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SHAW Bruder Bernard

aus DER SPIEGEL 13/1958

Am 5. September des Jahres 1884, nachmittags nach der Vesper, kniete ein achtzehnjähriges Mädchen. Margaret McLachlan, im Brautkleid am Hochaltar der Kirche von Stanbrook vor dem Bischof William Clifford von Clifton. Der Bischof fragte: »Was erbittest du?« »Die Barmherzigkeit Gottes und die Gnade des heiligen Habits«, antwortete Margaret. »Erbittest du es aus ganzem Herzen?« - »Ja, ich tue es.« - »Möge dir Gott Beharrlichkeit verleihen, meine Tochter.«

Daraufhin schnitt der Bischof dem Mädchen den Haarzopf ab. Margaret wurde in das Schwesterngewand gekleidet und offiziell in den dreizehnhundert Jahre alten Benediktiner-Orden aufgenommen. Nach mehrmaligem Klopfen der Novizin öffnete sich das große Klausur-Tor des Frauenklosters und schloß sich dann hinter der neuen Nonne. Sie erhielt den Schwesternnamen Laurentia.

Am selben 5. September 1884 wurde in der Londoner Osnabrough-Straße ein achtundzwanzigjähriger Mann, nach dem Urteil des Schriftstellers Herbert George Wells ("Die Zeitmaschine") »ein bärbeißiger, aggressiver Dubliner mit einem dünnen roten Bart im weißen, leuchtenden Gesicht«, unter dem Namen George Bernard Shaw in die Mitgliederliste der von einigen Weltverbesserern acht Monate zuvor gegründeten Fabian Society eingetragen, einer Gesellschaft, die für ein Mittelding zwischen Sozialismus und Liberalismus plädiert.

Die beiden Novizen dieses Tages - die spätere Benediktiner-Äbtissin Laurentia und der später weltberühmte Dramatiker George Bernard Shaw - haben sich erst 40 Jahre nach diesem Datum kennengelernt und eine Art von Seelenfreundschaft geschlossen, deren Zeugnisse nun auch deutschen Lesern zugänglich werden.

In diesen Tagen erscheint in Deutschland ein Buch, das auf etwa fünfzig von insgesamt über 200 Seiten auch den Briefwechsel des Dichters, der sich sein Leben lang als eingefleischter Kirchenfeind gab, mit der Äbtissin Laurentia aus dem Benediktiner -Kloster in Stanbrook enthält*. Der Hamburger Claassen Verlag hat dieses Buch es handelt sich um eine ursprünglich in England erschienene Veröffentlichung des Benediktiner-Ordens - offenbar wegen jener Passagen in sein Programm aufgenommen, in denen Ausschnitte des Briefwechsels abgedruckt sind: Die Existenz dieser Brieffreundschaft war bis dahin in Deutschland unbekannt

Die Verbindung zwischen dem Dichter und der. Klosterfrau hatte der englische Kunstexperte Sir Sydney Cockerell vermittelt, der sowohl mit Shaw wie mit der Äbtissin gut bekannt war und die beiden Parteien gern zusammenbringen wollte. Auf Cockerells dringende Empfehlung hin sagte sich das Ehepaar Shaw im Frühjahr 1924 zu einem Besuch bei Frau Laurentia an. »Wir scheuen ein wenig davor zurück, es zu tun«, schrieb Frau Shaw an die Äbtissin, »und hoffen, Sie halten uns nicht für zudringlich. Doch wir würden uns sehr freuen, Sie kennenzulernen.«

Nach dem ersten, einstündigen Gespräch schien Shaws Interesse am Klosterleben allerdings ein für allemal gestillt zu sein. Auf die Frage, wann er wieder nach Stanbrook ginge, antwortete Shaw: »Nie wieder.« Dann überlegte er eine Weile und fragte: »Wie lange ist diese Nonne schon im Kloster?« - »Fast 50 Jahre.« - »Das ändert freilich die Sache«, erklärte Shaw. »Ich werde bei jeder sich bietenden Gelegenheit wieder hingehen.«

