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ATOMRAKETEN Bremsen versagt

Die Massenkarambolage eines amerikanischen Raketen-Zuges in einem badischen Dorf warf wieder die Frage auf: Wie gefährlich ist die Pershing im Frieden?
aus DER SPIEGEL 45/1982

Ein von den Amerikanern herbeigeschafftes Trägerfahrzeug sollte, etwa 20 Stunden nach dem Unfall, die havarierte Pershing-1A-Rakete wegschaffen. Doch da gab es noch eine Verzögerung. »Mit diesen Reifen«, erklärten schwäbische Polizisten, »nicht.«

Abgefahrene Pneus, defekte Bremsen, Motorschäden - die Fahrzeugflotte, mit der die Amerikaner ihre 108 Pershing-Raketen und die zugehörigen atomaren Sprengköpfe in der Bundesrepublik herumkutschieren, ist offenbar in desolatem Zustand.

»Mangelnde Wartung«, »Schlamperei« warf der SPD-Bundestagsabgeordnete Robert Antretter den Amerikanern vor. Allein in der Umgebung seines Wahlkreises Schwäbisch Gmünd hätten sich seit 1978 sieben Unfälle mit Raketen-Transportern ereignet.

Auch die Massenkarambolage von Dienstag letzter Woche am Ortseingang der badischen Gemeinde Waldprechtsweier, zwischen Ettlingen und Rastatt, war auf Bremsversagen zurückzuführen.

Auf dem Weg von Neu-Ulm nach Gaggenau hatte sich der mittlere von drei Raketen-Zügen in der hereinbrechenden Abenddämmerung verfranzt. In Freiolzheim bog der Sattelschlepper mit der Pershing-Rakete vom vorgesehenen Weg ab, Richtung Waldprechtsweier; kurvenreich, mit zwölf Prozent Gefälle, führt die Kreisstraße Nr. 3549 bergab.

Weil die Bremsen heiß wurden, der Schub zu stark war, konnten die beiden US-Soldaten im Führerhaus des schweren Sattelschleppers ihr Fahrzeug nicht mehr zum Stehen bringen. In einer leichten Rechtskurve rammte der Raketen-Transporter eine Mauer, dann zertrümmerte er zwei parkende Autos und überrollte einen entgegenkommenden Pkw. Der Fahrer, ein 54jähriger Mann aus einem Ort bei Pforzheim, war sofort tot.

Der zweite Militärlaster des Zuges wurde noch rechtzeitig gestoppt, der dritte zertrümmerte ein parkendes Auto, der vierte fuhr auf einen Acker und prallte gegen einen Baum.

Gegen sechs Uhr morgens wurden die Bewohner des Ortes Waldprechtsweier evakuiert. Zwölf Stunden lang verharrten sie in der ungewissen Furcht, ihre Häuser könnten von einer atomaren Sprengladung pulverisiert, die ganze Gegend atomar verseucht werden.

»Verantwortungsloses Spiel mit dem Leben der Bürger« warfen die Grünen im Stuttgarter Landtag der Landes- und der Bundesregierung vor. Auch bei Transporten der Bundeswehr, die mit ihren 72 Pershing-1A-Raketen durch die Landschaft fahre, könnten sich derartige Unfälle jederzeit ereignen.

»Keine Gefahr für die Bevölkerung«, suchten hingegen örtliche Behörden, amerikanische Militärsprecher und das Bonner Verteidigungsministerium alle Befürchtungen zu zerstreuen: Bei Überlandtransporten der Pershing könne nichts in die Luft fliegen, zudem werde der atomare Sprengkopf stets getrennt von der Rakete befördert.

Beunruhigend bleibt, daß auf so schlechten Reifen und mit so schlechten Bremsen die stärkste Waffe der amerikanischen Abschreckungsstreitmacht auf deutschem Boden hin und her gefahren wird. Zusammen mit den Pershings der Bundeswehr sind es 180 Raketen, meist mit einem atomaren Sprengsatz von 400 Kilotonnen, entsprechend der 30fachen Zerstörungskraft der Hiroschima-Bombe.

Daß diese atomare Raketenstreitmacht auf ihren Selbstfahrlafetten fast pausenlos auf westdeutschen Straßen und Waldwegen ihre Standorte wechselt, liegt in der Natur ihres strategischen Auftrags: Jeweils 60, also ein Drittel aller in der Bundesrepublik stationierten Pershing-Raketen, sind mit aufmontiertem Atomsprengkopf ständig gefechtsklar. Sie stehen schußbereit auf insgesamt fünf - drei amerikanischen und zwei deutschen - fest vermessenen Abschußplätzen, den sogenannten Combat Alert Sites (CAS). »Eine Mischung aus Waldsanatorium und Straflager«, so umschrieb ein Reporter der »Neuen Zürcher Zeitung« seinen Eindruck von einer amerikanischen Pershing-Alarmbasis 30 Kilometer südöstlich von Ulm. Der Platz, zu dem eine unscheinbare Waldstraße ohne Wegweiser führt, heißt »Lehmgrube«; die Amerikaner nennen ihn »von Steuben«, nach dem deutschen General ihres Unabhängigkeitskrieges.

Zwei weitere ähnliche Anlagen für den atomaren Schnellschuß ("Quick Reaction Alert«, QRA) liegen in Waldheide bei Heilbronn und in Inneringen bei Schwäbisch Gmünd.

Jeweils vier Tage pro Woche tun die Soldaten der Pershing-Stellung, darunter auch Frauen, in der Waldisolation Dienst, dann erhalten sie zwei Tage Urlaub in ihrem Stationierungsort Neu-Ulm. Die psychische Spannung in den QRA-Quartieren ist offenbar beträchtlich - der Anteil der Drogensüchtigen, die ausgesondert werden müssen, hoch.

Allein im Jahre 1980, so heißt es in einem Untersuchungsbericht des amerikanischen Kongresses zum Drogen-Problem in der Armee, seien »5324 Armee-Angehörige aus Einheiten des Nuklearbereichs wegen mangelnder Zuverlässigkeit entlassen worden«, jeder dritte davon wegen Drogenmißbrauchs.

Einen »gefährlichen Balanceakt«, so der Bericht, müßten manche Kommandeure S.32 vollführen, »in Abwägung zwischen der Tolerierung des Drogengebrauchs und des Verlustes von Schlüsselpersonal": Bei einer in Westdeutschland stationierten Raketeneinheit unterließ es der Kompaniechef drei Monate lang, Hinweisen auf den Gebrauch von Rauschmitteln nachzugehen, weil ihm »sein militärischer Auftrag wichtiger war als die Einhaltung der Drogen-Gesetze«.

Mit einer anderen Art von Psychoproblemen schlagen sich die Kommandeure in bundesdeutschen Pershing-Geschwadern herum. Nach wie vor befinden sich die atomaren Sprengköpfe unter Aufsicht amerikanischer Soldaten - und dabei gibt es offenbar häufig Reibereien.

»Es kommt oft zu Streitigkeiten, die von Amerikanern ausgehen«, heißt es im Protokoll der Vertrauensmänner-Sitzung eines Pershing-Geschwaders vom Sommer 1980. »Dabei nehmen sie oft Messer zu Hilfe und bedrohen damit Deutsche.« Häufig würden auch die Autos der deutschen Waffenkameraden »durch Amerikaner beschädigt oder zerstört«.

Alle 14 Tage werden die Pershing-Einheiten in den fünf fest vermessenen Alarmstellungen abgelöst. Doch auch die übrigen 120 Pershing-Raketen sind häufig in Bewegung. Mindestens einmal pro Woche hat jeder Pershing-Zug eine Alarmübung, bei der die Raketen auf irgendeiner Waldlichtung in Stellung gebracht und gefechtsklar gemacht werden. Mobilität ist höchstes Übungsziel. Auch die in den QRA-Stellungen stationierten Pershing-Crews würden im Spannungsfall ausschwärmen: Die Amerikaner haben außer ihren drei Alarmstellungen noch 45 weitere Startpositionen auf westdeutschem Boden vorbereitet.

Darüber hinaus wurde bei der Pershing-1A vor sechs Jahren eine technische Verbesserung eingeführt, die es erlaubt, auch von nicht vorher vermessenen Positionen, also praktisch von jeder beliebigen Tarnposition aus, Raketen in die vorprogrammierten Ziele in der DDR, in Polen und der CSSR zu lenken.

Nach einer Vorbereitungszeit von zehn Minuten - das Fahrzeug muß mit einer Genauigkeit von plus/minus sechs Grad auf das Ziel gerichtet sein - dauert der Countdown bis zum Abschuß 20 Minuten. 50 Prozent der Schüsse, so die Vorausberechnung, weichen nicht weiter als 400 Meter vom Zielpunkt ab.

