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FABRIKBESETZUNG Brötchen von Genossen

Nach fünf Wochen Werksbesetzung im westfälischen Erwitte ist der beispiellose Konflikt unentschieden -- der Unternehmer gibt nicht nach, die Arbeiter geben nicht auf, die Schlichtung scheiterte.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Für fünf frierende Männer hatte die Sozialrichterin Inge Donnepp, SPD-Ministerkandidaten in der Wahlkampfmannschaft von NRW-Ministerpräsident Heinz Kühn, Schnaps, Geld und gute Worte: »Nicht aufgeben, Genossen.«

Die materielle und moralische Aufrüstung galt Arbeitern der Zementfabrik Seibel & Söhne im ostwestfälischen Erwitte: Vor mehr als einem Monat, am 10. März, besetzten 120 Arbeiter und Angestellte der 151 Mann starken Belegschaft das Werk; Brennöfen und »Brecher« (Zementwerker-Jargon für das Mahlwerk) wurden abgeschaltet, Wachen an den beiden Werkstoren rund um die Uhr postiert.

Was zunächst wie ein betriebsinterner Zwist von lokaler Bedeutung wirkte, weitete sich bald zu einem beispiellosen Konflikt aus, der nicht nur unerhörtes Stehvermögen der Streikenden offenbarte, sondern auch das Bild eines Unternehmers enthüllte, der, wie der sozialdemokratische »Vorwärts« urteilte, »eher ins 19. Jahrhundert als an das Ende des 20.« gehört.

Denn eher altkapitalistisch und vorgestrig behandelte Firmenchef Franz Clemens Seibel, 37, seine Belegschaft. seit eine Strukturkrise in der westfälischen Zementindustrie auch seinem Betrieb Umsatzrückgang bescherte: Innerhalb von fünf Tagen feuerte er 86 Arbeitnehmer, wobei er gleich mehrfach gegen das Betriebsverfassungsgesetz verstieß:

* Er ignorierte das Auswahl-Kriterium der sozialen Schutzwürdigkeit und setzte auch Kinderreiche und Schwerbeschädigte auf die ursprünglich sogar 96 Mann umfassende Kündigungsliste;

* er verweigerte dem Betriebsrat wochenlang detaillierte Daten zur wirtschaftlichen Lage des Unternehmens;

* er drückte sich um die Aufstellung eines Sozialplans für die Gekündigten.

»Vielleicht«, spreizte sich Seibel vor dem Betriebsrat auf die Frage nach finanzieller Abfindung, »vielleicht zahle ich tausend Mark pro Mann, vielleicht 500, vielleicht auch gar nichts.« Privat ist der Millionär und Mitbestimmungsgegner Seibel nicht so knauserig. Für Konzerte des Jazz-Pianisten Oscar Peterson tritt er schon mal als Sponsor auf, und auch seinen Hang zum Luxus läßt er sich was kosten: Wasserhähne in seiner Lippstadter Villa sind vergoldet, für einen 250-Quadratmeter-Bungalow an der Möhne müssen die Klos aus Bronze sein.

Bei Reisen geht Seibel ("Ich habe auch einen Landsitz in Kanada") mit einer gecharterten Cessna in die Luft, für Fahrten zwischen Wohnungen und Werk bevorzugt er teure Mercedes-Typen -- winters einen 300 SEL, sommers einen gelben 300 SL von 1961.

Wann immer aber Seibel in den letzten 36 Tagen in sein Büro wollte, mußte er »um Polizeischutz bitten«, weil ihm die Zufahrt zum Werk verwehrt war. Zu starrsinnig hatte der Firmenchef Verhandlungen über die 86 Kündigungen abgelehnt: »Wenn Sie nicht zustimmen«, beschied Seibel den Betriebsrat, »mache ich den ganzen Laden dicht.«

So kam es auch: Der Betrieb wurde dichtgemacht« aber das Signal zum Still- und Aufstand gaben am 10. März um sechs Uhr morgens die Arbeiter der Frühschicht, während Seibel in Lippstadt noch im Bett lag. Der Unternehmer erinnert sich: »Gegen halb zehn bin ich dann nach Erwitte gefahren und habe mir die Herren Besetzer mal mit der Filmkamera betrachtet.«

Durch die Linse sah Seibel, wie sich seine Arbeiter offenbar auf einen längeren Arbeitskampf einrichteten: Die Zufahrtswege zum Betriebsgelände blockierten sie mit schweren, fünfachsigen Lastwagen, und neben den Werkstoren bauten sie wind- und regengeschützte Unterstände.