»Shaw«, so vermerkte die Äbtissin, der dieser Dialog später hinterbracht wurde, »hatte offenbar geglaubt, ich sei erst nach einer langen weltlichen Bildungszeit ins Kloster eingetreten. Als er aber erfuhr, daß ich dem Klosterleben verdanke, was ich bin, war er sehr beeindruckt.« Tatsächlich schickte der sonst zurückhaltende Shaw bereits wenige Monate darauf an Frau Laurentia ein Exemplar seines Schauspiels »Heilige Johanna« mit der Widmung: »Schwester Laurentia von Bruder Bernard.« Dieser von Shaw offenkundig ohne Spott gewählte Name stand danach unter einer langen Reihe von Briefen, die Shaw in den 26 Jahren bis zu seinem Tode von überallher ins Kloster Stanbrook schickte.

Die Inspiration hat schuld

Shaws Briefe an die literarisch hochgebildete Äbtissin zeigen den Hang des Dichters zur Paradoxie, der auch in allen seinen Romanen und Schauspielen erkennbar ist. In den Briefen wechseln ständig witzige Ketzereien mit braven, aber auch ernsten Anmerkungen, von denen Shaw glauben durfte, daß sie der Klosterfrau gefallen würden.

So erläuterte er ihr etwa, er glaube daran, daß alle Kunstleistungen durch »Inspiration« entstünden: »Ich behaupte ebenso unerschütterlich wie der heilige Thomas von Aquin, daß alle Wahrheiten, alte oder neue, von einer göttlichen Inspiration herrühren.« Gleichzeitig aber verteidigte er mit dem Hinweis auf die göttliche Herkunft der »Eingebung« alles, was die fromme Klosterfrau in seinen Schriften als Blasphemie empfinden mußte.

Das war besonders bei Shaws höchst freidenkerischer Geschichte »Ein Negermädchen sucht Gott« der Fall. In dieser Erzählung schildert Shaw die Bekehrung eines Negermädchens zum christlichen Glauben. Die bekehrte Negerin macht sich auf, Gott zu suchen, bekommt aber von der Missionarin nur den Rat auf den Weg: »Suche, und du wirst ihn finden.«

Die Handlung der Erzählung verläuft, nach Shaws eigenem Bericht, so: »Seine (des Mädchens) Suche ist nur zu erfolgreich. Es begegnet dem Gott Abrahams und dem Gott Jobs; und ich bedauere sagen zu müssen, daß es beide mit dem Knotenstock abtut ... Es kommt zu (dem alttestamentlichen Propheten) Micha, der wie ein Dragoner brüllt und den Gott Abrahams mit seinen schrecklichen Opfern einen blutrünstigen Betrüger schimpft. Es stößt auf Pawlow, der ihm versichert, es gebe keinen Gott und das Leben sei nur eine Kette von Reflexen. Es begegnet dem heiligen Petrus, der eine Kirche auf den Schultern trägt. Das Mädchen fühlt sich gedrängt, ihn zu bitten, er möge aufpassen, daß das Gewicht ihm nicht das Rückgrat breche. Doch er versichert ihm, es sei nur eine Papier-Kirche, die ihm nicht viel zu schaffen mache. Bald darauf kommen noch andere, die sehr viel kleinere und häßlichere Papier-Kirchen auf dem Rücken haben; sie warnen es vor dem heiligen Petrus und fangen an, sich mit Steinen zu bewerfen, und es muß schnell davonrennen, um dem Steinhagel zu entgehen ...«

