein ist alles. Die Starkmacher wünschen auch auf ihren teuren Illustrierten-Inseraten keine netten, normalen Sporttypen; sie schwören auf die aufgeplusterten Muskeldimensionen von Supermännern.

Das Übermaß der inserierten Leiber wirkt am stärksten auf Bevölkerungsschichten, in denen das Hohnlachen über Mister- und - Muskelposen zum guten Ton gehört: 70 Prozent der deutschen Body-Builder sind Angestellte (Schwabens Body-Builder Gottlob: »Die zähsten und die eifrigsten, das sind die kleinen Angestellten"), Beamte, freiberuflich Tätige, wobei auch der Adel nicht zurücksteht.

In der Münchner Athletikschule Heinz Berg können sich die dampfenden Kunden bei der Arbeit am Kraftständer zuröcheln, zwei deutsche Prinzen seien auch wieder dagewesen, ziemlich schmal gebaut, die Hoheiten.

Ludwig Max Lallinger, der riesige Gründer der Bayern-Partei, den ich samt Ehefrau kurz nach seiner größten Wahlniederlage erfrischt aus einem Hantel-Atelier kommen sah, schien von der Tatsache, daß er durch Gewichtheben dienstags und donnerstags sein Gewicht von 216 auf 207 Pfund gedrückt hatte, stärker gepackt als von seinem Abgang aus dem Bayrischen Landtag.

Von einem reichen Pappnasenhersteller aus Süddeutschland wurde erzählt, er habe beim Training im Freien mitunter Passanten zu Hilfe rufen müssen, wenn er das selbstgewählte Gewicht aus dem Liegen nicht mehr hochbrachte und, die verchromte Gewichtstange zwischen Kinn und Brust, Gefangener des eigenen Eifers war. Von mir darauf angesprochen, erinnert er sich an nichts: »Ich? Ja woher denn! Bin ein einfacher Geschäftsmann und faß so ein G'wicht höchstens zum Spaß an.« Noch ist die Sache zu neu, als daß man sich gern zu ihr bekennt.

Neben dem Versicherungsagenten Armin Hary steigt beim Body-Builder Berg donnerstags die Filmsirene Kai Fischer in gußeiserne Pantoffeln und quält sich mit Hanteln und Zugapparaten, um schön und schnell zu bleiben. Herkulische Männer finde sie komisch, sagte sie zu mir, doch müsse man es begrüßen, wenn ein Schauspieler heutzutage auch ohne Hemd noch ansehnlich wirke, was im deutschen Film kaum vorkomme. Und sie sagte auch persönlich, daß sie für ihre Oberweite nichts tun wolle mit diesen Hanteln; das schlage sich womöglich in die Arme.

Aufträge für den Körper nach Maß nimmt jeder Body-Builder gern entgegen. »Der eine kommt und ist mit seinen Schultern nicht zufrieden«, schilderte mir der höfliche Hamburger Herkules und Studiobesitzer Dietrich Pietsch am Schreibtisch in seiner Trainingshalle, »der andere findet seine Brust zu flach.«

Eine Spezialität zur Stärkung des Deltamuskels schreiben die Kenner dem Sänger Freddy Quinn zu, der durch seinen Fleiß als Body-Builder zu einer seinen Matrosenliedern gemäßen Form des Oberkörpers kam.

Die Atmosphäre in den Studios ist drückend. Nicht allein der Transpiration, auch des tiefen Ernstes wegen, mit dem Body-Builder üben - vor dem großen Spiegel an der Wand, der nirgends fehlt, der vielleicht sogar das Wichtigste ist. Ächzend bringen sie die Gewichte nach oben, gespannt bis zur letzten Fiber, sehen ihr Spiegelbild, schweigen und schwitzen. Wie sagte Herkules Pietsch zu mir? »Man muß sich konzentrieren, wenn die Muskeln wachsen sollen.«

Zünftige tragen, wenn sie sich gerade nicht frei machen können, Netzhemden und Pullover um so viele Nummern zu klein wie es sich machen läßt. Normale Kleider nehmen dem Kraftmann viel von seiner Wirkung.

Gesprochen wird wenig. Doch jedem geläufig sind die amerikanischen Bezeichnungen, die mit den Übungen und Geräten herüberkamen: »sit-up«, »bench press«, »leg-press«. Und es ist Ehrensache, daß keiner über den andern lacht, weil der so stark oder schwach ist.

Zwei oder drei Jahre lang täglich zwei Stunden schweres Training, früh schlafen, keinen Alkohol, keine Zigaretten - so, bei steigenden Unkosten und immer kleiner werdendem Horizont, gedeihen die Muskeln, züchtet man die Männer, die auf dem Höhepunkt der Karriere mit Blitzlicht, Ehren und Gelächter überschüttet werden.

Wenn er in eine Badeanstalt gehe, bestätigte mir Reinhard Smolana, früherer Bautischler und Putzigers Mister Germany von 1960, so starrten ihm alle Leute nach, nicht eben freundlich, eher so, als ob sie ihn für dumm hielten (was er nicht ist). Mister Germany 1962, der Fernmeldetechniker Reinhard Lichtenberg, schien Ähnliches empfunden zu haben. Daran jedoch gewöhne man sich. Und Peter Gottlob sagt dazu: »Ich geh schon lange nicht mehr so wohin.« Ein ernsthafter Body-Builder lehne es ab, wie ein Gorilla herumzulaufen.

Erst mußten sie möglicherweise fürchten, die Leute hielten sie für schwach. Nun müssen sie offenbar damit rechnen, für einfältig gehalten zu werden. Es ist etwas Tragisches um das Schicksal der Body-Builder.

Body-Builder-Präsident Gottlob (M.): In Paris gelernt

Muskelbildnerin Kai Fischer

Jeden Donnerstag gußeiserne Pantoffeln

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