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BERGARBEITER-LÖHNE Brüder zur Sonne

aus DER SPIEGEL 25/1962

Die Funktionäre der Industriegewerkschaft Bergbau bettelten nicht um Gastrecht in den Kantinenräumen der Zechengesellschaften: Diesmal ließen sie ihre Kumpel vor den Zechentoren in Zelten, Gastwirtschaften und gemieteten Omnibussen - darüber abstimmen, ob sie notfalls ihre Lohnforderung mit einem Streik durchsetzen wollen oder nicht. Von den 25 6000 Wahlberechtigten, die am Donnerstag vergangener Woche befragt wurden, nahmen 214 509 an der Abstimmung teil; 97,5 Prozent stimmten mit Ja*.

In den Wahlurnen wurde die Hoffnung der Zechenherren zu Asche, die Streikdrohung werde sich lediglich als taktisches Manöver der Gewerkschaftsführer erweisen. Anders als in den vergangenen Jahren ist die Gefahr des ersten Bergarbeiterstreiks an der Ruhr seit den Tagen des Ruhrkampfes von 1923 diesmal durchaus ernst, denn zum erstenmal ist die Kampfesfreude der Kumpel größer als ihr Gehorsam gegenüber der Gewerkschaft und ihrem Führer Heinrich Gutermuth.

Daß die Gewerkschaft ihre Mitglieder nicht mehr so straff am Bändel hat wie zuvor, wurde bereits in der Kleinen Westfalenhalle in Dortmund offenbar, in die Gutermuth am 7. Juni etwa 1500 Betriebsräte und Vertrauensleute aus den Zechen gerufen hatte.

Der Kumpel-Chef und sein Tarifexperte, Karl van Berk, brachten nach Dortmund den Vorschlag mit, den Unternehmern ein Jahr nach der letzten Lohnerhöhung eine Lohnverbesserung um sieben Prozent abzufordern. Die versammelten Funktionäre sollten beschließen, daß unter allen Mitgliedern der Gewerkschaft über diese Forderung und über die Bereitschaft, notfalls zu streiken, eine Urabstimmung abgehalten werde.

Mit sieben Prozent gab sich indes die Versammlung keineswegs zufrieden. Sie wischte den relativ gemäßigten, sorgfältig vorbereiteten Entschließungsentwurf von der Tagesordnung.

Ein Gelsenkirchener Bergarbeiter verkündete, mit einem Beschluß, für sieben Prozent mehr Lohn zu streiken, könne und wolle er sich nicht nach Hause trauen; elf bis zwölf Prozent seien die Mindestforderung.

Der sprachgewaltige Funktionär Muhs von der Herner Zeche »Shamrock 1/2« rechnete Gutermuth vor, daß die Schichtleistung der Bergarbeiter um 38 Prozent gestiegen und es darum im Grunde logisch sei, eine Erhöhung der Löhne um sogar 38 Prozent zu verlangen.

Neun Redner nahmen zu der Lohnforderung Stellung. Keiner trat für den Vorschlag des Vorstands ein. Alle verlangten zumindest zehn Prozent mehr Lohn. Gutermuth konsterniert: »Will denn keiner dagegensprechen?«

Tarifexperte van Berk beschwor die Delegierten, zehn Prozent Lohnforderung seien unrealistisch. Die Unternehmer verhandelten in diesem Jahr »eisenhart«, und die Öffentlichkeit werde bei einer so hohen Forderung gegen die Gewerkschaft Stellung beziehen. Aber sein Erfahrungsrezept »Man muß die Öffentlichkeit hinter sich haben, das ist der halbe Sieg« wurde von der Versammlung mit Buh-Rufen quittiert.

Den nach Dortmund entsandten Vertretern war von ihren Kollegen eingeschärft worden, ohne Palaver über Einzelheiten dafür zu sorgen, daß der Bergmann seine traditionelle Spitzenposition in der deutschen Lohnskala wiedergewinnt. Schwieliger Beifall belohnte einen der Sprecher für die Erklärung, heutzutage stehe der Bergmann lediglich an erster Stelle auf dem Wege zum Friedhof.

Als Heinrich Gutermuth bremste, durch die Sieben-Prozent-Forderung sei der Anspruch auf Spitzenlohn nicht aufgehoben, sondern nur verschoben, erntete er den Zuruf: »Mensch, Heinrich, dann kriegen wir ja einen Bart.«

Versammlungsleiter Gutermuth gab schließlich auf und ließ über die Forderung nach einer zehnprozentigen Lohnerhöhung abstimmen. Nur sechs der anderthalbtausend Funktionäre stimmten dagegen, zwei enthielten sich der Stimme

- die Urabstimmung war beschlossen.

Über Gutermuths ("Ein Streik ist kein Spaziergang") und van Berks ("Ich habe zwei Streiks miterlebt") Ermahnungen hinweg stimmten die 1500 kampfentschlossen das Lied »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit« an.

Der neuerliche Anstieg der westdeutschen Lebenshaltungskosten um 4,6 Prozent gegenüber 1961 erleichtert es den Bergleuten, ihre Forderung ohne Rücksicht auf die Ertragslage der Zechen zu verfechten. Ihre Vertreter in den Aufsichtsräten wissen selbst, daß die Finanzen des Bergbaus schlecht stehen. Diese Tatsache ließ jedoch schon Heinrich Gutermuth beiseite, als er im Februar und März dieses Jahres neue Lohn- und Gehaltsforderungen für den Saarbergbau und die Ruhr anmeldete. Zum erstenmal nach dem Kriege

nannte die IG Bergbau ihren Partnern zu Beginn der Tarifgespräche keinen Prozentsatz, sondern erhob schlicht die pauschale Forderung, der Bergmann müsse wieder an die Lohnspitze.