Daß eine Geschichte von Petrus, dem ersten Papst, der eine papierene Kirche auf den Schultern hat, nicht eben nach dem Geschmack einer Äbtissin sein konnte, hatte Shaw jedenfalls mit einkalkuliert. Dennoch - oder gerade deswegen - fragte er im Kloster Stanbrook an: »Soll ich Ihnen die Geschichte schicken oder nicht? ... Die Geschichte ist absolut blasphemisch, denn sie geht über alle Kirchen und alle Götter hinweg.« Scherzhaft versuchte Shaw, sich bei seiner »lieben Schwester Laurentia« zu rechtfertigen: Ich vergaß Sie ganz, sonst hätte ich die Geschichte nie zu schreiben gewagt.«

Frau Laurentia aber war nicht geneigt, auf diesen scherzhaften Ton einzugehen. Sie gab Shaw zu verstehen, daß er in Stanbrook nicht mehr erwünscht sei, falls er das Buch nicht zurückziehe.

Mit diesem Bescheid aber erreichte die Benediktiner-Äbtissin die Grenze der Themen, über die Shaw mit sich reden lassen wollte. Er schrieb an die Äbtissin einen Brief - »Sie sind die unvernünftigste Frau, die ich je kennenlernte« -, den er nicht als »Bruder Bernard«, sondern mit seinem vollen Namen unterzeichnete.

Immerhin unternahm der spottlustige irische Dichter auch noch in diesem Brief den Versuch, sich gewissermaßen im Tonfall eines Märchenerzählers auf die Mentalität der Äbtissin einzustellen: »Sie meinen zu glauben«, schrieb er der Klosterfrau, »daß Gott nicht wußte, was er tat, als er mich schuf und mich inspirierte, das 'Negermädchen' zu schreiben. Tatsächlich war es jedoch so, daß Gott, als meine Frau in Afrika krank lag, zu mir kam und sagte: 'Wozu bist du überhaupt zu gebrauchen?'

»Ich sagte, ich könne ein bißchen schreiben, aber das tauge für niemanden so recht. Da sagte Gott: 'Nimm die Feder und schreibe, was ich dir in deinen einfältigen Kopf setze.' Als ich damit fertig war, erzählte ich Ihnen davon und dachte, Sie würden sich freuen, weil es die Antwort auf Ihre Gebete war. Aber Sie freuten sich keineswegs, sondern verboten mir kategorisch, es zu veröffentlichen.

»So ging ich zu Gott und sagte: 'Die Äbtissin ist ungehalten.' Und Gott sagte: 'Ich bin Gott, ich lasse mich von keiner Äbtissin, die je auf der Welt herumlief, treten. Geh' und tu', was ich dir befohlen habe.' ... 'Gut', sagte ich zu Gott, 'ich nehme an, ich muß das Buch veröffentlichen, falls du es unbedingt willst. Aber es wird mir Scherereien mit der Äbtissin einbringen; sie ist eine hartnäckig unvernünftige Frau, die es mir nie erlaubt, sie im Auto spazieren zu fahren ...'

»Also überlasse ich es Ihnen«, schloß Shaw diesen Brief an die Äbtissin, »sich mit Gott und seinem Sohn darüber auseinanderzusetzen, so gut Sie können.« Versöhnlich fügte er hinzu: »Aber Sie müssen weiter für mich beten, so überraschend die Folgen auch sein mögen.«

Diese eigentümliche Bitte, daß im Kloster für ihn gebetet werden möge, taucht fast in allen Briefen Shaws an Frau Laurentia auf. In einem »Ergebenst und brüderlich - Bruder Bernard« unterzeichneten Brief vom Oktober 1931 erläuterte Shaw auch, was es mit seinem Glauben an den Nutzen der klösterlichen Gebete für eine Bewandtnis habe: »Wenn ich an meinem Radioapparat spiele, stelle ich fest, daß alle Laute der Welt in meinem Zimmer sind; ich fange sie ein, indem ich die Stellung des Drehkondensators verändere - deutsch, französisch, italienisch und alle möglichen Sprachen. Der Äther ist auch von Gebeten erfüllt, und ich nehme an, wenn ich Gott wäre, könnte ich sie alle zusammen einfangen.«

Shaw argumentierte: »Niemand weiß, welchen Einfluß diese Gebete besitzen. Wenn also der Äther erfüllt ist von diesen mir wohlwollenden Kräften, um so besser für mich! Es wäre grob unwissenschaftlich, das zu bezweifeln.«

Vor allem von einer Palästina-Reise aus, die er 1931 unternahm, schrieb Shaw fleißig Berichte an die Äbtissin, die dem Nonnenkloster in Stanbrook vorstand.

