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Kanzler Brutale Zuversicht

aus DER SPIEGEL 8/1994

Vergessen Sie alles, was Sie in den letzten Wochen über mich gehört haben«, sagt der Mann am Mikrofon. »Legen Sie alles beiseite, was Sie gelesen haben.«

Hier und jetzt wolle er mit den Versammelten über alles reden, »über unser Land, unsere Sorgen, unsere Chancen, unsere gemeinsame Zukunft«. In der Niedersachsenhalle ist es still.

2000 Menschen sind nach Hannover gekommen, um sich diesen Helmut Kohl zu begucken, dem die Meinungsforscher kaum noch eine Chance geben. Sie wollen dabeisein, wenn der letzte Dinosaurier der deutschen Politik in aller Öffentlichkeit um die Macht ringt. Die Neugierigen stehen dicht an dicht.

Zum niedersächsischen Wahlkampfauftakt in Osnabrück reichte die Stadthalle nicht aus. Hunderte lauschten an den draußen aufgestellten Lautsprecherboxen. In Celle, wo der Kanzler am Mittwoch abend vergangener Woche sprach, hockten die Spätgekommenen vor der Videoleinwand im Foyer.

»Es geht mir nicht darum, Probleme zu leugnen, überhaupt nicht«, sagt er den Hannoveranern mit ruhiger Stimme. Dieser Kohl, das soll von Anfang an klar sein, weiß, was los ist im Lande.

Sicher, vieles wurde falsch gemacht in den vergangenen Jahren, von der Politik, den Gewerkschaften, den Arbeitgebern, _(* Am Mittwoch vergangener Woche in ) _(Hannover. ) von allen. »Ich sag'' das ohne Vorwurf«, tönt es über die Lautsprecher. So spricht Kohl gönnerhaft auch den Kanzler frei von Schuld.

Jetzt müsse das Land die Verkrustungen aufbrechen, das ökonomisch Richtige tun. Seine rechte Hand fährt drohend nach oben, er schnaubt und brüllt: »Wir Deutsche müssen umdenken.«

»Du hattest doch genug Zeit«, ruft einer dazwischen. Einige nicken stumm. Kohl hat nichts gehört. Doch er spürt, daß sein Auftritt als Reformer noch nicht richtig sitzt. Nach elfeinhalb Jahren als Regierungschef - wer soll ihm die Rolle des Erneuerers eigentlich abnehmen?

Kohl legt unbeirrt zu. Er wollte doch schon immer flexiblere Arbeitszeiten, er will Postreform und Bahnsanierung noch in den ihm verbleibenden Monaten durchsetzen. Der Kanzler gibt sich entrüstet über all die Zauderer in Bonn. Helmut, lass'' uns das nach der Wahl machen, flüsterten die ihm zu.

»Nein«, brüllt Kohl ins Mikrofon. »Es muß jetzt geschehen.« Nur wenn »wir jetzt umdenken«, lasse sich die Arbeitslosigkeit stoppen. »Wir können nicht im alten Stiefel weitermachen.«

Applaus, laut und lang. Die Botschaft hat jeder im Saal begriffen: Schwierige Zeiten brauchen Männer mit Mut, Augen zu und Kohl.

Dieser Kanzler empfiehlt sich als einer, der umsteuern will, nicht aus Lust an der Veränderung, sondern aus Sorge um das Land. In seiner Standardrede, die er von Auftritt zu Auftritt nur leicht variiert, tauchen die Schlüsselworte immer wieder auf: dreimal »Umsteuern«, viermal »Reform«, elfmal »Zukunft«.

Nur Konzepte gegen all die Widrigkeiten der Gegenwart hat er nicht zu bieten. Umdenken, aber in welche Richtung? Erneuern, aber was? Sparen - wieviel noch? Aufschwung Ost, wann geht''s denn los?

So genau will Helmut Kohl sich nicht festlegen, und so genau will es hier offenbar auch keiner wissen. Der Kanzler zielt auf jene Leute, welche die Verhältnisse im vereinten Deutschland bekümmern und die sich dennoch vor Reformen fürchten. Schon das Benennen der Probleme verschafft vielen Linderung.

Zielsicher redet sich Kohl in die politische Mitte hinein. »Ich will keinen autoritären Staat«, sagt er und markiert damit die Grenze rechts außen. Die Befestigung am linken Rand folgt sofort: »Aber«, sagt er, »ich will einen Staat mit Autorität.«

An den Schulen und Universitäten wünscht er sich wieder mehr Leistung, das Land brauche eine Elite. »Aber«, schiebt der Sozialpolitiker Kohl gleich hinterher, »ich will nicht zurück zu den alten Verhältnissen.«

In einer Zeit, in der alles sich stürmisch verändert, erzeugt der Koloß mit den verwitterten Gesichtszügen und der uneitlen Biederkeit bei vielen ein heimeliges Gefühl. »Ich hab'' halt das Altmodische an mir«, sagt er gern. Viele Zuhörer, so scheint es, sind ihm dankbar dafür.

Auf seinen Optimismus können sich die Anhänger verlassen. Hinter den Problemgebirgen, die der Kanzler skizziert, ist die blühende Ebene immer schon in Sicht.

Selbst den Niedergang in Ostdeutschland, das größte Desaster der Kohlschen Einheitspolitik, will er nicht als Fehler akzeptieren. Die »blühenden Landschaften«, die er den Ostdeutschen bei der letzten Wahl versprach, werden kommen, verspricht er diesmal wieder: »Ich habe mich im Zeitmaß geirrt.«

»Wir bauen blühende Landschaften«, ruft er trotzig ins Mikrofon, mit einer Erregung, die durch Echtheit verblüfft. Und wenn alles zwei Jahrzehnte später wahr wird - »was ist das schon vor der Geschichte?«

Die Zuhörer in Hannover sind begeistert. Diese Unbeugsamkeit, diese Kampfeslust, dieser Kohl strahlt eine fast brutale Zuversicht aus.

Die Zustimmung trägt den Kanzler davon. Von Problemen will er jetzt nichts mehr wissen, die satte Selbstzufriedenheit hat ihn wieder. Und während das Langenhagener Flughafenorchester zu Tuba und Trompete greift, entläßt Kohl sein Publikum mit dem erhabenen Satz: »Dieses Land ist wunderschön.« Y

* Am Mittwoch vergangener Woche in Hannover.

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