Zur Ausgabe
Artikel 11 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Brüllhorden, Pöbelhaufen, Terrorbanden«

aus DER SPIEGEL 38/1979

Am Abend zuvor, in der »Bonner Runde« des Zweiten Fernsehens, zwischen einigen Bieren vorher und ein paar mehr nachher im Garten seiner Landesvertretung am Rhein, hat der Ministerpräsident aus München noch sein bayrisches Urmaul gehalten und fast immer nur seinen Nachbarn Kohl reden lassen. Da mußten die Fernsehzuschauer schon glauben, Franz Josef Strauß sei nicht mal ein Wolf im Schafspelz, wie jetzt immer behauptet wird, sondern nur ein Schafspelz und, wie er da so saß, gar nichts weiter.

Und auch noch fünfzehn Stunden später, am Freitag vergangener Woche, war der Bayern-Kurier, diesmal vor Journalisten im Salon Cullinan des Düsseldorfer Japan-Hotels »Nikko«, bei Apollinaris und halb hinter einem weißblauen Tischfähnlein versteckt, von seinem üblichen Repertoire so weit entfernt wie der Bierdunst der Brauhauskeller von der rußigen Luft des Reviers -- dort, wo er seinen Testlauf als Kanzlerkandidat der Union starten wollte.

Ob die Rede auf Biedenkopf kam oder auf Blüm, ob auf ihn selber, der es schließlich verstanden hat, den Christdemokraten außerhalb Bayerns ärger zuzusetzen als SPD und FDP zusammen -- mal nach dem mildesten Ausdruck stotternd, mal beinahe verlegen lächelnd, wo er sonst krachledern formuliert hätte, schien er sich auf eine Talfahrt mit ausgefeilter Kurventechnik vorbereitet zu haben, und mit viel Ölverlust.

Wie geschmiert kamen seine Repliken auf die Frage, welchen Sinn, welche Bedeutung er denn seinem Auftritt im nordrhein-westfälischen Kommunalkampf (Wahltermin: 30 September) unterschiebe, wenn nicht den, nebst den Sozis und Kanzler Schmidt auch der Union zu zeigen, was eine bayrische Harke ist. Nichts da: »Ich bin nur einer von unzähligen Rednern« oder »Nicht ich steh? doch hier zur Diskussion«, und so sei es doch gar nicht, daß er hier unter der Devise aufzutreten gedenke: »Hurra, jetzt bin ich da.«

Fast schien es, er habe sich zuviel zugemutet, als Nummer eins der Bonner Opposition statt mit Jodeln und Knödeln nun mit Zechen und Gruben zu tun zu bekommen: Zwar kenne er das Revier »nicht erst aus der Lektüre der letzten Tage«, aber er denke auch keineswegs daran, sich »als Experte des Ruhrgebiets aufspielen« zu wollen. Das dreigliedrige Schulwesen so wenig wie der »Ausbau der städtischen Straßen« sei »Angelegenheit des Kanzlerkandidaten Strauß«.

Was sollen da noch die »Stoppt Strauß«-Plaketten, von denen sogar die Junge Union ein paar angefordert hatte? Strauß kann nicht umhin, sich mit Friedrich dem Großen zu vergleichen, über den »mein Freund Rudi Augstein« ein »wunderbares Buch« geschrieben habe, nur sei es keins über den Alten Fritz, sondern eines über Otto Gebühr geworden: »Die reden eben über das Klischee, das sie jahrelang über ihn aufgebaut haben«, über ihn, Strauß, »aus dem Milieu der Arbeiterlandschaft im Münchner Norden«.

Die Presseleute im Salon Cullinan -- benannt nach einem 3 106-Karat-Diamanten aus Transvaal -- überlegen da schon, ob es überhaupt noch Sinn hat, mit Strauß nach Essen zu fahren, wo er seinen ersten öffentlichen Auftritt im Wahlkampf haben wird. Vielleicht, so spaßen sie, glauben die Leute dort, die Essener SPD habe als Attraktion einer ihrer Kaffeefahrten einen Parodisten angeheuert, der Franz Josef Strauß nur nachmacht. Und das auch nur halbwegs so gut wie etwa einer vom Tegernseer Volkstheater.