In diesen Reiseberichten fragte er sich sogar scherzhaft, »ob ich Schwester Laurentia nicht überreden soll, sie möge sich hundert Tage Ablaß, einen Shortrock nach Maß, Gamaschenstiefel, einen buntkarierten Pullover, einen flotten Regenmantel, Fernglas und Kamera, einen rot besetzten Regenschirm und einen dehnbaren Handkoffer beschaffen und schnurstracks hierher eilen, damit sie selber sieht, was in Stanbrook lediglich ihrer Vorstellungskraft überlassen bleibt.«

Weil aber die Äbtissin dem Vorschlag des Dichters nicht folgen konnte, wollte Shaw ihr und den übrigen Schwestern von Stanbrook mindestens zwei Steine als Andenken aus Bethlehem mitbringen. Von unterwegs schrieb er den Schwestern: »Sie werden beide (Steine) nach meiner Rückkehr bekommen. Sollte ich aber vorher sterben, so werde ich am Himmelstor vorsprechen, in jeder Hand einen Stein, und der heilige Petrus wird strammstehen und die Steine (nebenbei auch mich) grüßen, nachdem er das Tor entriegelt und weit für mich aufgerissen hat. Doch, das wird er tun, falls das Tor überhaupt verriegelt ist, was ich nicht glaube«

Einen dieser Steine ließ Shaw später in eine kostbare, silbergetriebene Verschalung nach Art eines Reliquienschreins fassen. Als Frau Laurentia von dem prominenten Shaw allerdings auch eine eingravierte Widmung erbat, gab Shaw zur Antwort: »Was zum Teufel - der Herr bewahre Ihren geistlichen Stand - könnten wir draufsetzen? ... Liebe Schwester, unsere Fingerabdrücke sind auf dem Stein, und der Himmel weiß, welche Fußabdrücke auf dem Stein sein mögen. Genügt das nicht?«

Auch das Stein-Mitbringsel vermochte allerdings nicht zu erwirken, daß die strenge Äbtissin dem Dichter die Erzählung vom Negermädchen verzieh. Ende 1932 schickte Shaw die endgültige, für die Veröffentlichung bestimmte Fassung der Geschichte nach Stanbrook, mit dem Vermerk:. »Liebe Schwester Laurentia, dieses Negermädchen ist trotz allem ausgebrochen. Ich getraute mich nicht, im September in Stanbrook zu erscheinen. - Vergeben Sie mir. G. Bernard Shaw.«

Die Äbtissin vergab aber keineswegs, sondern schrieb an den Autor einen scharfen Brief, auf den Shaw antwortete: »Wenn ich alles in Betracht ziehe, war es zumindest eine läßliche Sünde, mir einen so grausamen Brief zu schreiben, und ich denke, Sie werden sich selber die Buße auferlegen, das Negermädchen ein Jahr lang monatlich einmal zu lesen.«

Kondolenzbrief zu Lebzeiten

Im Herbst 1934 erhielt Shaw eine Karte aus Stanbrook mit der Druckaufschrift: »Zum Gedenken an den 5. September - 1884-1934 - Frau Laurentia McLachlan, Äbtissin von Stanbrook.« Shaw nahm diesen Bescheid als eine Todesanzeige und beeilte sich, den Klosterfrauen der Abtei zu kondolieren.

Auch in diesem Kondolenzbrief kam er wieder auf die Erzählung zurück, deren hartnäckige Verurteilung durch die Äbtissin seine Beziehungen zum Stanbrook -Kloster abgekühlt hatte: »Wenn ich durch Stanbrook fuhr, gab es mir immer einen tiefen Stich, weil ich Frau Laurentia nicht wie früher sehen und sprechen konnte ... Ich stand einst so hoch in Gunst bei ihr, daß sie Ihnen allen für mich zu beten empfahl, und ich nahm Ihre Gebete sehr ernst. Doch wir wissen nie genau, auf welche Weise unsere Gebete erhört werden; bei mir bewirkten sie, daß ich, als meine Frau wegen eines Unfalls schwerkrank in Afrika lag, ein kleines Buch schrieb, das zu meinem Kummer Frau Laurentia so sehr schockierte, daß ich es nicht wagte, mich in der Abtei sehen zu lassen, bevor mir nicht verziehen worden war.

»Ich bin sicher, sie hat mir jetzt verziehen; doch ich wünschte, sie könnte es mir selber sagen. Draußen in der Welt der Sie entflohen sind, muß man die Leute heftig schockieren, wenn man sie ernstlich dazu bringen will, über Religion nachzudenken; und meine Mittel waren zu grob. Doch nur deshalb, weil ich dazu inspiriert wurde.«

Shaws Kondolenzbrief wurde von Frau Laurentia gelesen, die mit jenem Kärtchen lediglich die Feier ihres goldenen Ordensjubiläums anzeigen wollte. Ihre Antwort an den grundlos trauernden Dichter bestand in einer kurzen Einladung, sie wieder in Stanbrook zu besuchen. Der verdutzte Shaw bügelte seinen »Riesenschnitzer«, wie er sich einem Freunde gegenüber ausdrückte, elegant aus: »Laurentia! Lebendig!!« schrieb er nach Stanbrook. »Geht man so mit eines Mannes heiligsten Gefühlen um? Ich bin außerstande, mich auszudrücken. Ich dachte, Sie wären im Himmel, glücklich und selig. Und nun lachen Sie mich einfach nur aus! Das ist Ihre Rache für das Negermädchen!«

Nach kurzem Waffenstillstand ging die Fehde zwischen beiden jedoch weiter, wenn auch nicht mehr nur um die Geschichte vom Negermädchen. »Da Sie nach meinem letzten Stück fragen«, schrieb Shaw - es handelt sich um sein damals noch unveröffentlichtes Schauspiel »Die Insel der Überraschungen« -, »schicke ich Ihnen eine Abschrift und riskiere damit den allerletzten Rest Ihres Wohlwollens für mich. Wenn Sie nur den ersten Schock über das Profane in diesem Werk zu überwinden vermögen, finden Sie vielleicht einen winzigen Funken Göttlichkeit darin. Sie werden fragen, warum ich solche Sachen schreibe. Ich weiß es nicht: Der Teufel hält mich an der einen und die Heilige Jungfrau an der anderen Hand.«

Die Äbtissin antwortete, sie stimme sehr vielem in der »Insel der Überraschungen« vollkommen zu und amüsiere sich herzlich darüber. »Muß man aber so widerwärtig profan sein, wenn man das Laster und das britische Empire geißeln will? Mußten Sie dazu Worte aus der Heiligen Schrift verwenden? Sie wären nach meiner Ansicht ebenso überzeugend, wenn Sie die verständliche Empfindlichkeit derer, die aus ganzem Herzen an Gott glauben - was Sie, vermute ich, auch tun -, nicht verletzen würden.«

Je älter Shaw wurde - der 1856 geborene Dramatiker stand inzwischen in den Achtzigern -, um so listiger kokettierte er mit den Vorteilen, die ihm aus der Bekanntschaft mit der frommen Frau erwachsen könnten: »Wenn ich hinter Ihnen ins Paradies zu schleichen versuche«, schrieb er seiner Briefpartnerin zum Beispiel, »werden sie (dort oben) so froh sein, Sie zu sehen, daß sie von mir keine Notiz nehmen ...«