Der Zementboß reagierte rasch und hart: Noch am gleichen Tag stoppte er die Auszahlung der bereits angewiesenen Februar-Löhne bis auf den pfändungsfreien Betrag, und an den kommenden sechs Tagen kündigte er in drei Schüben seine Firma leer.

Die wahren Motive des rigorosen Fabrikanten lagen wochenlang im dunkeln, erst jetzt offenbarte er sein Ziel: »den Betrieb kleinschrumpfen.«

Angeblicher Grund für den Verkleinerungsprozeß: Umsatzrückgänge bis zu 35 Prozent. Dabei hatte ein Betriebsprüfer der IG Chemie, Papier, Keramik, dem Seibel schließlich die Buchführung offengelegt hatte, in einem sieben Seiten langen Bericht festgestellt: »Die Firmenbasis ist gesund.«

Tatsächlich scheint denn auch das Seibel-Manöver einem ganz anderen Zweck zu dienen. Bei der Gewerkschaft hat sich der Verdacht verdichtet, daß der Unternehmer mit einem seiner stillen Teilhaber, dem Zementfabrikanten Hugo Miebach, per Kooperationsvertrag gemeinsame Sache machen will: Seibel, so die Vermutung, wird seine drei Ofen stillegen und nur noch -- mit maximal 40 Mann Belegschaft -- das Mahlwerk fahren, während Miebach dann endlich seine große Ofenkapazität auslasten könnte.

Gemeinsam wären die beiden Unternehmer wohl auch in der Lage, sich gegen das von der Gewerkschaft angestrebte und vom Bundeskartellamt bereits genehmigte Strukturkrisenkartell zur Verhinderung von Massenarbeitslosigkeit in der westfälischen Zementindustrie zu behaupten. Wohl nicht zufällig stehen auf der Liste der Erwitter Kartell-Gegner bis heute nur zwei Namen: Seibel und Miebach.

Daß die Belegschaft bei Seibel & Söhne auf diese Weise völlig ausgetrickst werden könnte, erscheint kaum wahrscheinlich, denn Franz Clemens Seibel steht isoliert: Die Landesvereinigung der industriellen Arbeitgeberverbände von Nordrhein-Westfalen ("Untypischer Ausnahmefall") ging auf Distanz. Die Junge Union Lippstadt und die christlichen Arbeitnehmer (CDA) rückten erschrocken von dem FDP-Mitglied ab.

Eine Sympathiewelle sondergleichen erreichte dagegen die Streikenden: Erwitter Metzger schickten Bratwürste und Koteletts. Jusos schmierten Brötchen, Rentner sorgten für Schnaps.

Die SPD-Bundestagsfraktion solidarisierte sich telegraphisch ("Eurem Einsatz wünschen wir einen vollen Erfolg"), und selbst zwei Seibel-Vettern, die in Erwitte ebenfalls eine Zementfabrik besitzen, stärkten den Streikenden den Rücken: Sie zahlten 15 000 Mark in den Härtefonds, in dem sich die Geldspenden mittlerweile auf über 30 000 Mark summiert haben.

Was Wunder, daß sich Seibel bald von einem »großen Komplott« bedrängt fühlte, mit dem »eine der letzten reinrassigen mittelständischen Zementfabriken ausradiert werden soll«. Seinen ehemaligen Betriebsrat hält er für »gekauft oder unterwandert«, die IG Chemie, die den Streik offiziell unterstützt, »sieht er als Steigbügelhalter der großen Zementkonzerne«.

Fast zwangsläufig schlug denn auch der Vermittlungsversuch von NRW-Landesschlichter Peter Kraft fehl. Seibel ("Für mich ist Kriegszustand") blieb stur: »86 gehen raus, keinen Federstrich ändere ich daran.«

Sitzungsteilnehmer Herbert Borghoff, Geschäftsführer der IG Chemie in der Verwaltungsstelle Neubeckum, letzte Woche über den Verhandlungsstil Seibels: »Arrogant, flegelhaft und von tiefer Menschenverachtung geprägt.«

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