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BERLIN-VERKEHR Brot für den Osten

aus DER SPIEGEL 21/1962

Kurzfristig wurde der Termin ausgemacht: Am Mittwoch letzter Woche fragte die Amerikanische Botschaft beim Bundeswirtschaftsministerium an, ob Botschafter Dowling den Minister Erhard sehr bald aufsuchen könne.

Schon am nächsten Morgen zwischen halb elf und halb zwölf sah sich Ludwig Erhard am Rande eines Gesprächs mit US-Botschafter Dowling über Englands EWG-Beitritt unversehens auch in Amerikas Überlegungen hineingezogen, wie die freie Zufahrt nach Berlin geregelt werden kann.

Seit Wochen opponiert die Bundesregierung gegen den Washingtoner Plan, Autobahn und Luftkorridore nach Berlin einer dreizehnköpfigen Internationalen Kontrollbehörde zu unterstellen, in der Bonn und Pankow gleichberechtigt vertreten sein sollen. Die Bundesregierung würde dagegen einen Vier-Mächte-Apparat vorziehen.

Nach Ansicht des amerikanischen State Department ist eine solche Vierer -Behörde denkbar - sie könnte dann aber wohl nur für die Verbindungen der alliierten Garnisonen einschließlich des Luftverkehrs alliierter Gesellschaften zuständig sein, und der deutsche Zivilverkehr zu Wasser und zu Lande müßte zweiseitig zwischen Bonn und Pankow geregelt werden.

Dem Kanzler ist auch dieser Gedanke nicht sympathisch, aber offenbar lieber als die Dreizehner-Lösung.

Es traf sich nun, daß in diesem Stadium der Überlegungen, kurz vor Ostern, DDR-Unterhändler vorsichtig bestimmte Wünsche angemeldet haben. Sie möchten durch eine Änderung des Interzonenhandelsvertrages die Möglichkeit zu größeren Lebensmitteleinkäufen erhalten.

Zugleich verhandeln die DDR-Instanzen mit dem Ruhrbergbau, um einen Vertrag über die Lieferung von rund 160 000 Tonnen Steinkohle und Koks unter Dach zu bringen.

Das Bonner Kabinett hat in einer seiner letzten Sitzungen darüber beraten, wie sich die Bundesregierung angesichts der Ulbrichtschen Mauer in Berlin zu derartigen DDR-Avancen verhalten soll. Behandle man die Zonenwünsche entgegenkommend, so sei möglich, daß Ulbricht das Kohlengeschäft propagandistisch mißbrauche ("DDR hilft notleidender Ruhr"). Außerdem habe sich der Rückgriff auf den Interzonenhandelsvertrag schon einmal als ein Schlag ins Wasser erwiesen.

In der Tat hatte die Bundesregierung Ende 1960 den Vertrag als Repressalie gegen den Berliner Passierscheinzwang gekündigt, ihn aber wieder in Kraft setzen müssen, ohne daß die Zone ihre Maßnahme formell abgeschafft hätte. Vom ungleich schwerwiegenderen Mauerbau blieb der Interzonenhandel deshalb unberührt: Er hat im Mauerjahr etwa das gleiche Volumen erreicht wie 1960.

Andererseits, so wurde im Bundeskabinett argumentiert, könnte eine Neufassung des Interzonenhandelsvertrags dann zur Sicherung des Berlin-Verkehrs beitragen, wenn die Verkehrsfreiheit ausdrücklich zur Grundlage eines solchen Abkommens gemacht würde. Im übrigen solle der lebenswichtige Luftverkehr ja ohnehin unter alliiertem Schutz bleiben.

Ludwig Erhard hatte sich am letzten Donnerstag - wie das ganze Bonner Kabinett - noch kein festes Urteil gebildet, als der amerikanische Botschafter Dowling ihn auf eben diese Pläne ansprach.

Bundespräsident Lübke dagegen, von Besuchern um seine Meinung zu dem DDR-Ansinnen befragt, hat sich dafür ausgesprochen, mit Rücksicht auf den Berlin-Verkehr und die notleidenden Landsleute in der Zone den Pankower Wünschen zu entsprechen.

US-Botschafter Dowling

Für Ruhrkohlen eine Berlin-Garantie?

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