Immer wieder aber bestand Shaw darauf, daß die Äbtissin für ihn beten möge. Da er berechtigten Grund zu der Annahme hatte, die Äbtissin könnte diese seine Bitten - als Wünsche eines gänzlich unfrommen Autors - möglicherweise nicht ernst nehmen, schrieb er ihr eine umständliche Geschichte, deren Held ein Boxweltmeister im Schwergewicht ist, Shaws amerikanischer Freund Gene Tunney. Die Anekdote, die Shaw der Äbtissin über den Boxer berichtete, sollte darlegen, daß Shaw ernstlich an die Wirksamkeit von Gebeten glaube.

Shaw erzählte, Tunneys junge Frau sei während der Hochzeitsreise bei einem Aufenthalt auf einer Adria-Insel an einer komplizierten Blinddarmentzündung erkrankt. Auf der Insel aber habe es keinen Arzt gegeben, der die nötige Operation hätte ausführen können.

»Die Frau hatte noch zehn Stunden zu leben. Gene, hilflos und verzweifelt, konnte nur noch zusehen, wie sie starb. Nur eines blieb ihm übrig: wieder zu glauben - und zu beten. Er betete.

»Am nächsten Morgen in aller Frühe landete (zufällig) der bekannteste deutsche Chirurg, der Entdecker eben dieser komplizierten Blinddarmentzündung, auf der Insel. Um zehn Uhr war Frau Tunney außer Lebensgefahr ...«

Shaw kommentierte diesen Vorfall: »Protestanten und Skeptiker sehen darin im allgemeinen nichts anderes als eine Koinzidenz; aber eine einzige Koinzidenz ist höchst unwahrscheinlich, und ein Bündel von Koinzidenzen, wie im vorliegenden Fall, ist in einer Welt voller Wunder schon ganz unglaubhaft.

»Das Gebet, der Zeitpunkt für die Ankunft des Chirurgen, seine Spezialkenntnisse in dieser seltenen Krankheit, das alles ist so schwer zur Koinzidenz zu bringen, daß ich die Geschichte nicht geglaubt hätte, wenn sie mir aus China über Fremde berichtet worden wäre. So wie die Dinge liegen, zweifle ich aber nicht an ihr; sie bestätigt mir nur den Wert, den ich instinktiv Ihren Gebeten beimesse. Vergessen Sie mich auch fürderhin nicht darin. Ich kann nicht erklären, wie oder warum ich durch sie (die Gebete) besser bin; aber ich liebe sie, und ich bin sicher nicht übler dran.«

Nach seinem dreiundneunzigsten Geburtstag klagte Shaw der Frau Laurentia, wie sehr ihn die Lawine von Geschenken belästige, die ihm aus aller Welt geschickt worden waren: »Ich mußte schließlich öffentlich bekanntgeben, daß ... ich nur noch unkäufliche Gebete annehme. Seitdem bin ich mit Gebeten derart überschüttet worden, daß ich allmählich fürchte, mein Ewiger Richter wird ausrufen: 'Zum Teufel mit diesem Burschen, um dessentwillen ich so geplagt werde.'«

Und auch nach seinem vierundneunzigsten Geburtstag im Juli 1950 kam Shaw, der sich inzwischen vor Altersschwäche kaum noch rühren konnte, in einem Brief an die Äbtissin noch einmal auf das Thema zurück: »Gott muß all der Gebete für diesen Burschen Shaw, den Er nur halb leiden kann, wohl müde sein.« Shaw starb einige Monate nach dem Geburtstag, im November 1950.

* »Freiheit jenseits des Gitters - Die Äbtissin Laurentia und Bernard Shaw«; Claassen Verlag. Hamburg: 214 Seiten: 15,80 Mark

Dramatiker Shaw, Ehefrau (1937)

Briefwechsel mit einer Äbtissin

Shaw-Freundin Äbtissin Laurentia

Streit um ein Negermädchen

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