Dann aber geht es auf dem Burgplatz in Essen, zu Füßen eines Reiterdenkmals von Wilhelm 1., mindestens so kernig los wie in Vilshofen? nur daß hier nicht die Getreuen, sondern die Widersacher die Oberhand haben. »Alaska wartet«, steht auf Transparenten geschrieben, »wir brauchen keinen starken Mann, wir sind selber stark«. Und immer wieder »Strauß -- nein danke«.

Außer zwei Hundertschaften der Polizei sind an die zehntausend Leute in die Essener City gekommen, darunter sogar welche, die sich vor Ergriffenheit die Augen wischen müssen, da er nun kommt. Ein böser Witz vom Mütterchen ist zu hören: Den Kohl, den Biedenkopf und sogar den Köppler habe sie ja wiedererkannt, aber der Führer, nein, sei der aber alt geworden. Zunächst ist von dem aber gar nichts zu sehen. Hinter eilends herbeigeschafften Herrenschirmen versucht sein Tross, ihn vor den Eiern zu schützen, die aus dem Volk, vier Meter unter ihm, auf die Terrasse des Restaurants »Burghof« geworfen werden, wo das Podium steht. Eins trifft Strauß trotzdem dort, wo er sonst wohl seinen Verdienstorden trägt, gerade dann, als der CDU-Mann Norbert Königshofen, der trotz bisheriger absoluter SPD-Mehrheit in der Ruhrmetropole gern Oberbürgermeister von Essen werden möchte, den »künftigen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland« begrüßt.

Nachdem der Bayerische Defiliermarsch der Bergmannskapelle Rossenray verklungen ist und »When the Samts go marchin? in« der »The New Haranni Poison Mixers«, die gegen Geld auch für andere Parteien jazzen, steht Strauß eine Viertelstunde schweigend hinter dem Mikrophon, setzt die Lesebrille auf, setzt sie wieder ab und läßt sich sichtlich aufladen vom Akustischen da unten: Pfeifkonzerte wie beim ungerechten Elfmeter gegen Rot-Weiß, grelle Sprechchöre »Strauß raus« und sonor: »Aufhören« -- bevor es noch angefangen hat.

Dann, als er endlich anfängt, nein: loslegt, ist er plötzlich der Strauß, den jeder kennt. Der Saustall- und Sonthofen-Strauß, der es, wie Parlamentsstenographen gestoppt haben, in zwanzig Sekunden auf 311 Silben bringt, und auf was für welche.

Der »Anti-Strauß-Bewegung« drunten auf dem Bauplatz, nach Definition einer CDU-Wahl-Postille »unter Einsatz aller Mittel arbeitende Interessengemeinschaft mit erstaunlicher Bandbreite von Augstein bis Zentralkomitee der SED«, macht der Kanzlerkandidat klar, was sie für Typen auf die Beine gebracht hat: »Kommunistische Terrorbanden«, »Pöbelhaufen«, »rote Brüllhorden«. Und Strauß wird persönlich: »Ihr könnt einem ja leid tun mit eurer erbärmlichen Dummheit«, »Ihr seid die besten Nazis, die es je gegeben hat«.

Nun geht es nicht mehr um die nordrhein-westfälischen Kommunalwahlen, sondern darum, »was auf uns zukommt, wenn diesem Treiben nicht Einhalt geboten wird«, es geht um »den Staat, der sich auch hier wieder als zu schwach erweist, um Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten«, es geht darum, »in Essen die Freiheit wiederherzustellen« -- statt Sozialismus.

Seit Adolf von Thadden, das scheint sicher, hat so etwas keiner mehr abgelassen. Auf den für CDU-Veteranen reservierten Sitzplätzen auf dem Essener Burgplatz war der Beifall groß. Anderswo wohl auch, denn da war er endlich, der Gegenkandidat, auf den Helmut Schmidt schon nicht mehr zu hoffen gewagt hat.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 11 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.