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ERNÄHRUNG / NACHTBACKVERBOT Brötchen aus dem Osten

aus DER SPIEGEL 24/1968

Westdeutsche Frühaufsteher werden demnächst morgens kommunistische Brötchen essen können. Der hannoversche Dienstleistungsunternehmer Hans-Joachim Ermeler, 45, verhandelt mit der Ost-Berliner Handelsgesellschaft Intrac über die Lieferung von nächtlich 60 000 Semmeln. Sie sollen noch »fast warm« vor westdeutsche Haustüren gebracht werden.

Anlaß für den außergewöhnlichen Interzonenhandel gab das »Gesetz über die Arbeitszeit in Bäckereien und Konditoreien«. Nach der für Westdeutschland gültigen Fassung von 1936 ist Bäckern »in der Nachtzeit von 21 bis 4 Uhr« ein Arbeitsverbot auferlegt.

Semmel-Kaufmann Ermeler empfand dieses Zunftprivileg besonders störend, als er im Januar 1967 sein Unternehmen gründete. Obwohl nach einer Umfrage allein in Hannover 20 000 Hausfrauen frühe Brötchen haben wollten, fand er keinen Betrieb, der ihm in den Morgenstunden Semmeln für die Hauszustellung backen wollte. Ermeler: »Meine Bemühungen scheiterten am Nachtbackverbot.«

Ermeler, dessen Berliner Vorfahren im 17. Jahrhundert Tabak nach Preußen schmuggelten und später das Tabakskollegium Friedrich Wilhelms 1. belieferten, versuchte es im Untergrund. Er schmuggelte Brötchen aus Backstuben heraus, deren Besitzer es mit der Uhrzeit nicht so genau nahmen. Ermelers Lieferwagen legten Nacht für Nacht bis zu 300 Kilometer zurück, um die Bäckerinnung zu täuschen. Aber die Häscher seiner Zunft waren wachsam.

Die Bäckerinnung Hannover warnte Ermeler: »Inzwischen sind uns weitere Anschriften von Verbrauchern zugeleitet worden, die von Ihnen Brötchen vor 6.30 Uhr erhalten ... Wenn uns nach Zugang dieses Schreibens erneut Verstöße gemeldet werden, sehen wir uns leider genötigt, Schritte zu unternehmen, die geeignet sind, dem Einhalt zu gebieten.«

So bedrängt suchte Ermeler nach einer legalen Stütze seines Geschäfts. Schon lange wußte er, daß einige westdeutsche Großunternehmen (Krankenhäuser, Bundeswehr, Hotels und Kantinen) ihre Brötchen aus holländischen und belgischen Großbäckereien beziehen, wo kein Verbot den Fleiß der Bäcker bremst. Da die Benelux-Länder jedoch für sein Vertriebsgebiet zu weit entfernt sind, richtete der Brötchen-Zusteller seinen Blick nach Osten, wo auch nachts gebacken wird.

Freilich sicherte er sich vor der Aufnahme von Ostkontakten vorsichtshalber im Bonner Wirtschaftsministerium ab. Ermeler bohrte: »Was im Westen möglich ist, müßte doch auch im Osten gehen« und stieß mit seinem Plan auf Wohlwollen.

Dann schrieb er an die Intrac in Berlin-Pankow. Ulbrichts Kaufleute, denen ein Jahresumsatz von etwa einer Million Westmark winkt, antworteten prompt. Sie seien bereit, »in jeder gewünschten Menge, zu jeder gewünschten Zeit« Brötchen für die Brüder im Westen anzuliefern.

Ost-Berlins Intrac-Unterhändler Heinz Martin hegt nur die Befürchtung, Ermeler wolle die DDR-Zusage zu einem Angriff auf das bundesrepublikanische Nachtbackverbot benutzen. Martin: »Möglicherweise sollen wir als Druckmittel benutzt werden.«

Hans-Joachim Ermeler jedoch ist es mit den kleinen Brötchen der deutschen Wiedervereinigung ernst. Im Herbst soll das Geschäft anlaufen.

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