Gutermuths Statistiker wiesen nach, daß an Saar und Ruhr inzwischen nicht mehr die Kumpel, sondern die Stahlwerker den höchsten Lohn beziehen. Das durchschnittliche Brutto-Wocheneinkommen der Bergleute unter und über Tage habe 1961 nur 163,20 Mark, das der Stahlwerker durchschnittlich 172,43 Mark betragen. Der Bergbau-Angestellte habe durchschnittlich 799 Mark im Monat verdient, sein Kollege im Stahlwerk dagegen 832 Mark.

In der Tat hatten die Bergleute noch 1958 mit durchschnittlich 141,28 Mark Brutto-Wochenlohn am meisten verdient, gefolgt von den Stahlarbeitern mit 3,7 Prozent geringerem Lohn. Als im Jahr darauf an der Ruhr Feierschichten eingeführt werden mußten, übernahmen die Stahlarbeiter mit 3,8 Prozent höherem Durchschnittslohn die Führung. Im Jahre 1961 verbesserten sie ihren Vorsprung vor den Kumpeln auf 4,4 Prozent.

Da andere Branchen der westdeutschen Industrie besser florierten als der Bergbau, konnten sie auch bessere Löhne zahlen. Am Jahresende 1961 waren deshalb die Kumpel auf der Liste der durchschnittlichen Brutto-Wochenlöhne an die dritte Stelle gerückt:

- Stahlarbeiter 172,43 Mark,

- Druckereiarbeiter 171,21 Mark,

- Bergleute 163,20 Mark.

Berufsgruppen, deren Lohn sich früher in respektvoller Entfernung von dem der gefährlicher lebenden Kumpel gehalten hatte, waren relativ dicht aufgerückt. So verdienten Automobilarbeiter im vergangenen Jahr durchschnittlich 150,26 Mark pro Woche, Baugewerbler 141,67 Mark (Durchschnitt aller Beschäftigten der Branchen).

Die Saarbergwerke AG, der alleinige Kohleproduzent an der Saar, offerierte Gutermuths Männern im Frühjahr eine Lohnaufbesserung von sechs Prozent, worauf die IG Bergbau die Verhandlungen als gescheitert ansah und am 8. Mai den Streik ausrief.

Nach achttägigem Ausstand kapitulierte die Saarbergwerke AG. Mit 74 Prozent ist der Bund Hauptaktionär der Gesellschaft, und die Bundesregierung steht in Saarbrücken ohnehin in dem Geruch, die Saar am Wirtschaftswunder vorbei heimgeführt zu haben. Bonn bewilligte deshalb den 48 000 Saar-Bergleuten eine Lohnerhöhung von acht Prozent. Der Testfall bestärkte die Ruhrkumpel, gleichfalls wieder der Lohnspitze zuzustreben.

Die überwiegend privaten Ruhrzechen verwiesen auf die schlechte Ertragslage. Der Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Ruhrbergbau, Oberbergrat außer Dienst Theobald Keyser, versicherte: »Wir möchten sogar eine Lohnerhöhung von 20 Prozent geben, aber wir haben kein Geld.«

Die Zechen forderten deshalb zunächst ihre Tarifpartner auf, bis zum Ablauf des Tarifvertrages am 31. März 1962 zu warten. Später wünschten sie eine Verschiebung bis nach der Energie -Debatte im Bundestag am 16. Mai. Und schließlich verlangten sie, die Verhandlungen bis Oktober 1962 zu vertagen, um das Ergebnis der Bonner Maßnahmen zur Energie-Politik (SPIEGEL 18/ 1962) abzuwarten.

Das Wahlergebnis an der Ruhr in der vergangenen Woche zeigte, daß die Bergarbeiter nicht länger warten wollen. Von der Bundesregierung und deren Energie-Politik können sie nach den Erfahrungen des letzten Jahres auch kaum schnelle Entscheidungen erhoffen. Die Gewerkschaftsführung weiß genau, daß die Besorgnis der Bundesregierung um die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen (8. Juli) ihr sicherster Bonner Verbündeter ist.

Die Zechenleitungen hingegen müssen befürchten, daß Gutermuth seine, wie er sagt, »zerschmetterndste Waffe« einsetzt. Darunter versteht die Gewerkschaftsführung einen Aufruf an alle Bergarbeiter, die Kohlenpütts zu verlassen, da der Bergbau keine Zukunft habe.

Einzelne Fachleute an der Ruhr haben als letzten Ausweg ins Auge gefaßt,

Lohnerhöhungen allenfalls auf die 223 000 Arbeiter unter Tage zu beschränken und sie nicht, wie bisher, auch den Lohnschreibern, Handwerkern und anderen Beschäftigten über Tage zukommen zu lassen.

Zechenexperte Hans J. Braune vom Vorstand der Mannesmann AG meint: »Der Bergmann an die Lohnspitze - ein wunderbares Schlagwort. Es sollte aber nur für die Kohlenhauer gelten.«

* Dabei waren nur die im Produktionsprozeß stehenden Gewerkschaftsmitglieder stimmberechtigt. Organisierte Lehrlinge und Rentner durften - ebenso wie alle Nichtorganisierten - an der Urabstimmung nicht teilnehmen.

Gewerkschaftsführer Gutermuth

Drang zur Spitze

Streikabstimmung an der Ruhr: Zechen zur Kasse

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