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NASSER Brüder hingerichtet

aus DER SPIEGEL 41/1966

In der einstigen Residenz Deutsch-Ostafrikas umarmten einander vorletzte Woche zwei angeschlagene Größen der dritten Welt: Mit allem Pomp, den sein Entwicklungsland aufbieten konnte, empfing Präsident Nyerere von Tansania Ägyptens Präsidenten Nasser.

Nyerere, der sich durch einen Abbruch seiner Beziehungen zum einstigen Mutterland Großbritannien selbst geschwächt hat, begrüßte einen Nasser, dessen Glanz als Führer aller Araber matt geworden ist.

Nassers Nilland steckt in einer Krise, die das Land wirtschaftlich fast ruiniert und außenpolitisch fast isoliert hat.

Ägypten hat an Kredit in der Welt eingebüßt.

Das Land schuldet dem Osten fünf Milliarden, dem Westen etwa sieben Milliarden Mark. Es hat kaum genug Devisen, um die Zinsen für diese Darlehen zu bezahlen. Die Tilgung kurzfristiger Kredite, vor 18 Monaten schon einmal gestundet, ist nun wieder fällig, aber Nassers Kassen sind leer. Der Internationale Währungsfonds hat letzten Monat dem Land einen bereits zugesagten Kredit von 280 Millionen Mark gestrichen.

Dem Volk geht es heute nicht besser als bei Nassers Machtantritt vor 14 Jahren. Gigantische Bauprojekte wie der Assuan-Damm verschlangen bereits Milliarden, können sich aber noch nicht bezahlt machen, denn der Damm wird erst 1968 fertig. Fortschritte auf industriellem und sozialem Gebiet werden sofort von der Bevölkerungsexplosion wieder aufgesogen: Mit fast vier Prozent pro Jahr hat Ägypten eine der höchsten Zuwachsraten der Welt.

Die Lebenshaltungskosten stiegen 1965 um 27 Prozent und in diesem Jahr noch

schneller. Viele Läden sind leer. Nicht einmal die Strom- und Wasserversorgung in den großen Städten funktioniert regelmäßig; die Restaurants bieten oft nur noch Eintopfgericht an.

Vor elf Monaten feuerte Nasser seinen

- antiwestlichen - Premier Ali Sabri.

Neuer Regierungschef wurde der alte Nasser-Freund Zakaria Moheiddin. Er suchte dem wirtschaftlichen Chaos mit einem Sanierungsprogramm beizukommen.

Aber es war schon zu spät. Die Spar -Dekrete brachten das Volk gegen das Regime auf, waren jedoch nicht drastisch genug, um die ausländischen Gläubiger zu besänftigen. Mitte September wechselte Nasser erneut die Regierung aus. Premier wurde der Minister für den Assuan-Hochdamm, Sidky Soliman, der als Wunderkind der Organisation gilt

Staatschef Nasser läßt sich trotz drohender Gefahren für sein Land nicht davon abhalten, kostspielige Großmacht -Pläne weiterzuverfolgen. Letzte Woche jährte sich zum vierten Male der Tag; an dem ein ägyptisches Expeditionskorps in den Bürgerkrieg zwischen Republikanern und Royalisten im Jemen eingriff. Und noch immer stehen 60 000 ägyptische Soldaten (Tageskosten: vier Millionen Mark) an den Fronten des südarabischen Wüstenreiches.

Der glücklose Grabenkrieg der Ägypter im Jemen zehrt nicht nur an Kairos Kasse, er nagt auch am Prestige des Präsidenten. Denn Nassers Armee hat gegen die Guerillas des jemenitischen Imam el-Badr noch keinen Fußbreit Boden gewonnen.

Die, republikanische Regierung, die sich ohne Ägypter mit den Royalisten hätte einigen müssen, wollte Anfang September in Kairo über einen Abzug des Schutzkorps vom Nil verhandeln. Doch dazu kam es nicht: Nasser ließ Jemen-Premier General Hassan el -Amri samt einem Dutzend Getreuen in Kairo festsetzen. Im Jemen wurde Nassers Mann Sallal, der völlig abgewirtschaftete Jemen-Präsident, zum alleinigen Herrscher proklamiert; wahrer Landesherr ist jedoch der ägyptische General Fathi.

Unter Hinweis auf solche Auswirkungen des von Nasser verkündeten »panarabischen Nationalismus« fällt es einem Gegenspieler des Nil-Diktators immer leichter, die Araber in eine Anti-Nasser-Front zu drängen: König Feisal von Saudiarabien, der im Jemen die Royalisten stützt, wirbt für einen allislamischen Pakt, der auf einer Gipfelkonferenz im saudischen Mekka Anfang nächsten Jahres geschlossen werden soll. Bisher hat er bereits Zusagen aus Iran, Kuwait, Jordanien, Marokko und Tunesien. Die Türkei, Pakistan, der Sudan, Libyen und der Libanon neigen zur Teilnahme an Feisals muselmanischer Allianz; Algerien ist noch neutral.

Zu Nasser, der den geplanten Pakt als »reaktionäres Spalter-Schauspiel« brandmarkte, stehen nur der Irak und Syrien.

In dieser Situation hat Nasser ein Gipfeltreffen der Arabischen Liga - ein loser Bund aller Araber-Staaten -, das für September in Algier angesetzt war, platzen lassen. Etwa zur gleichen Zeit ließ er im eigenen Land einige Führer der »Moslem-Brüderschaft« hinrichten.

Diese orthodox-radikale Organisation mit Kadern in allen arabischen Ländern hatte Attentate auf Nasser geplant. Fast hundert ihrer Mitglieder wurden zu hohen Strafen verurteilt; drei Brüder hingerichtet. Vergebens hatte König Hassan von Marokko um Begnadigung gebeten. Auch das Angebot des Scheichs von Kuwait, Ägypten eine 400-Millionen-Mark-Anleihe zu gewähren, falls die Verurteilten geschont würden, fand in Kairo kein Gehör.

Von seinen arabischen Nachbarn mit zunehmendem Mißtrauen betrachtet, in Ost und West verschuldet, wich Nasser nach Schwarz-Afrika aus.

In Daressalam - wo der Ägypter von israelisch gedrillter Polizei beschützt wurde - palaverten Nyerere und Nasser über Rhodesien, die Uno, Vietnam und die Rolle der Neutralen. Dann beehrte der arabische Staatsgast auch die Tansania angeschlossene Gewürzinsel Sansibar mit einem Besuch.

Dort paradierten vor ihm Gardisten des schwarzen Revolutionärs Karume mit denselben russischen und chinesischen Waffen, mit denen sie 1964 in einem blutigen Aufstand gegen die arabische Oberschicht Sansibars Tausende Araber niedergemetzelt hatten.

Staatsgast Nasser, Gastgeber Nyerere in Daressalam: Oft Eintopf

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