Zur Ausgabe
Artikel 50 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

NACHRUF BRUNO KREISKY

aus DER SPIEGEL 32/1990

Unter den sozialistischen Großen der siebziger, achtziger Jahre war er der extravaganteste, unter den Kanzlern deutscher Zunge der kultivierteste, unter Europas Kleinstaatgebietern ein Gigant.

Er war quicker als der bedächtige Brandt, gemütlicher als der feierliche Mitterrand, weltläufiger als der Weltpolitiker Schmidt, liebenswürdiger als der bittere Palme. Und doch erwarb er sich um seine Partei Verdienste wie Brandt um die seine, war er oft so undurchschaubar wie Mitterrand, so ungeniert undogmatisch wie Schmidt und in fernen Landstrichen fast so angesehen wie Palme.

Vor allem aber war dieser Sozialist mit der Physiognomie eines Hofrats aus der Spätzeit der k. u. k. Monarchie der erste Jude an der Regierungsspitze eines Staates deutscher Zunge. Daß dies möglich war in Hitlers Geburtsland mit seiner gepflegten antisemitischen Vergangenheit und hartnäckigen Waldheim-Gegenwart, ist so bemerkenswert wie die Tatsache, daß ausgerechnet ein Großbürger, Jahrgang 1911, mit viel Gout fürs Aristokratische, die harten Austromarxisten der SPÖ zu braven Sozialdemokraten domestizierte - durch Vermittlung des rauschhaften Abenteuers Macht und Erfolg.

Er selbst hatte die legendären austromarxistischen Ideologen Otto Bauer und Victor Adler noch persönlich gekannt, im Dialog mit aufbegehrenden Linken konnte er marxistische Theoretiker oft besser zitieren, als es seine jungen Herausforderer vermochten. Dennoch wirkte sein Marxismus stets ein bisserl kokett.

Diesem Wanderer zwischen den alpenländischen Welten gelang es, erstmals größere Wählerschichten aus dem bürgerlichen Lager für die Sozialistische Partei zu gewinnen, weil der Name Kreisky für Liberalität und Weltoffenheit bürgte.

Mit der ihm eigenen Nonchalance raunzte er in den Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs durchaus zutreffend: »Von Wirtschaft versteh' ich nix« - er traf auch damit das Gefühl vieler Bürgerlicher, die jener beschaulichen Zeit nachtrauern, als im Staatsdienst noch am schnellsten befördert wurde, wer die schönste Handschrift hatte, weil der Kaiser Franz Joseph selig Maschinengeschriebenes nicht litt.

Der Kaiser Bruno war ein typischer Hochkonjunktur-Herrscher. Vom Zuwachs des Sozialprodukts in seiner Amtszeit profitierten nebst allerlei Filz-Rittern auch die Einkommensschwachen, eine größere Umverteilung aber fand nicht statt.

Die heraufziehende Wirtschaftskrise versuchte Kreisky mit offensivem Deficit Spending zu meistern - Mr. Keynes hätte seine Freude an dem Mann gehabt. Doch der Krise war so nicht beizukommen, dem Wirtschaftler wider Willen begann das Geld auszugehen. Kreisky verweigerte sich jedem Anflug von Austerity - und verlor dennoch im Frühjahr 1983 die absolute Mehrheit.

Immerhin ersparte er den Österreichern die hohen Arbeitslosenzahlen der ihm gegenüber oft arroganten deutschen Regierungsgenossen. Und vermutlich war seine Wirtschaftspolitik damals nicht gar so falsch - er hatte nur Pech. Jedenfalls entsprach Österreich gegen Ende seiner Regierungszeit längst nicht mehr der Idylle einer Insel der Seligen, von der Propagandist Kreisky immer noch überzeugend, wenn auch kaum überzeugt kündete.

Vor allem die Macht der Funktionäre und Schmarotzer in der gemächlichen Verwaltung und in der schlamperten Staatsindustrie konnte Kreisky nicht brechen. Er hat es, seinem Machtinstinkt folgend, auch gar nie ernsthaft versucht, ließ vielmehr in seinem Dunstkreis mafiose Figuren wie den Allerweltsgauner Udo Proksch hochkommen, mit dem sich die Wiener Justiz bis heute herumplagt.

Und wie er jonglierte! Aus dem Debakel des verlorenen Referendums über das Kernkraftwerk Zwentendorf tauchte der betagte Phönix mit einer »Generalvollmacht« seiner Partei wundersam wieder auf.

Doch den österreichischen Titanenkampf gegen seinen einstigen Günstling, den Schlawiner Hannes Androsch, gewann der Rachsüchtige nicht mehr - Androsch fiel erst lange nach seinem Mentor und ist heute fast schon wieder wer.

In seiner Spätzeit holte der gestandene Antinazi, Sozialist, Jude und Weltbürger Kreisky tatsächlich noch die rechten Freiheitlichen ins Kabinett - den Ruch wurde der von ihm selbst erkorene unglückselige Nachfolger, der an Spätfolgen der Kreisky-Ära rasch gescheiterte Fred Sinowatz, nicht mehr los.

So lustvoll Kreisky regierte, so ausschweifend er plaudern und extemporieren mochte, so unwillig er schließlich abtrat, nie vermittelte er den Eindruck, vor allem gut ankommen zu wollen. Das macht ihm so schnell kein Berufspolitiker nach.

Und der boshafte bärtige Pensionist Kreisky, der den Nachfolger Sinowatz einen Betrüger nannte und dessen Nachfolger, den »Nadelstreif«-Kanzler Franz Vranitzky, einen Söldling der Banken, er konnte das Bild nicht trüben von den schönen Tagen des Ancien regime, die er in seinen Memoiren noch einmal verklärte.

Da schleuderte der assimilierte Jude Kreisky über Jahrzehnte hin seine Blitze gegen den Judenstaat Israel; schimpfte er dessen Premier Begin einen »polnischen Winkeladvokaten« und eine »politische Krämerseele«; akzeptierte er innige Bruderküsse des Israel-Feindes Arafat, hofierte er den »mißverstandenen« arabischen Irrwisch Gaddafi. Der Bannfluch, den die US-Juden gegen den elenden Waldheim verhängten, war sicher auch ein bißchen Revanche dafür, daß man den Nazi-Flüchtling Kreisky trotz seiner notorischen anti-israelischen Ausfälle zum richtigen Antisemiten nicht ernennen konnte.

Vor allem aber: Da lehrte am Ballhausplatz zu Wien, wo einst die Spinne Metternich ihre imperialen Fäden zog, ein Kleinstaatsozialist, der ein begnadeter Darbieter war, die Großen der Welt Mores, als ob Österreich und er selbst noch einem Weltreich vorständen und als ob es für Österreich wichtiger gewesen wäre, wie in Jerusalem regiert wird als in Wien.

Das alles mochte recht unverhältnismäßig und irreal sein - aber es war sehr österreichisch. Und es tat gut.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 88
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel