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HOCHSCHULEN Brief ans Christkind

Der bundesweite Studentenprotest gegen die schlechten Studienbedingungen wird zur politischen Bewegung - die sich aber vorerst nur mit sich selbst beschäftigt.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Der Professor machte einen grausigen Fund: Ein Mickymaus-Heft, ein besonders dickes noch dazu, lag da auf einem Schlafsack in dem von Studenten besetzten Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (FU).

Diese Entdeckung sowie die »beschämend niveaulosen« Graffiti am Tatort stimmten den Gelehrten, den Politologen Theodor Ebert, zu Jahresbeginn mehr als nachdenklich. Im nächsten Semester, so »dämmerte« ihm, müsse er seinen »Grundkurs über Widerstandsrecht« womöglich in einer »Comicfassung« bestreiten.

Ebert kann den Kurs gleich ganz absagen, denn seine Studenten erproben das Widerstandsrecht bereits im praktischen Großversuch, genannt Streik: Vorlesungen und Seminare gibt es an allen Berliner Hochschulen seit Anfang Dezember nur noch in Ausnahmefällen, viele Institute sind besetzt und die Professoren ausgesperrt.

Daß der Streik auch nach der Weihnachtspause so ungemein lebendig bleibt, ist dem ebenso massiven wie erfolglosen Polizeieinsatz zu verdanken, mit dem FU-Präsident Dieter Heckelmann den Lehrbetrieb an der »Befreiten Universität Berlin« (Studentenjargon) in der vergangenen Woche wieder ermöglichen wollte. »Ohne die Knüppelaktion«, glaubt die Medizinstudentin Hilte Gerdes, »wäre unser Streik wohl zusammengebrochen.«

Dank des Berliner Vorbildes kommen auch die übrigen Unversitäten der Republik nicht zur Ruhe. Weiterhin boykottiert werden Institute in Hamburg, Köln, Marburg, Gießen, Erlangen und München. Autonome Seminare, Alternativveranstaltungen der Studenten zum spröden Uni-Alltag, laufen bundesweit, dazu Demos und Aktionstage. Trittbrettfahrer allerdings sind der neuen Bewegung unerwünscht: Als Bundesbildungsminister Jürgen Möllemann (FDP) am Donnerstag letzter Woche mit Münchner Studenten diskutieren wollte, wurde er rücksichtslos angerempelt und ausgepfiffen. Möllemann zog unverrichteter Rede wieder davon.

Der unfreundliche Empfang muß den Minister nicht schmerzen. Schon jetzt steht der karrierebewußte Freidemokrat als politischer Gewinner des größten Studentenprotestes fest, den die Republik seit 1968 erlebt hat: Erst die im November aufflammende Streikwelle an den Hochschulen machte Möllemanns Idee, ein Zwei-Milliarden-Programm zur Schaffung neuer Studienplätze, so unwiderstehlich, daß nun auch die Bundesländer ihren Teil beisteuern wollen.

Entzündet hatte sich der studentische Unmut an den zum Teil katastrophalen Studienbedingungen, an der Überfüllung der Universitäten und ihrer schlechten Ausstattung. Wohnungsnot und Bafög-Streichungen trieben den akademischen Nachwuchs auf die Straße, ohne daß zunächst politische Forderungen erhoben wurden.

Doch der Streik und die Besetzung der Institute brachten eine »massive Politisierung«, wie die Hamburger Germanistik-Studentin Andrea Lasalle beobachtet hat. Ihre Kommilitonen hätten erst »im Ausnahmezustand begriffen, was an der Uni eigentlich los« sei.

In Hamburg, in Berlin und anderswo hat die neue Studentenbewegung nun hochschulpolitische Ideen entwickelt, die zumindest den Streikaktivisten »wichtiger als die Bonner Knete« (Lasalle) sind. Zu den wichtigsten Forderungen zählen:

mehr Mitbestimmungsrechte für die Studenten;

50-Prozent-Quotierungen für Frauen in allen Gremien und bei Stellenbesetzungen;

interdisziplinäre Forschung und Lehre, um die Trennung von Geistes- und Naturwissenschaften aufzuheben;

mehr Transparenz und Kontrolle für die Gen-, Nuklear- und Rüstungsforschung.

Die Berliner Studenten verlangen darüber hinaus den Rücktritt des FU-Präsidenten Heckelmann und des Wissenschaftssenators George Turner sowie eine Rücknahme jener Strukturreform, mit der die FU auf konservativen Kurs getrimmt werden soll. Dieser Katalog, spottet der Politologe Ebert, lese sich zwar »passagenweise wie ein Brief ans Christkindchen«, doch »im Grunde genommen« müsse er zugeben: »Diese Richtung paßt.«

Ebert und viele andere Hochschullehrer der 68er-Generation begrüßen zwar die Forderungen, nicht aber die Formen der neuen Studentenbewegung. Die nämlich funktioniert basisdemokratisch, also in einem endlosen Prozeß von Diskussionen und Abstimmungen, in denen sich die Studiosi vor allem mit sich selbst beschäftigen. Die komplizierten Theorien und Utopien der Grufties, also der alten Studentenführer, sind der neuen Generation jedenfalls äußerst suspekt.

Den 28 000 Studenten der Technischen Universität Berlin (TU) zum Beispiel ist es nach sechs Wochen Streik noch immer nicht gelungen, ein für alle Fachbereiche gültiges Diskussionspapier zu verabschieden. »Wir müssen die neuen politischen Strukturen bei uns erst entwickeln«, erklärt der Umwelttechnik-Student Frank Alleweldt vom Presserat der TU, vielleicht sei man aber »demnächst zu Gesprächen mit dem Bürgermeister bereit«.

Eberhard Diepgen hatte den TU-Studenten kürzlich Verhandlungen angeboten, bekam jedoch, wie schon vorher Heckelmann und Turner, einen Korb. »Der Senat muß erst mal schriftlich ein Gegenangebot machen«, meint nun der Informatik-Student Carsten Busch, »vorher wird überhaupt nicht mit denen geredet.«

Die Sprachlosigkeit der Studenten liegt auch in ihrem basisdemokratischen System begründet. Eifersüchtig wachen die Kommilitonen darüber, daß sich niemand profiliert oder gar zum Repräsentanten einer Bewegung stilisiert, die keinerlei Hierarchien dulden will. Tatsächlich wurden in den letzten Wochen bundesweit alle Asten, also die traditionellen Studentenvertretungen, entmachtet und zu Hilfstruppen des Protestes umfunktioniert.

Die demonstrative Gesprächsbereitschaft der Gegenseite scheint allerdings auch nur ein Bluff. Im CDU-regierten Berlin denkt kein Bildungspolitiker ernsthaft an die Annahme der studentischen Forderungen. Wissenschaftssenator Turner will zwar »gerne über die Mitbestimmung reden«, aber erstens könne er das hier zuständige Hochschulrahmengesetz nicht ändern und zweitens wolle er das auch gar nicht. »Worüber und warum«, fragt die FU-Studentin Gerdes, »sollen wir dann mit dem noch reden?«

Nur die Unfähigkeit zum Dialog vereint Studenten und Politiker. Die Streiks und Aktionen werden bis zum Semesterende im Februar abbröckeln. Doch die Entschlossenheit, mit der Zehntausende auf Scheine und Testate verzichtet haben, um den Streik aktiv zu bestreiten, muß Hochschullehrer und Politiker schon für das Sommersemester warnen.

Wissenschaftssenator Turner machte in der letzten Woche nur einen einzigen konkreten Vorschlag: Zur Beseitigung der studentischen Wohnungsnot sollten alle Berliner Studenten doch aus ihren Wohngemeinschaften ausziehen und in die Wohnungen ihrer Eltern zurückkehren.

Spätestens damit dürfte der Senator seine studentischen Kritiker endgültig sprachlos gemacht haben.

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