Daß bei den häufigen Rochaden von Pershing-Batterien Unfälle passieren können, ist den Militärs bewußt. Es gibt präzise Verhaltensvorschriften etwa für den Fall, daß Fahrzeuge des Pershing-Trupps in Brand geraten.

Nach der entsprechenden Dienstanweisung für die deutschen Pershing-Geschwader wird das »Feuer so lange bekämpft, wie es unter Beachtung der folgenden Punkte vertretbar ist: 1) Leib und Leben der Soldaten darf nicht gefährdet werden. 2) Schutz vor Splitter und/oder atomarer Verseuchung muß gegeben sein«.

Die US-Soldaten sind gehalten, das Feuer direkt zu bekämpfen, die Deutschen helfen ihnen dabei. Soweit sie direkt am Brandherd nicht gebraucht werden, haben sie eine andere Aufgabe: Ihnen obliegt es, »sofort einen Sicherungsgürtel in 610 m Entfernung rund um den Konvoi zu bilden und dabei jede nur mögliche Deckung auszunutzen«.

Im ungünstigen Fall bleibt das brennende Projektil schließlich sich selbst überlassen: »Ist es für die das Feuer bekämpfenden Soldaten nötig, den Brandherd zu verlassen, ziehen sie sich auf eine Entfernung von 430 m zurück.«

Diesem Geheiß folgte offenbar auch die Besatzung jenes Pershing-Sattelschleppers, der am 24. Februar letzten Jahres in Sechselberg in der Nähe von Backnang in Flammen aufging. Nach einem Motorschaden hatte das Fahrzeug angefangen zu brennen. Die Löschversuche mißlangen. Eine Stunde später verbrannte dann, explosionsartig und unter gewaltigem Zischen, der Festtreibstoff der beiden Raketenstufen.

Die schaumstoffartige Masse ist zwar nicht so leicht entzündlich wie der Inhalt etwa eines Benzin-Tankzuges. Normalerweise wird sie beim Abschuß der Rakete durch eine Funkenentladung (Spannung: 20 000 Volt) gezündet. Immerhin: Bei dem Pershing-Unfall in Sechselberg flogen Teile vom Navigationssystem der Rakete mehrere hundert Meter weit.

Entscheidend für die Gefährdung der Bevölkerung jedoch ist die Frage, was passiert, wenn der zur Pershing-Rakete gehörende Atomsprengkopf beschädigt oder zerstört wird.

Letzte Woche wurde versichert, auf dem verunglückten Sattelschlepper habe sich nur der Raketentreibsatz, nicht aber ein Sprengkopf befunden.

Ob freilich der Sprengkopf in einem anderen der vier Fahrzeuge des Pershing-Zuges mitfuhr, blieb ungeklärt. Theoretisch kann sich ein Atomsprengkopf auch auf dem Sattelschlepper mit der Rakete befunden haben; ein geeigneter Transportbehälter zählt zur Standardausrüstung der US-Selbstfahrlafette.

Welchen Schaden ein durch Brand oder Kollision zerstörter Pershing-Sprengkopf anrichten könnte, lassen die Feuerbekämpfungsvorschriften ahnen: Zwar wäre die unbeabsichtigte Auslösung der atomaren Sprengladung ausgeschlossen. Jedoch könnte der konventionelle Sprengsatz im Innern des Gefechtskopfes, der für die Zündung der atomaren Kettenreaktion benötigt wird, explodieren und dabei die radioaktive Ladung in weitem Umkreis verstreuen.

Furcht vor einer solchen radioaktiven Verseuchung war wohl der Grund für die Evakuierungsmaßnahmen nach dem Unfall am Dienstag letzter Woche. Die sofortige Absperrung des Unfallortes gehört ohnehin zur Routine - vor allem aus Sorge, ein solcher Transportzwischenfall könnte von Terroristen ausgenutzt werden oder gar herbeigeführt worden sein, um in den Besitz einer Atom-Sprengladung zu gelangen.

Noch vor der Terroristenfurcht muß jedoch derzeit, zumindest bei den amerikanischen Pershing-Einheiten, die Besorgnis über den schlechten Zustand der Selbstfahrlafetten und die mangelnden Fähigkeiten ihrer Fahrer rangieren.

Einen Tag vor dem Unfall bei Waldprechtsweier war schon einer ins Schleudern gekommen: Am Ortseingang von Schwäbisch Gmünd raste ein US-Transporter mit einer Pershing-Rakete in einen Garten. Die Bremsen, so erklärte der Fahrer, hätten versagt.

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